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Freundschaft am Ende : Wir haben uns nichts mehr zu sagen

Freundinnen für immer? Nicht jede Freundschaft hält ein Leben lang. Bild: Depositphotos

Als Teenager haben sie es sich fest versprochen: Beste Freundinnen! Für immer! Doch zehn Jahre später ist davon nichts mehr übrig, merkt unsere Autorin. Die Beziehungskolumne Ich. Du. Er Sie. Es.

          3 Min.

          Es gibt diese Jugendfreunde, die sieht man als Erwachsener nicht mehr so oft. Man wohnt in unterschiedlichen Städten; alle haben Jobs, Beziehungen, manche auch Kinder. Trotzdem ist es, wenn man sich dann trifft oder am Telefon spricht, als wäre die Zeit stehen geblieben. Nach fünf Minuten kriegt man sich nicht mehr ein vor Lachen, danach skizziert man dem anderen minutiös, was in den vergangenen Wochen so geschehen ist. Man holt sich Rat, man kichert, man fühlt sich geborgen. Es ist wie früher, nur eben heute.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Und dann gibt es noch die Freunde, mit denen man schon lange nicht mehr spricht und auch kein Bedürfnis danach hat. Wenn man sie doch mal trifft, will man nach fünf Minuten wieder gehen – egal, wie oft man sich früher gegenseitig „ABFFL” (=allerbeste Freundinnen fürs Leben) ins Schulheft gekritzelt hat.

          Ich habe von beiden Sorten welche, und so sehr ich mich über erstere freue, so sehr schmerzen mich letztere. Schließlich haben wir viel gemeinsam erlebt, einen ganzen Abschnitt unseres Lebens miteinander verbracht. Wir haben uns gegen Lehrer und Mitschüler verschworen, heimlich Alkohol getrunken, als wir noch gar keinen kaufen durften, uns beim ersten Liebeskummer getröstet und Schminkanleitungen ausprobiert. Wir sind zusammen in den Urlaub gefahren, haben Nächte durchgemacht, morgens im Bett Chips gegessen und davon geträumt, wie wir mal gemeinsam die Welt erobern. Wir haben gestritten und uns wieder vertragen, und wir haben uns versprochen: Die Freundschaft hält, für immer, auch wenn wir das Akronym „ABFFL“ mit zunehmendem Alter peinlich fanden.

          „Uns passiert das nicht!“

          Natürlich haben wir gewusst, dass Freunde sich oft auseinander leben, wenn die Schule vorbei ist. Das kennt man von den Eltern, in deren Jugendgeschichten Freunde auftauchen, die wir nicht kennen, weil sie heute keinen Kontakt mehr haben. Das klang traurig, und wir waren überzeugt: uns passiert das nicht! Wir haben sogar schon ausgemacht, später mal die Trauzeugin der jeweils anderen zu sein und uns schon mal darauf geeinigt, dass es keine peinlichen Aktionen mit Bauchläden auf Junggesellinnenabenden geben wird. Doch heute wüsste ich auf Anhieb nicht mal: Wenn ich morgen heirate, lade ich sie überhaupt ein?

          Es gab keinen großen Streit oder so, kein spezielles Ereignis, was zum Verwürfnis geführt hat. Doch nach Ende der Schulzeit, wir studierten unterschiedliche Fächer an unterschiedlichen Orten, wurden unsere Gespräche anstrengender. Über die Probleme, von denen sie mir erzählte, konnte ich nur den Kopf schütteln. Erzählte sie mir von ihren Erfolgen, war ich mehr damit beschäftigt, mich zu fragen, warum um Himmels Willen sie da arbeiten und diesen Job machen will, als mich mit ihr zu freuen. Ich glaube, ihr ging es mit meinen Belangen ähnlich.

          Gelacht haben wir nur noch, wenn wir alte Geschichten ausgegraben haben. Schließlich wurden unsere Treffen seltener. Sie war mir zu unzuverlässig, ich ihr nicht spontan genug. War sie in unserer Heimatstadt, war ich woanders und umgekehrt. Die Kleinigkeiten, die uns aneinander nervten, wuchsen so weit an, dass sie allem anderen den Platz nahmen. Irgendwann, es ist ein paar Jahre her, blieben die Treffen ganz aus.

          Kein klärendes Trennungsgespräch

          Es war eine beidseitige Entscheidung, glaube ich zumindest. Anders als in einer Liebesbeziehung führt man bei einer Freundschaft meistens kein klärendes Trennungsgespräch. Man sagt sich nicht, wie schön alles war, aber dass einen dies und jenes stört und es deshalb jetzt zu Ende ist. Man hört einfach auf, sich zu treffen, schreibt sich nur noch zu Geburtstagen und reagiert vielleicht mal mit der kleinen Partytröte auf die Instagram-Story der anderen, wenn die ein Bild von einer besonders schönen Urlaubsreise postet.

          Trotzdem ist es danach manchmal komisch. Früher wussten wir alles voneinander, heute weiß ich nur, was sie über Instagram mitteilt. Hat sie einen neuen Freund? Ist sie glücklich in ihrem neuen Job? Wie geht es ihren Eltern? Aus „ABFFL“ wurden „FF“, Facebook-Freunde, und das ist, wie wir beide wissen, so gut wie gar nichts.

          Jetzt ist es für mich tröstlich, dass es offenbar normal ist, dass manche Freunde sich irgendwann mal auseinander leben. Es ist den Eltern passiert, den Großeltern, und auch anderen Leuten aus meinem Bekanntenkreis. Es ist keine Schande, kein persönliches Versagen. Trotzdem denke ich mir insgeheim, dass es doch schön wäre, würden wir uns in ein paar Jahren wieder treffen und merken, dass unsere Leben in den Jahren wieder in die gleiche Richtung gewachsen sind. Wer weiß.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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