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Beziehungskolumne : Warum Freiheit in Beziehungen so wichtig ist

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Manchmal passen in einer Beziehung die Lebenswege nicht zusammen – deswegen muss man die Partnerschaft aber nicht aufgeben. (Archivbild) Bild: Reuters

Nein, man muss nicht 24/7 mit seinem Partner rumhängen, findet unsere Autorin. Genauso wertvoll ist es, Verständnis für den anderen aufzubringen – zum Beispiel, wenn er für den Wunschjob wegzieht. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

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          Von außen betrachtet führen mein Freund und ich eine seltsame Beziehung. Auf einem Geburtstag vor ein paar Wochen machte mir das eine Bekannte klar. Es war schon ziemlich spät, das ein oder andere Glas Wein hatten wir getrunken und meine Bekannte war seit zwei Tagen wieder Single. Trotzdem lenkte sie das Gespräch plötzlich auf mich. Sie hoffe, ich würde jemanden finden, der mich wertschätzt, sagte sie. Ich war irritiert. Ich führe schon seit mehr als fünf Jahren eine Beziehung. Mit uns sei alles in Ordnung, versicherte ich, was sie denn meine? Naja, sagt sie, mein Freund sei schon sehr egoistisch.

          Dazu muss ich erklären, dass mein Freund vor ein paar Monaten für seinen ersten Job nach London gezogen ist. Ich studiere im Herbst wieder in Leipzig und gehe kommendes Frühjahr für ein halbes Jahr nach Japan – genau dann, wenn er wieder in Frankfurt ist. Natürlich wirkt es auf andere Menschen egoistisch, wenn jeder in einer Beziehung das macht, worauf er Lust hat. Wir beide – nicht nur mein Freund – sind tatsächlich ziemlich eigenwillig. Insgesamt drei Auslandssemester ohne den anderen haben wir schon hinter uns gebracht. Rechnet man die Zeiten hoch, haben wir knapp die Hälfte der gemeinsamen fünf Jahre räumlich getrennt voneinander gelebt. Die Male, die wir gemeinsam auf einer Party waren, kann ich an zwei Händen abzählen. Ganz gleich, wo ich bin, immer kommt die Frage: „Und, wo ist dein Freund geblieben?“.

          Ich antworte dann, und es fühlt sich manchmal an, als wäre er irgendein abstraktes Wesen, das ab und zu in meinem Leben auftaucht und dann schnell wieder verschwindet. Einmal wurde ich ganz direkt gefragt, ob wir überhaupt noch zusammen sind. Ich kann verstehen, wenn jemand daran zweifelt, dass wir ein richtiges Paar sind. Oder rät, mir jemand „Besseren“ zu suchen (obwohl mein Freund da, wie gesagt, nicht die alleinige „Schuld“ trägt). Es ist offensichtlich, dass wir es bislang nicht hinbekommen haben, unsere Leben aufeinander abzustimmen. All das wird aber unserer Beziehung nicht gerecht.

          Wenn ich einen schlechten Tag habe, rufe ich an

          Denn obwohl wir uns wenig sehen, weiß ich, dass ich mich auf ihn verlassen kann – dass er da ist, ohne da zu sein. Wenn er ankündigt, er meldet sich um 19 Uhr, dann macht er das – und wenn es später wird, sagt er Bescheid. Wenn ich einen schlechten Tag habe, weil die Uni, die Arbeit oder das eklige Herbstwetter mich herunterzieht, rufe ich ihn an und jammere ihm die Ohren voll. Als er Bilder in seiner neuen Wohnung in London aufhängen wollte, hat er mir Fotos geschickt: „So?“ (Es hat dann noch ein paar Fotos mehr und einen Hinweis zu gleichen Abständen gebraucht).

          Wenn ich abends unterwegs bin, schreibt er „Pass' auf dich auf!“. Melde ich mich einen Tag lang nicht, kommt von ihm nachmittags ein routiniertes „Alles gut bei dir?“. Die Frage klingt vielleicht banal, aber dahinter steht ein: „Ich denk' an dich, woran denkst du? Was beschäftigt dich gerade, was nicht mehr? Wie fühlst du dich jetzt gerade an diesem normalen Mittwoch, der so unspektakulär alltäglich ist, von dem ich aber trotzdem alles wissen will?“ Ich glaube, mehr ehrliches Interesse am anderen kann man gar nicht äußern. 

          An manchen Wochenenden, wenn wir beide viel Zeit haben, planen wir akribisch, wann wir uns sehen. Wir führen keine offene Beziehung und WhatsApp kann geistige Nähe herstellen, aber das war's auch. Momentan sehen wir uns einmal im Monat, für uns ist das die einzuhaltende Quote. Wir haben uns angewöhnt, da kompromisslos zu sein – auch wenn ich natürlich nicht weiß, ob ich an dem frühzeitig festgelegten Wochenende nicht doch zu einem Geburtstag zu Hause eingeladen werde, zu dem ich eigentlich gerne gegangen wäre.

          Wir müssen nicht jetzt zusammen ziehen

          Mit der Planung kommt manchmal die Traurigkeit. Warum machen wir es uns so kompliziert? Wieso geben wir nicht mehr für den anderen auf? Solche Fragen sind ein wunderbarer Nährboden für Streit. Und natürlich sind die Abschiede für längere Zeit nach jedem gemeinsamen Wochenende niemals schön. Ich stelle mir dann theatralisch eine Sanduhr vor, durch die unsere Lebenszeit läuft – und frage mich, ob wir zu viel davon ohne den anderen „verschwenden“.

          Aber dann denke ich, wie wunderbar ich es finde, dass wir uns gegenseitig die Freiheiten lassen, genau den Job oder den Studiengang zu machen, der uns am besten gefällt und weiterbringt – wenn auch weg voneinander. Wir müssen nicht mit Mitte 20 schon zusammenziehen. Wir müssen nicht alles daran setzen, jedes Stückchen Freizeit miteinander zu verbringen. Wenn einer von uns dann in der restlichen Zeit unglücklich ist, weil er sich für einen Beruf entschieden hat, der nicht die erste Wahl gewesen wäre – dafür aber nah beim anderen –, dann ist unserem Beziehungsglück auch nicht geholfen.

          Immer zusammen muss nicht sein – es kann auch jeder mal machen, worauf er Lust hat. (Archivbild)

          Natürlich ist es in Ordnung, für den anderen in eine bestimmte Stadt zu ziehen (und wenn alles klappt, leben wir in einem Jahr vielleicht schon am gleichen Ort). Es ist aber genauso in Ordnung zu sagen: „Hey, ich muss erstmal den Job dort machen, weil ich glaube, dass mir das später wirklich weiterhelfen wird“ – und dafür dann Verständnis einzufordern.

          Nähert sich der unspektakuläre Mittwoch dem Ende, folgt übrigens der letzte routinierte Griff zum Handy. Egal, was wir tun, wo wir gerade sind und wie viel Zeitverschiebung zwischen uns liegt – wenn einer von uns schlafen geht, schreibt er dem anderen „Gute Nacht ♡“.

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