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Hochzeitsserie – Teil 2 : Schafft den Junggesellenabschied ab!

Hauptsache Exzess: Teilnehmerinnen eines Junggesellinnenabschieds in Antwerpen Bild: Getty

Heutzutage heiraten wir, weil wir die Liebe feiern wollen. Was hat ein JGA da noch zu suchen? Für einen Abschied vom Abschied.

          6 Min.

          Meike war eigentlich nur unter einer Be­dingung Trauzeugin geworden: „Ich muss doch keinen Junggesellinnenabschied organisieren, oder?“, fragte sie ihre beste Freundin, als diese ihr im vergangenen Sommer das vertrauensvolle Amt antrug. „Nein, nein“, hatte ihre Freundin damals geantwortet. Für beide war es eine Ablehnung aus Prinzip: ein Gruppenausflug, bei dem sich alle betrinken müssen und die Braut sich blamiert – lieber nicht.

          Sarah Obertreis
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Schon beim ersten Teil von „Hangover“ – der Film, mit dem Bradley Cooper richtig bekannt wurde – hätte man ahnen können, in welche Richtung sich die Sache mit den Junggesellenabschieden entwickeln würde. Aber der Tiger im Badezimmer, die 82.000 Dollar auf dem Black-Jack-Tisch und der Besuch bei Mike Tyson lenkten das Publikum ab von dem, was am Ende übrig blieb: ein Bräutigam, ausgesperrt auf einem Hochhausdach in der Wüste Las Vegas’, dehydriert und sonnenverbrannt – und mit einem abgrundtiefen Hass auf seine Freunde.

          Der Film sorgte in den Zehnerjahren dafür, dass auf einmal als cool galt, was eigentlich das Gegenteil davon ist: Junggesellenabschiede, kurz JGA. Und ihre Definition von einer guten Zeit.

          In „Hangover 2“ verlieren die Junggesellen nicht den Bräutigam, sondern seinen 16 Jahre alten Schwager, der wiederum seinen rechten Ringfinger einbüßt. Im Rausch fackeln sie in Bangkok ganze Straßenzüge ab, spielen mit Maschinenpistolen und Messern. Das Happy End des Films: Der wiedergefundene Teenager sitzt verschmitzt lächelnd da und sagt: „Ist witzig, ich kann mich an nichts mehr erinnern, aber als ich aufgewacht bin, war ich verdammt glücklich.“

          Hauptsache Exzess

          Dieser gezielte Kontrollverlust ist ein Missverständnis des Freiheitsbegriffs, wie der Kulturwissenschaftler Georg Kamphausen von der Universität Bayreuth sagt. Alle Formen fallen zu lassen, alle Regeln als obsolet zu betrachten – das sei nicht das, was Freiheit meint, das sei ein Zivilisationsbruch. „Auch Freiheit hat immer Formen und Regeln“, stellt Kamphausen klar.

          In einer Umfrage unter tausend Deutschen aus dem Jahr 2017 sagte fast jeder zweite: Nehme ich an einem Junggesellenabschied teil, ist mir nichts peinlich. Dabei geht es nicht nur um Bauchladen voller Kondome und Trinkspiele mit Dil­dos, sondern auch um den unbedingten Willen, über die Stränge zu schlagen. Sind Braut oder Bräutigam so betrunken, dass sie nicht mehr feiern können, schnarchen sie eben ein bisschen in der U-Bahn, bevor es im Club weitergeht. Wird ihnen nach dem Cocktailkurs schlecht, stecken sie sich kurz den Finger in den Hals. Das ist die „Hangover“-Prämisse: Eine Party ist gelungen, wenn der Exzess maximal ist.

          Vor dem Bamberger Biergarten „Spezial-Keller“ hängt deswegen seit fünf Jahren ein Schild: „Junggesellen-/innen Abschiede werden nicht bedient. No Bachelor Party“. Gastwirtin Katharina Löhr kann nicht ausschließen, dass manche JGA das nur als weitere Herausforderung sehen in ihrem Ziel, es mal richtig krachen zu lassen. Akzeptiert wird das Schild jedenfalls nicht. „Erst vor zwei Wochen haben wir wieder versucht, eine Gruppe loszuwerden“, sagt Löhr. Die junge Mutter klingt genervt. Der Junggeselle wollte im rosa Tutu in ihren Biergarten eindringen. Weil er es vorne herum nicht schaffte, versuchten er und seine Freunde es über den Lieferanteneingang. „Als ob wir das nicht merken würden“, schnaubt Löhr ins Telefon.

          Keinen JGA zu veranstalten ist gar nicht so einfach

          Ihre Familie sei regelmäßig damit be­schäftigt, pöbelnde Gruppen in Partneroutfits aus dem Biergarten zu schieben. „Ich verstehe nicht“, hebt Katharina Löhr an, als ihre Mutter sich aus dem Hintergrund schimpfend in das Ge­spräch einklinkt: „Die pinkeln überall hin, überall!“ Katharina Löhr fährt fort: „Auf jeden Fall verstehe ich nicht: Wenn man ständig aneckt, kann man doch keine gute Zeit haben.“

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