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Beziehungskolumne : „Na, wo hast du denn deinen Freund gelassen?“

Wird von Verwandten auch gerne mal gefragt, ob sie einen Freund hat: Bridget Jones. Bild: Picture-Alliance

Egal, mit wie viel Esprit und Charme unsere Autorin auf Familienfeiern auftritt, sobald sie partnerlos erscheint, geht die Fragerei los. Dabei ist sie auch ohne Freund an der Seite ein willkommener Partygast. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

          3 Min.

          Bevor ich meinen jetzigen Freund kennenlernte, habe ich viele Jahre lang ohne Partner gelebt. Ich war unglaublich gerne Single, wohnte in einer WG mit einem netten, aber verpeilten Musiker, studierte vor mich hin und lernte am Wochenende in der Regel jede Menge Menschen kennen, die mal mehr und mal weniger interessant waren. In meinem Freundeskreis waren die Meisten nicht vergeben, wir hörten zusammen Musik, unterhielten uns über Politik und Kultur und Kommilitonen, gingen auf Partys, eben ein normales Studentenleben.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Eine jener wenigen Situationen, in denen ich mich als Single unwohl fühlte, waren Familienfeiern oder Geburtstage der Eltern. Momente, in denen ich auf Erwachsene über 30 oder außerhalb meiner sonstigen Lebenswelt traf. Da kam jedes Mal die Frage: „Und, hast du denn einen Freund?“ Auch wenn die Frage vielleicht nett und interessiert gemeint war: Wenn ich verneinte, fühlte ich mich für einen kurzen Moment wie eine Versagerin. War ich zu hässlich? Zu laut? Zu chaotisch? Oder warum konnte ich nie strahlend „Ja“ rufen und Pärchenselfies von mir und meinem – irgendeinem! – Schatz zeigen? Und dachten die anderen womöglich: „Ist mit der alles ok?“

          Es gab natürlich immer irgendeine Cousine, die ähnlich alt wie ich war und ihren Freund dabei hatte. Das war immer ein wohlerzogener Typ, der wirklich jedes verdammte Mal mitkam. Und jedes Mal, wenn wir uns sahen, hatte sich wieder etwas bei den beiden getan: Er war in dieselbe Stadt gezogen. Sie hatten gerade den Mietvertrag für eine gemeinsame Wohnung unterzeichnet. Sie hatten sich verlobt. Während ich, bindungsgestört und dauer-allein, weiter mit meinem Mitbewohner Pflanzen sterben ließ, Platten hörte und Bier trinken ging. Irgendwie fühlte ich mich in diesen Momenten als Single nicht so ganz vollständig.

          Die Frage suggeriert: Allein bist du nicht ausreichend

          Zurück in der Stadt und unter meinen Freunden war das schnell wieder anders. Ich ärgerte mich noch kurz über die Fragerei – es hätte ja statt einem Freund übrigens auch eine Freundin sein können – und dann ging ich wieder feiern, in Seminare und in die Bib, und lernte weiter Menschen kennen. Und irgendwann, ohne dass ich es wirklich beabsichtigte, traf ich dabei meinen Partner. Es passte einfach. (Von der Verliebtheit mal ganz abgesehen.) Und ich merkte schnell, dass ein Paar zu sein nicht zwangsläufig bedeutete, einer bestimmten Norm oder Vorstellung zu entsprechen. Ein Gedanke, den ich vorher, auch inspiriert durch die Vorzeigecousinen und ihre langweiligen Freunde, irgendwie verinnerlicht hatte. Ich lernte, dass zu zweit vieles leichter für mich war, dass man sich gegenseitig unterstützen konnte – und man trotzdem noch am Wochenende mit den Freunden Platten hören und Bier trinken konnte. Ich lernte, dass ich gern solo gewesen war und jetzt sehr gern Teil eines Paars.

          Plötzlich also hatte ich jemanden, den ich mit auf die Familienfeiern schleppen konnte. Und mein Freund umgekehrt natürlich auch. Nun ist es aber so, dass Menschen auch am Wochenende zu tun haben. Manchmal hat man selbst Familienfeiern, manchmal ist man verabredet oder muss arbeiten. Manchmal hat man auch einfach keine Lust. Jedenfalls kommt mein Freund nicht zu allen Events mit, zu denen ich fahre und umgekehrt auch nicht. Das würde mich nicht weiter stören, denn ich bin, wenn ich das so von mir behaupten darf, ein charmanter Partygast. Ich esse und trinke so ziemlich alles, was man mir vorsetzt, ich erzähle gern und bin interessiert an meinem Gegenüber. Und trotzdem habe ich seitdem wohl auf jeder Feier, egal wann und wo, diese eine Frage gehört: „Na, wo ist denn dein Freund?“

          Ja, bestimmt ist auch das höflich gemeint. Und ja, bestimmt interessiert es die Großcousine siebten Grades auch wirklich, wo mein Freund, den sie maximal zwei Mal gesehen und drei Minuten gesprochen hat, ist. Die Frage suggeriert aber auch jedes Mal: Allein bist du nicht ausreichend. Nicht interessant genug. Und vor allem: nicht normal genug. Menschen wollen andere Menschen gern in Schubladen stecken, die ihnen vertraut sind. Darum fragen sie auch, ob ich einen Freund habe und nicht, ob ich einen Freund oder eine Freundin habe (Letzteres ist tatsächlich nie vorgekommen). Das machen wir alle. Trotzdem nervt es ungemein.

          Was wäre denn, wenn mein Freund todkrank wäre und deshalb nicht mitkäme? Wenn er eine persönliche Krise hätte? Oder, wenn er vor einer Woche mit mir Schluss gemacht hätte und ich nur deswegen auf dieses Familienfest gefahren wäre, um mich irgendwie von dem schrecklichen, lebensverneinenden, alles übertreffenden Schmerz, den ein gebrochenes Herz verursacht, abzulenken? Was dann, liebe Großcousine 25. Grades?

          Auch wenn es uns im Alltag Orientierung verleiht, sollten wir aufhören, Menschen in die Schublade der nur als Teil eines heterosexuellen Paares vollkommenen Person zu stecken. Denn was bringt uns das, abgesehen von der Legitimation des eigenen, zumeist langweiligen, heterosexuell und heteronormativen Lebens? Macht es uns glücklicher, zu wissen, dass andere Paare genauso langweilig zusammen leben wie man selbst? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich war als Single genauso gern gesehen auf Feiern und Festen. Manchmal war ich vielleicht sogar der bessere Partygast, weil ich mich nicht zwangsläufig an einen Partner halten konnte (oder musste – es gibt ja auch so anstrengende Klammerfreunde, die nicht in der Lage sind, eigenständige Gespräche zu führen, aber das ist ein anderes Thema). Und immer, wenn ich heute eine Cousine sehe, die ohne Partner auf einem Fest erscheint, dann freue ich mich – einfach über sie, ganz allein.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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