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Paare, die streiten : Wenn es in der Beziehung knallt

Ninas Eifersucht führte häufig zu Streit – und der zu mehr Eifersucht. Bild: Picture-Alliance

An den Weihnachtstagen kommt er häufig vor, doch auch sonst ist kein Paar davor gefeit: Streit. Sind Konflikte in Beziehungen vermeidbar – oder wichtig? Die Beziehungskolumne Ich. Du. Er. Sie. Es.

          3 Min.

          Kürzlich ging es wieder um nichts. Trotzdem habe ich am Ende herumgeschrien und die Wohnungstür hinter mir zugeknallt. Streit gehört in meiner Beziehung einfach dazu.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis spät in der Nacht hatte ich in der Küche gestanden und die geputzten Winterschuhe der Kinder mit Süßigkeiten befüllt. Als die Choreographie des Nikolausrituals morgens dann durch Kleinigkeiten gestört wurde, stieg Ärger in mir hoch. Irgendwie hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Vielleicht war ich auch einfach nur gestresst. Wie jedes Jahr in den Vorweihnachtswochen war viel zu wenig Zeit für viel zu viele Feierlichkeiten, Vorbereitungen, Einkäufe. Mein Mann nahm meine Gereiztheit zunächst nicht persönlich. Dass ich mir, wenn es eng wird, oft nicht helfen lasse, weil diese bescheuerte Mischung aus Perfektionismus und Leidenswillen auf „Alles-Selbermachen“ programmiert ist, wissen wir inzwischen beide.

          Leider hat es nichts genutzt. Irgendwie ist die Situation eskaliert. Stumme Vorwürfe. Genervte Blicke. Spitze Bemerkungen, patzige Antworten. Aus diesem Gefühl heraus: Irgendeiner muss doch schuld sein an meiner Misere! Und dann legt jeder noch eine Schippe nach.

          Vielleicht, denke ich manchmal, geht es in jedem Streit auch um alles: um die empfundene Ungerechtigkeit, die sich in langjährigen Beziehungen manchmal einstellt, weil die vielfältigen Lasten des Lebens eben nicht zu jedem Zeitpunkt exakt gleich verteilt sein können.

          Nein, ich bin nicht stolz auf meinen Ausraster. Ich habe mich später entschuldigt. Manchmal geht es halt nicht anders. Irgendwo muss der Druck ja hin.

          Es soll Ehen geben, in denen nach 25 Jahren der eine die Scheidung einreicht, während der andere staunt, man sei doch immer ein Herz und eine Seele gewesen. Ich glaube nicht an uneingeschränkte Harmonie. Egal, ob es um die Nickligkeiten des Alltags geht oder um Entscheidungen von großer Tragweite: Das kann doch gar nicht glatt laufen, wenn sich zwei Menschen mit ihren Empfindlichkeiten und ihrer jeweiligen Vorstellung vom Glück zusammentun, um den Alltag miteinander zu bestreiten.

          Unterschiedliche Paare gehen mit ihren Konflikten bloß unterschiedlich um. Eine Freundin von mir sagt, das Geheimnis ihrer guten Beziehung sei, dass jeder viel mit sich selbst ausmacht. Ein Bekannter erzählte neulich, dass sie einander einfach aus dem Weg gehen, wenn dicke Luft herrscht. Einer verlässt die Wohnung und geht so lange spazieren, bis man sich wieder gesittet begegnen kann. Ich kenne auch Leute, vorzugsweise im therapeutisch-sozialpädagogischen Milieu, die sich um Kommunikation im Schonwaschgang bemühen: Ich höre, dass du dir wünschst…Mein Bedürfnis ist aber trotzdem...

          Bei uns hat es immer geknallt. Wir reden und streiten und reden und streiten. Im Idealfall lässt sich der Knoten dadurch lösen. Manchmal erscheint er irgendwann unwichtig. Der Weg dorthin ist in beiden Fällen anstrengend.

          Neulich haben wir in „Marriage Story“ Scarlett Johansson und Adam Driver dabei zugesehen, wie sie ihre Liebe zugrunde gerichtet haben. Dabei waren die beiden so ein schönes Paar. Aber sie hatten sich in acht Jahren Ehe in eine Schieflage manövriert. Seine Selbstentfaltung war offensichtlich so auf ihre Kosten gegangen, dass sie glaubte, die Beziehung verlassen zu müssen, um wieder ihren eigenen Weg gehen zu können. Anschließend saß ich heulend im Kino. Was ein Jammer. Hätten die beiden doch nur mehr miteinander geredet! Und vielleicht auch gestritten!

          Der Paartherapeut Arnold Retzer hat einmal geschrieben, eine Partnerschaft sei der Versuch oder das Kunststück, die Grundbedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit miteinander in Einklang zu bringen. Ich glaube tatsächlich: Jeder Streit ist der Versuch, die eigene Autonomie zu bestimmen. Trotz der Verbundenheit – oder gerade deshalb – zu sagen: Das bin ich. Das will ich. Das brauche ich. Gleichzeitig wird jeder gute Streit von Verbundenheit getragen. Von dem Glauben an eine Grundlage, die es aushält, dass man sich aneinander abarbeitet und einander zugesteht, auch mal nervig und unangemessen zu sein. Von dem Gefühl zusammenzugehören, auch wenn man gerade am liebsten einen Teller an die Wand schmeißen würde. In diesem Sinn ist der Streit ein nützliches Instrument, um das Verhältnis aus Nähe und Distanz in der Beziehung wieder in Balance zu kriegen. Retzer behauptet übrigens, das sei viel wichtiger als die Bearbeitung und Lösung des konkreten Konflikts. „Ein gutes Ergebnis eines guten Streits kann sein, dass es Dinge gibt, über die man sich nicht einigen kann“, sagt Retzer und nennt das: resignative Reife. Im Übrigen empfiehlt er Humor, um mit dem unlösbaren Dilemma von Paarbeziehungen besser zurechtzukommen.

          Vielleicht lege ich nächstes Jahr wirklich einmal Wasserpistolen unter den Weihnachtsbaum, wie Retzer das empfiehlt, um sich im Ernstfall in Erinnerung zu rufen, wie albern gerade so ein besonders verfahrener Streit oft ist. Bis dahin vertraue ich auf die Meteorologie. Bei jedem Gewitter entlädt sich die Spannung in der Atmosphäre. Wenn es bei uns zu Hause kracht, herrscht hinterher wenigstens klare Luft.

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