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Beziehungskolumne : Liebeskummer lohnt sich doch

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Ich habe mal jemanden getroffen, zu dem ich mich sehr hingezogen gefühlt habe und mit dem ich auffallend viele Gemeinsamkeiten hatte. Ich hatte das Gefühl, dass wir beide wirklich gut zusammenpassen würden, wollte ihn unbedingt noch näher kennenlernen und ihm mehr von meiner Welt zeigen – doch er zog sich plötzlich zurück. Immer wieder habe ich mich gefragt, was wohl gewesen wäre, wenn wir uns zu einem anderen Zeitpunkt kennengelernt hätten. Hätte dann mehr aus uns werden können? Konjunktive, die für immer Konjunktive bleiben. Erst viel später merken wir dann oft, dass die andere Person gar nicht so toll ist, wie wir zunächst gedacht haben – sondern wir lediglich unsere ganze Hoffnung und Wunschvorstellung eines Partners auf ihn oder sie projiziert haben. Dann sind wir zwar enttäuscht, doch jede Enttäuschung ist auch nur das Ende der Täuschung.

Meine Freundin behielt recht. Ungefähr zwei bis drei Wochen lang habe ich ziemlich gelitten, nachts kaum geschlafen und ständig geweint. Dazu kam noch die Hoffnung, dass sich doch noch alles wieder fügen würde. Der ständige Gedanke: Mein Ex-Freund muss doch merken, dass es ein riesengroßer Fehler war, mich zu verlassen. Im Kopf bin ich wieder und wieder jedes kleine Detail unseres letzten gemeinsamen Tages durchgegangen und habe mich gefragt, ob wir noch zusammen wären, wenn ich dieses oder jenes nicht getan oder gesagt hätte. Und natürlich habe ich ständig auf mein Handy geschaut – in der Hoffnung, dass da eine Nachricht von ihm ist. Aber die kam nicht.

Wenn wir Liebeskummer haben, glauben wir, dass wir nie wieder jemanden finden werden, der uns so gut versteht und so attraktiv, witzig oder intelligent wie diese eine Person ist – aber das ist völliger Blödsinn. Vielleicht hat jemand anderes diese oder jene Eigenschaft des Verflossenen nicht, aber passt dafür auf eine ganz andere, neue Weise zu uns. Und genau das macht es so spannend.

Bei mir kam schließlich der Punkt, an dem ich den Zustand einfach akzeptiert habe. Manchmal war ich so mit anderen Dingen beschäftigt, dass ich, wenn mich der Liebeskummer wieder überkam, plötzliche bemerkte, dass ich stundenlang nicht daran gedacht hatte. Ich hatte mich mit Sport, Arbeit und Freunden weitestgehend abgelenkt und war nicht mehr ständig traurig.

Eines der besten Gefühle auf der Welt

Und dann, nach und nach, kam ich wirklich über ihn hinweg. Und jeder, der das Prozedere schon einmal durchgemacht hat, wie lange es auch dauern mag, weiß: Über jemanden endlich hinweg zu sein ist eines der besten Gefühle auf der Welt. Es gibt uns unseren Seelenfrieden zurück, und wir fühlen uns mit einem Mal stärker als je zuvor. Wir sind wieder ganz bei uns und glauben nicht mehr, dass wir den anderen brauchen, um glücklich zu sein. Als hätte man eine innere Katharsis durchlebt und sich von all der Schwermut befreit. Und all das Kopfzerbrechen, das Hoffen und Warten und Kontrollieren, ob sich der andere gemeldet hat, wird immer weniger – wie ein Feuer, das immer kleiner wird und schließlich nur noch Asche ist, die nichts mehr anrichten kann. Und dafür haben sich der Liebeskummer und all die Tränen gelohnt.

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