https://www.faz.net/-hry-9wvqv

Beziehungskolumne : Gibt’s euch nur noch zu zweit?!

Ein einziges Doppelpack: das Schlagerduo Cindy und Bert Bild: Picture-Alliance

Manche Menschen verschmelzen regelrecht mit ihrem Partner – und Freunde und Verwandte tauchen zu Verabredungen plötzlich ungefragt nur noch im Doppelpack auf. Was soll das? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es“.

          3 Min.

          Ein typischer 23. Dezember sieht bei mir wohl ähnlich aus wie bei den meisten jungen Erwachsenen. Ich bin gerade für die Weihnachtstage in die Heimat gefahren, habe erst beim Braten-Einkauf und dann beim Baum-Aufstellen geholfen. Abends steht dann das alljährliche Wiedersehen mit den Freundinnen von früher an. Das Ganze hat allmählich Tradition, immerhin ist das Abi schon eine Weile her und es ist utopisch zu glauben, die ganze Gruppe würde es schaffen, sich einmal im Jahr irgendwo in Deutschland zu treffen. Aber an Weihnachten sind alle daheim, es ist also die einzige Gelegenheit, zumindest diesen einen Abend lang zu hören, was sich so getan hat im Leben der anderen.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wir sitzen also da mit unseren Drinks. Wir erinnern uns all die Absurditäten, die wir in der Schulzeit erlebt haben und beschließen irgendwann, dass wir aufhören sollten, immer nur über früher zu reden. Also schwenken wir um Richtung Gegenwart: „Was macht dein Job?“ „Wohnst du immer noch in derselben Wohnung?“ „Wie läuft deine Beziehung?“ Und dann, als es interessant wird und wir uns wieder so richtig vertraut fühlen, steht der gerade angesprochene Freund plötzlich bei uns am Tisch. „Hallo Schatz“, sagt er zu einer meiner Freundinnen, und sie zu uns: „Ich hab ihm gesagt, dass er noch dazustoßen kann. Ist ja nicht schlimm, oder?“

          Doch, ist es. Warum stört der unseren Abend? Das würde ich gern sagen, mache ich aber nicht. Er ist ja schon da, wie würde das denn wirken? Unfreundlich, im besten Fall. Aber es ist so: An diesem Abend wäre ich einfach gern allein mit meinen Frauen gewesen.

          Wer hat denn von ‚wir’ gesprochen? 

          Ich habe sowas schon oft erlebt. Mit Freundinnen. In der Familie. Zu den unmöglichsten Gelegenheiten. Man macht aus, dass man sich trifft, und der andere taucht zu zweit auf. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Oder ruft an und will wissen, „wann wir da sein sollen“. Ganz nonchalant. Ich denke dann: Wer hat denn von ‚wir’ gesprochen? War irgendwann mal die Rede davon, dass jeder seinen Anhang mitbringt? Als müsse man gar nicht mehr fragen, ob das eigentlich okay ist. Als wäre „ich“ automatisch „wir“.

          Dabei ist es doch schön, eigene Momente zu haben, eigene Interessen, eigene Freunde, eigene Orte, die man liebt. Es ist sogar wichtig. Wer alles nur noch zu zweit macht, verschwindet man irgendwann in einem anderen Menschen.

          Sein Leben in möglichst vielen Aspekten mit dem Partner teilen: ja. Die Freunde des Anderen kennenlernen, mit ihnen Partys feiern und Ausflüge machen: ja. Zusammen auf Familienfeiern gehen, die Großeltern kennenlernen: ja. Aber muss man seinen Partner überall mit hin schleppen? Kann man nicht hin und wieder einfach nur Zeit mit anderen Menschen verbringen? Freundschaften pflegen? Persönliche Gespräche führen, bei denen man niemanden dabei braucht, mit dem man weniger vertraut ist?

          Im besten Fall findet man eine neue Freundin

          Ich finde nicht, dass bei dem einen Abend im Jahr, den ich mit meinen alten Freundinnen verbringe, ein Partner von irgendjemandem dabei sein muss. Ich finde nicht, dass die Großmutter den neuen Freund ausgerechnet bei der Beerdigung des Großvaters kennenlernen muss. Ich finde nicht, dass eine alte Freundin ihren Mann mitbringen muss, wenn sie mich nach langer Zeit das erste Mal besuchen kommt.

          Wie alt jemand ist, spielt bei diesem Muster keine Rolle. Es gibt Menschen, die mit 16 damit anfangen, alles nur noch im Doppelpack zu tun. Manche tauschen im Lauf des Lebens einfach immer die Person aus, an der sie kleben und lösen damit bei mir das seltsame Gefühl aus, permanent irgendeine frühere Partnerin zu verraten, weil ich nett zu der Neuen bin. Andere fangen damit erst später im Leben an, was es noch schwieriger machen kann, weil die Leute im höheren Alter zu mehr Eigenarten neigen und es dann umso schwerer ist, bei jedem Treffen plötzlich mit ihnen samt Partner konfrontiert zu sein, man hatte ja keine Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen.

          Im besten Fall kann es aber auch so laufen: Erst ist man genervt, warum da schon wieder jemand im Doppelpack aufkreuzt. Dann reißt man sich zusammen, man will ja nicht unhöflich sein, und unterhält sich mit dem Anhang. So richtig interessiert, ernsthaft, man stellt Fragen, lernt etwas. Plötzlich realisiert man, dass man den Anhang richtig gern hat. Dass man sich was zu sagen hat. Beim nächsten Mal tauscht man Nummern aus, schreibt sich, verabredet sich vielleicht sogar zu zweit. Plötzlich hat man eine neue Freundin. Ist doch schön, dass es manchmal, wenn man Glück hat, auch so ausgehen kann.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.