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Beziehungskolumne : Warum wir gemein sind, wenn wir lieben

Machen sich das Leben auch nicht gerade einfach: Connell (Paul Mescal) und Marianne (Daisy Edgar-Jones) als „Normal People“ Bild: Picture-Alliance

Woran liegt es, dass man seine Partner oft boshafter behandelt als andere Menschen, die einem viel weniger bedeuten? Eine soziologische Spurensuche in der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

          5 Min.

          Es muss schon vor einiger Zeit gewesen sein, jedenfalls saßen wir draußen in einer kleinen Gruppe zusammen. Ein Freund hatte Geburtstag. Für einen Tag befreit von allem, was ihm das Lebensjahr aufgebürdet hatte, erzählte er drauflos, und wir sorgten, berauscht von der Geselligkeit, dafür, dass er im Zentrum der Aufmerksamkeit blieb. Seine Freundin kam ein wenig später dazu. Sie wirkte angestrengt, als sie sich neben uns niederließ. Gleich darauf begann sie, Bemerkungen einzuwerfen: Unser Freund habe einen zu kleinen Tisch reserviert, zu wenig Essen bestellt. Sie raunte mir, für ihn gut hörbar, zu: Ob mir schon aufgefallen wäre, dass er seit Wochen keinen Sport mache. Noch vor Mitternacht nahm sie ihn am Arm und führte ihn davon. Schwankend drehte er sich nach uns um. Er rief, wie gern er eigentlich noch bleiben würde.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Später fragte mich eine Freundin, ob mir auch aufgefallen sei, wie gemein die Partnerin unseres Freundes an diesem Abend, der ja immerhin sein Geburtstag war, zu ihm gewesen sei. Ob ich mir vorstellen könnte, woran das lag. Ich hatte nicht weiter daran gedacht, es als die üblichen Beziehungs-Sticheleien abgetan, die mir selbst nicht fremd waren.

          Für die schnelle Pointe ausgenutzt

          Aber je dauerhafter sich unsere sozialen Kontakte reduzieren, desto mehr Zeit bleibt, die Paarbeziehungen im nächsten Umfeld zu beobachten. Man telefoniert, gibt einander küchenpsychologische Ratschläge – oder schaut dabei zu, wie sich andere vor einem Videobildschirm gegenseitig ins Wort fallen. Warum sind die meisten von uns immer wieder gemein zu unseren Partnern? Nicht jene, die in ihrer Beziehung ohnehin schon nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Sondern die, die ganz offensichtlich grundsätzlich zufrieden sind.

          Wie erwähnt, das Problem ist mir vertraut. Schamvoll erinnere ich mich an Momente, in denen ich die wunden Punkte damaliger Freunde für eine schnelle Pointe ausgenutzt habe. In denen ich ihnen vorwarf, faul und antriebslos zu sein, nur weil ich selbst nichts mit meiner inneren Unruhe anzufangen wusste. Wir saßen zusammen, jemand lud uns zu einer Radtour ein. Undenkbar, rief ich. Um die Uhrzeit kommt der nie aus dem Bett. Umgekehrt war ich empört, wenn sich jemand so etwas bei mir erlaubte.

          Bei anderen meint man die kleinen Ungerechtigkeiten besser einschätzen zu können. Das war fies, urteilt man, jetzt mische ich mich ein und sorge für Gerechtigkeit. Manchmal gelingt das. Manchmal lacht man aber auch auf Kosten der oder des anderen mit. Und manchmal lächelt man gequält und schweigt.

          Bei der Verwandten, die ihrem Mann vor versammelter Runde ins Gesicht sagt, er solle jetzt endlich mal den Mund halten mit seinen langweiligen Geschichten. Bei der Freundin, die augenrollend davon berichtet, dass ihr Freund nach Monaten der Kurzarbeit, in denen er täglich ihren Digitalkonferenzen lauschen musste, die Hälfte vergessen hat, wenn er aus dem Supermarkt kommt. Bei dem Mann einer Freundin, der sie auf eine schlecht sitzende Hose oder einen Fleck auf dem T-Shirt aufmerksam macht, als sie zu uns ins Zimmer kommt.

          Ich frage meine Freundin, woran es liegen könnte, dass ihr Mann so etwas sagt. Sie zuckt mit den Schultern. Er sei bekanntlich ein wenig pedantisch, sagt sie, und müsse sich immer wieder darüber ärgern, dass sie seinen Schreibtisch im Homeoffice verwüste. Vielleicht belasten ihn ihre vielen Nachlässigkeiten, und so ein Spruch ist seine kleine Rache.

          Akt der Abgrenzung

          Ich spreche mit dem Freund, den meine Freundin als pedantisch bezeichnet hat. Er hat gerade einen neuen Job angefangen. Aus soziologischer Sicht könnte sein Verhalten auch etwas mit den verschiedenen Rollen zu tun haben, in die er täglich schlüpft. Im Alltag müssen wir uns behaupten, funktionieren. In einer stabilen Beziehung können wir die Fülle unserer Gefühle zeigen, gewissermaßen unser Wahres Ich. Unser Freund klingt nicht so, als ärgere er sich täglich über meine Freundin. Um zu illustrieren, wo das Necken endet und das Quälen beginnt, erzählt er von seiner Exfreundin. Jeden Morgen, sagt er, habe sie stundenlang ihren Wecker klingeln lassen. Er, der chronisch schlecht schläft, sei immer beim ersten Mal aufgewacht und habe dann nicht mehr einschlafen können. Er bat seine damalige Freundin, darauf Rücksicht zu nehmen. „Aber sie hat nichts geändert.“ Am Ende musste er vermuten, dass sie ihn jeden Morgen bewusst quälte. Er sagt, das sei nicht der einzige, aber ein Grund dafür gewesen, dass es zwischen ihnen irgendwann nicht mehr funktionierte.

          Ich denke ärgerlich an dämmernd verbrachte Soziologie-Vorlesungen zurück. An Georg Simmel und den unerfüllten Raum, der im Moment der Wechselwirkung zwischen zwei Menschen erfüllt und belebt wird. An die Rolle des Dritten in einer Zweierbeziehung, seine Funktionen. Naturgemäß sind diejenigen, die sich noch nicht so lange kennen, die noch in der Schwebe leben, besonders vorsichtig. Je stabiler eine Beziehung, desto mehr Sticheleien. Wenn wir allerdings gerade niemanden zum Bloßstellen haben, lassen wir es einfach sein. Wir übertragen unsere Gehässigkeit aus der Partnerschaft nicht auf Freundinnen und Freunde. Wir brauchen sie nicht als Antrieb. Aber eine Partnerschaft?

          Die Soziologin Andrea Newerla
          Die Soziologin Andrea Newerla : Bild: Jan Ickx

          Die Soziologin Andrea Newerla erinnert mich an das romantische Ideal, das noch immer unsere Vorstellungen von Liebesbeziehungen prägt, der Partnerin oder dem Partner ungezählte Erwartungen auferlegt und in uns den Drang weckt, miteinander zu verschmelzen. Zugleich, sagt sie, werden wir von Kind an vor die Aufgabe gestellt, etwas Besonderes, Einzigartiges, Individuelles zu sein. „Der Imperativ ‚Sei du selbst!‘ gerät in Konflikt mit dem inneren Aufruf ‚Seid ein Paar‘.“ Und zwar besonders in Phasen erzwungener Nähe oder mangelnder Distanz, in denen es zunehmend schwer wird, sich selbst treu zu bleiben. „Manchmal werden dann rabiat Grenzen gezogen“, sagt Newerla. Die kleinen Gemeinheiten als Akt der Abgrenzung.

          Menschen, die sich füreinander entscheiden, ähneln sich heute mehr als in der Vergangenheit. Ihre Bildungsabschlüsse, ihr Alter und ihre Milieus, ihre Heimat stimmen immer öfter überein. Wir sind also eher weniger bereit, uns auf das Fremde einzulassen, als frühere Generationen. Und in emotionaler Distanz zu leben. Provokationen und Streit können dabei helfen, diese Momente der Distanz vorübergehend zu überbrücken. Nur: Während eine Beziehung am Anfang noch spielerisch mit Reibung umgeht, weil sowieso alles großartig erscheint, was der oder die andere tut, stellen sich später Kränkungen ein.

          Im Roman „Normal People“ der Irin Sally Rooney fragt eine Freundin die Protagonistin Marianne mit gespielter Überraschung bei einem abendlichen Treffen, wann sie denn mit Connell, dem Mann, den sie seit Jahren liebt, zusammengekommen sei. „Wir haben heimlich in der Schule herumgemacht“, antwortet Marianne möglichst unbeteiligt. Connell sitzt dabei und schweigt. Dann erklärt sie ihrer Freundin: Nein, ein exklusives Paar seien sie nicht. Und: Männer seien sowieso mehr damit beschäftigt, die Freiheiten von Frauen einzuschränken, als ihre eigenen auszuüben.

          Rooneys Geschichte über die Beziehung der beiden gekränkten Liebenden ist so komplex, dass keiner der beiden Protagonisten dem anderen grundsätzlich überlegen ist. In dieser Situation will Marianne Connell verletzen, und es gelingt ihr. Eine kleine, kurzfristige Genugtuung. Immer wieder ist in diesen Zeiten von toxischen Beziehungen die Rede. Schon bei kleineren partnerschaftlichen Konflikten nehmen Gekränkte das Wort in den Mund. Jemand tut mir weh, ist unfair, gemein: Dahinter muss etwas Toxisches stehen. Es ist auch eine einfache Erklärung für all jene, die sich nicht fragen wollen, inwieweit sie selbst verantwortlich für die Wut des anderen sind.

          Zum Beispiel, weil es das Selbstwertgefühl gerade nicht zulässt, zu akzeptieren, dass jemand mehr Aufmerksamkeit in einer Runde bekommt, und man sich zurücknehmen muss. Oder wenn man sich zurücksehnt nach der Emotionalität der ersten Kennenlernphase. Es geht also um Grenzen, sagt Andrea Newerla: Grenzen des Selbst, aber auch Grenzen des Paares, die erst ausgehandelt werden müssen. Wo bin ich, wo bist du, wo sind wir?

          Intime Beziehungen, sagt die Soziologin, sind stetig im Fluss, beweglich, niemals statisch. Sich an einem bestimmten Punkt als Paar zu definieren bedeute, nicht am Ende des Prozesses angelangt zu sein. Ich denke an die Paare, die um ihre Außenwirkung bemüht niemals vor anderen zeigen, was sie miteinander auszutragen haben, und dabei seltsam farblos aussehen. Ich denke an die chaotischen Beziehungen prominenter Schauspieler und ihre kleinen und großen Eklats, für die sich die Weltöffentlichkeit deutlich mehr interessiert als für jene, die nur Harmoniebotschaften versenden – auch weil sie sich in ihnen wiedererkennen. Ich denke an meine Freundin, die mit den Schultern gezuckt hat. Ein Zeichen: Alles halb so wild, solange man weiß, dass man sich liebt. Ein wenig Boshaftigkeit gehört zum Beziehungsleben. Und wenn der andere es mal übertreibt, muss man sich selbst beim nächsten Mal, wenn man selbst ungerecht ist, nicht mehr ganz so schämen.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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