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Partnerschaft im Stresstest : Liebe in Zeiten des Home Office

Das Homeoffice ist nicht immer nur idyllisch – vor allem nicht, wenn man es sich plötzlich teilen muss. Bild: dpa

Der Bildschirm des Partners blockiert den Küchentisch, die Wäsche soll man auch noch machen – und dann darf man abends in der Küche keine Mails mehr checken. Wie wirkt sich das Home Office auf die Liebe aus? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

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          Es gibt, da sind sich die meisten wohl einig, wahrlich Schlimmeres als sich zu zweit in der Wohnung zu verschanzen. Man kann froh sein, wenn man in diesen Zeiten nicht allein in der Bude hocken muss, im Hintergrund läuft höchstens der Fernseher, sonst dröhnende Stille. Dann lieber zu zweit allein sein!

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Und doch, das gemeinsame Home Office hat auch seine Tücken. Eine Freundin, die zugegeben auch vor der Corona-Krise sämtliche Kriterien des sogenannten Workaholics erfüllte, erzählt, dass das Home Office ihrer, Achtung, nächstes Unwort, Work-Life-Balance nicht besonders zuträglich sei. Bis spät abends sitzt sie oft da, beantwortet Mail um Mail (es sind derzeit besonders viele), telefoniert auf dem einen Ohr mit der Schwester und versucht nebenbei noch, etwas Essbares zu zaubern. „Du bist doch kein Prozessor!“, meinte ihr Freund ungläubig, als er sie eines Abends so vorfand. Sie schickte ihn aus der Küche und machte weiter. Der restliche Abend verlief dann schweigend und beleidigt, der Freund kam nur noch zweimal im Schlafanzug in die Küche und forderte meine Freundin, die immer noch keinen Schluss fand, auf, „jetzt aber wirklich mal ins Bett zu kommen.“

          Eine andere Freundin erzählt, ihr Mann sei derzeit zu Hause im Urlaub, weigere sich aber strikt, zu kochen oder Hausarbeit zu erledigen. Weil er ja schließlich „frei“ habe – und sich erholen müsse. Da die erwachsenen Söhne auch beide zu Hause sind, kocht sie mittlerweile für vier Leute, während sie gleichzeitig an Telefonkonferenzen teilnimmt und in der Mittagspause mal schnell die Wäsche macht. So richtig sauer ist sie aber nicht auf ihren Mann. „Ich kenne ihn nicht anders“, sagt sie seufzend. „Aber er hat dafür andere Qualitäten. Wirklich.“

          Bei manchen Paaren sorgt schon der Platzmangel für Krisenpotential, und das am zweiten Tag! Eine Kollegin und ihr Freund müssen derzeit zwischen unbequemem Couchtisch und winzigem Küchentisch hin- und hertauschen. Der riesige Monitor ihres Partners blockiert fast den ganzen Küchentisch – ihr Laptop steht klein und einsam daneben. Er will ihr nun ein HDMI-Kabel kaufen, damit sie ihn ebenfalls benutzen kann – romantische Gesten sind in Zeiten von Corona eben auch mal ein Kabelkauf oder ein geteilter Bildschirm.

          Als ich letzten Freitag meinen ersten Tag im Heim-Büro verbrachte, meinte mein Freund morgens munter zu mir: „Ich hab dir mal meine dreckige Wäsche hingelegt. Du hast ja sicher Zeit, eine Wäsche zu machen!“ Ich wies ihn freundlich darauf hin, dass ich keinen freien Tag hätte, keinen sogenannten Waschtag, sondern dass ich durchaus arbeiten müsse. Er guckte mich ein bisschen verdutzt an – und entschuldigte sich. Und: ließ die Wäsche für mich liegen. Den ganzen Vormittag über sah ich den kleinen Haufen dort in der Ecke vor sich hin vegetieren. Eine Maschine anstellen ist kein großes Theater, schon klar. Aber ich müsste sie auch aufhängen. Dafür die vom Tag zuvor abhängen. Und so weiter. In der Mittagspause machte ich mir keinen Snack, sondern erst mal Wäsche. Puh.

          Das Home Office in derselben Wohnung kann nerven, ja. Und ja, das ist Jammern auf hohem Niveau! Es ist nicht nur ein Privileg, dass wir und andere Paare gesund und munter in unseren vier Wänden hocken und Nudeln mit Pesto bis zum Abwinken futtern können. Es ist auch ein Privileg, dass wir Home Office machen können. Viele Menschen müssen die Stellung halten, weil sie im medizinischen Bereich arbeiten und gerade alle Hände voll damit zu tun haben, Leben zu retten. Oder weil sie an der Supermarktkasse arbeiten und uns versorgen, immer mit der Angst, sich bei den Einkäufern anzustecken.

          Ein Kollege schreibt mir, er und seine Freundin würden das Home Office richtig genießen. „Ich finde es ganz schön, ein Corona-Team zu sein, spätestens beim Ausgangsverbot. Wenn man bei dem ganzen Wahnsinn da draußen nicht alleine rumhockt, aufwacht, spazieren geht.“ Und wenn einer infiziert sei, habe es der andere wohl auch.

          Erinnerungen an andere Zeiten

          Auch bei uns wurde es Abend. Mein Freund brachte nach der Arbeit Lebensmittel mit und kochte. Termine? Waren für dieses Wochenende abgesagt. Waren erst mal sowieso alle abgesagt. Mein Freund zog ins Zimmer nebenan, auch ins Home Office. Unser neues Ritual ist es seither, abends zusammen auf dem Sofa zu sitzen, uns von unserem Tag am PC zu erzählen und ein Glas Wein zu trinken. Wir hatten letzten Sommer eine Kiste aus Frankreich mitgebracht – seit Monaten stand sie unberührt im Keller. Jetzt ist der Wein dran.

          Wir haben Zeit für Gespräche. Wir haben Zeit, uns auszutauschen, über unsere Ängste und Sorgen, was die nächsten Wochen angeht. Was die nächste Zeit angeht. Wie es unseren Eltern ergeht, der Oma. Wir reden aber auch über den exzellenten Rotwein und das winzig kleine Château unweit von Bordeaux, wo er hergestellt wurde und wir im September die Trauben der allerersten Rotweinernte des Jahres probieren durften. Wir reden darüber, wie es war und wie es sein wird. Dass wir manchmal morgens aufwachen und denken: Das war alles nur ein böser Traum. War es nicht. Es ist nicht leicht, die nächsten Wochen des Verzichts zu begreifen, doch uns geht es so viel besser als vielen anderen. Wir haben unsere Geschichten, unsere Erinnerung. Und wir haben uns.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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