https://www.faz.net/-hry-9o053

Beziehungskolumne : Wenn der andere zum Geist wird

  • -Aktualisiert am

Ghosting kann zu schlaflosen Nächten führen, in denen man immer wieder den letzten Chat auf dem Handy durchgeht. Bild: dpa

Ghosting nennt es sich, wenn ein Partner oder eine Freundin sich einfach nicht mehr meldet, von jetzt auf gleich unerreichbar ist – für immer. Unsere Autorin hat es selbst erlebt. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

          Als WhatsApp aus dem breiten Grinsen meiner Freundin einen anonymen Schatten machte, als diese Freundin einfach so aus meinem Leben verschwand, an einem Tag im November, da war ich ganz sicher, dass ich es hier bloß mit einer Überreaktion zu tun hatte. Sie war impulsiv und eine gute Freundin, wir stritten. Seit Wochen schien alles, was mit mir zu tun hatte, an ihr abzuperlen. Sie war bloß sehr beschäftigt, sagte ich mir, kämpfte mit sich und einem Schicksalsschlag in der Familie. Also wurde ich nicht müde, ihr zu schreiben: Ich bin hier. Falls du mich brauchst, bin ich hier und gehe auch nicht weg. In diesem November schließlich stellte sich heraus: Sie war es, die gehen sollte. Ohne dabei auch nur ein einziges Wort zu verlieren.

          „Ghosting“ nennt sich diese zwischenmenschliche Unart, die diverse Partnerbörsen und Ratgeberportale als neuen „Trend“ bezeichnen. Das Prinzip ist so einfach wie grausam: Der Ghost (die Freundin, der Partner, das Tinder-Date) macht sich von heute auf morgen aus dem Staub und blockiert das Gegenüber zur Sicherheit auf allen Kanälen – um ja nicht Gefahr zu laufen, sich erklären zu müssen. Demjenigen, der geghostet wurde, bleibt nichts weiter übrig, als sich ungläubig die Augen zu reiben und auf ein Lebenszeichen zu warten. Manch einer macht das mitunter länger, als ihm guttut. Was bleibt, sind viele offene Fragen und ein großes, klaffendes Loch.

          Was mir blieb, waren schlaflose Nächte, in denen ich unsere letzten Gespräche immer wieder durchspielte und verbissen nach dem Wort suchte, das zu viel oder bloß unangebracht war. Ich fand keinen einzigen Anhaltspunkt und schrieb Nachrichten, die nie über den einen Haken hinauskamen. Umso mehr Tage vergingen, an denen ich mich bloß mit der Mailbox unterhielt, desto wütender wurde ich. Welcher meiner möglichen Fehler rechtfertigte so ein Verhalten? Sie war weg, wie tot, nur ohne zuvor gestorben zu sein.

          Hitzige Diskussion unter Freunden

          Es wäre ein leichtes gewesen, zu ihr zu fahren, an die Tür zu klopfen und ihr meine Wut um die Ohren zu hauen. Aber alles, was ich tat, war auf mein Handy zu starren und vor mich hin zu grübeln. Was mich abhielt? Vermutlich die Angst, statt nur vor einer digitalen Mauer vor einer echten geschlossenen Tür zu stehen.

          Eine repräsentative Umfrage des Dating-Portals „Elitepartner“ – das sind die mit dem Niveau – von 2018 besagt, dass jede vierte Frau schon mal als Ghost in der Versenkung verschwunden ist (so viel zum Thema Niveau). Dagegen stehen 19% der Männer, die es ebenfalls nicht für nötig hielten, sich ordentlich zu verabschieden. Doch: Beim Dating befindet man sich in idealerweise in der Kennenlern- und Annäherungsphase und, Hand aufs Herz: Wer ist angesichts eines creepy Dates, das ganz offensichtlich sämtliche deiner Social-Media-Kanäle auswendig gelernt hat, nicht schon mal abgetaucht? Aber was sagt das eigentlich über uns aus, wenn wir bis auf den Meter genau bestimmen können, wo sich der andere just in diesem Moment aufhält – und dann doch einfach feige davonrennen?

          „Gar nichts“, meint einer meiner ältesten Freunde, der hier Max heißen soll. Max findet es völlig legitim, alle Verbindungen zu einer Person zu kappen – aus „Selbstschutz“, wie er sagt. „Das Einzige, wovor du dich schützt, ist der Schmerz, den du dem anderen zufügst“, entgegne ich wütend. „Kann schon sein, ist aber immer noch besser, als selbst zu leiden.“ An diesem Abend im Dezember diskutieren wir hitzig. Fast vier Wochen sind seit dem verhängnisvollen Chat vergangen. Immer noch kein Lebenszeichen. Keine Erklärung, von einer Entschuldigung ganz zu schweigen.

          Nur drei Klicks

          Das Schlimmste habe ich überstanden, sage ich mir im Februar. Statt immer wieder mein Handy in der Hoffnung auf einen Anruf in Abwesenheit zu checken, schreibe ich alles auf, was ich ihr gern entgegen geschleudert hätte – hätte sie mir die Chance dazu gegeben. Abschicken würde ich den Brief nicht. Alles und nichts ist gesagt – was, in diesem Fall, ja im Grunde auch dasselbe ist.

          Im April dann, es ist mein Geburtstag, nach einem halben Jahr Funkstille, wird aus dem Messenger-Schatten wieder ein breites Grinsen. (Ist es etwa noch breiter geworden?) Dieses Mal vor einem idyllischen Berg-Panorama (wie schön für dich!). Wenig später trudelt die Nachricht ein: „Ich wünsche dir von Herzen alles Gute zum Geburtstag und hoffe, dir geht es gut.“ Es sind bloß drei Klicks, und schon werde ich zum Schatten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.