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Beziehungskolumne : Ja, ich will!

  • -Aktualisiert am

Nicht nur irgendeine Barbie-Hochzeit, sondern gar eine royale. Als Kind der Neunziger spielte ich jedoch Prinzessin Dianas Hochzeit mit Barbies nach. Bild: obs

Unsere Autorinnen sind beide 27. Die eine hat gerade geheiratet, die andere will es niemals tun. Ein Pro und Contra in der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

          3 Min.

          Natalia Wenzel-Warkentin und Ariana Kurz, die eigentlich anders heißt, sind beide 27 Jahre alt, beide sind in festen Beziehungen – und beide haben eine vollkommen andere Einstellungen zum Bund der Ehe. Das Contra von Ariana Kurz lesen Sie hier. An dieser Stelle erzählt Natalia Wenzel-Warkentin, warum sie und ihr Partner einander versprochen haben, immer für den anderen da zu sein. In guten wie in bösen Tagen. Bis dass der Tod sie scheidet.

          Pro: Ja, ich will!

          Als die Musik angeht und mein Vater Seite an Seite mit mir in den Rosa Salon dieses über sechshundert Jahre alten Schlosses im Rheingau schreitet, da fallen Anspannung und Nervosität von mir ab und machen Platz für salzige Tränen. Das Bild dieser Szenerie – all meine Lieben, viele mit Glitzer in den Augen und Tränen auf der Nase – und da vorn der Mann, dem ich gleich versprechen werde, für immer an seiner Seite zu stehen, dieses Bild hat sich fest in mein Herz gebrannt.

          Heiraten ist fester kultureller Bestandteil meiner russlanddeutschen Familie. Es gilt: Wer mit Dreißig noch nicht verheiratet ist, hat etwas zu verbergen, ist verschroben oder endet eines Tages einsam und allein als Futter für die Hunde – soviel ist sicher. Ein großer Teil meiner Kindheitserinnerungen besteht aus riesigen Hochzeitsfeiern, bei denen wir Kinder um dekadente Buffets und Flüsse aus Wodka tanzten. Mindestens zwei oder drei Hochzeiten kamen so jedes Jahr zusammen, in meinen 27 Lebensjahren komme ich statistisch auf über sechzig Hochzeiten (wobei ich mir in den letzten sieben Jahren eine dringend benötigte Auszeit von diesem Wahnsinn gegönnt habe). Der Weg vieler frisch Vermählter unterschied sich dabei nur selten von dem ihrer Vorgänger. Auf die Eheschließung folgten Kinder, irgendwann ein Eigenheim in der Provinz.

          Die Starrheit dieses Lebensentwurfs war es, die mich lange davon abhielt, ein positive Haltung gegenüber der Ehe einzunehmen. Bloß nicht denselben Weg gehen, aufgehen in traditionellen Rollenmustern und eingehen im patriarchalischen Korsett. Ich rebellierte, verachtete die immer gleichen Musterhochzeiten, die mir wie der Beginn einer Einbahnstraße erschienen.

          Unsere Autorin bei ihrer standesamtlichen Hochzeit.

          Aber pubertierende Trotzköpfe werden irgendwann zu jungen Erwachsenen, entwickeln sich weiter, konzentrieren sich (im besten Fall) auf das Positive, statt immer nur zu stänkern. Und so kam es, dass ich jemanden traf, der die Schrecken russischer Großveranstaltungen vergessen machte und nach sechs Jahren Beziehung fragte, ob wir das nicht auch wollten. Anders natürlich. Aber im Grunde dasselbe Prinzip: Heiraten. Ganz offiziell. Sich versprechen, immer füreinander da zu sein. In guten wie in bösen Tagen. Bis der Tod uns scheidet.

          Ich zweifelte keine Sekunde an meiner Antwort, den Grundstein dafür hatten wir in sechs Jahren Beziehung gelegt. Fast genauso lang leben wir auch schon zusammen. Erst auf 40, später auf 60, mittlerweile auf 70 Quadratmetern – mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Vergrößert hat sich nicht nur der Raum um uns, sondern auch das Band, das alles darin zusammenhält. Ich erinnere mich an Tomatenmark aus der Tube, wenn am Ende des Geldes noch Monat übrig war, an Reifenwechsel auf dem Standstreifen bei Minus 10 Grad, an Kämpfe mit der Familie, den Nachbarn und sich selbst. Aber auch: Tage, die endlos wirken, weil die Straße in der Sonne glitzert und wir dem Radio unsere Coverversion von “I´m gonna be (500 Miles)“ von den Proclaimers entgegen schmettern. Neue Jobs, neue Chancen, alte Geister und Laster. Aber wer war immer da und hat bestärkt, ermutigt oder getröstet? Genau. Der, dem ich jetzt sagen würde: Ja! Lass es uns wagen. Aber lass uns dabei immer offen und gierig bleiben, nach frischem Wind und neuen Erfahrungen. Machen wir den Sack zu, aber bitte mit Gucklöchern und aus atmungsaktivem Stoff.

          In Zeiten von Tinder, individueller Selbstverwirklichung und ständiger Optimierung des Selbst und des eigenen Umfelds wirkt dieses Versprechen fast schon antiquiert. Warum nur einen Partner haben, wenn im Umfeld von zehn Kilometern noch mindestens zwanzig weitere angezeigt werden? Warum kämpfen und arbeiten an einer Partnerschaft, wenn sie mit der Zeit verstaubt und von Rissen durchzogen ist? Die Welt bietet uns sogenannten Millenials heute alle nur denkbaren Möglichkeiten, uns zu verwirklichen. Unsere Lebensrealitäten sind komplexer und vielfältiger geworden. Das ist absolut großartig.

          Und doch beobachte ich auch in meinem persönlichen Umfeld voller gut ausgebildeter Menschen in den Zwanzigern eine neue Begeisterung fürs Heiraten. Nachdem die Zahl der Eheschließungen in den neunziger Jahren immer weiter zurückging, steigt sie seit Anfang der Jahrtausends wieder und lag 2018 wieder auf dem Niveau von 1991. Zwischen 2017 und 2018 gab es einen gewaltigen Schub. Sehnen wir uns in all der komplexen Vielfalt, den Ansprüchen an uns selbst, vielleicht auch nach einer Konstante? Nach Verlässlichkeit und Sicherheit?

          In guten wie in bösen Tagen

          Ob eine Ehe für die Ewigkeit ist, dafür gibt es keine Garantie. Wie sich Leben und Persönlichkeiten entwickeln, das weiß zum Zeitpunkt der Hochzeit niemand. Für mich ist sie aber das ganz offizielle Versprechen, alles dafür zu tun, damit dieses Gefühl ein Leben lang bleibt.

          Der Moment, als ich den Trausaal betrat, war nicht der letzte, in dem an diesem Tag Freudentränen flossen. Wir hatten eine unheimlich schöne Trauung im allerengsten Kreis. Geladen war nur, wer auf keinen Fall fehlen durfte. Das hat die Zeremonie zu einer sehr intimen Sache gemacht. Entgegen der Meinung meines pubertären Ichs würde ich alles wieder so machen, denn ich glaube nicht nur an mich, sondern auch an die Liebe. In guten wie in bösen Tagen.

          Lesen Sie hier das Contra.

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