https://www.faz.net/-hry-9ki2e

Beziehungen über Distanz : Wenn der andere weit weg wohnt

Abschied am Bahnhof Bild: Andreas Müller

Wer eine Fernbeziehung führt, wird von seinem Umfeld meistens bemitleidet. Aber gibt es da nicht ein paar schöne Dinge, die alle außer Acht lassen? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.”

          2 Min.

          Erzähle ich, dass ich derzeit eine Fernbeziehung führe, wird das meistens ein deprimierendes Gespräch. Das Gegenüber reagiert für gewöhnlich betroffen, die Mundwinkel sinken erst nach unten, dann formen sich die Lippen zu einem traurigen „Oh“. Als nächstes folgen dann Fragen, deren Antworten wiederum mich traurig machen. Wie oft seht ihr euch? Oft, aber natürlich nicht oft genug. Wisst ihr schon, wann ihr zusammen ziehen könnt? Nein, grad nicht.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Um die Stimmung zu heben, sage ich dann manchmal: An einer Fernbeziehung ist ja auch nicht alles schlecht. An den gemeinsamen Wochenenden, zum Beispiel, ist alles, als wäre man frisch verliebt. Wenn der Zug endlich in den Bahnhof einfährt, klopft das Herz plötzlich wieder ganz schnell. Die letzten Meter auf dem Bahnsteig fliegt man gefühlt aufeinander zu. Berührungen und Küsse sind nie beiläufig, sie sind immer lang und intensiv. Die nächsten Tage klebt man mit einem breiten Grinsen im Gesicht aneinander wie Kaugummi an einer Schuhsohle und kann die Hände kaum voneinander lassen. Ein bisschen wie zwei Teenager, nur schämt man sich inzwischen (hoffentlich) nicht mehr beim Kondome kaufen.

          Alleine unter der Woche kann man dann spontan Kollegen zu sich einladen, ohne fürchten zu müssen, dass der Partner oder die Partnerin vielleicht Stress bei der Arbeit hatte und der Besuch ihm oder ihr gerade überhaupt nicht recht ist. Wenn man dann später ein bisschen beschwipst seine dreckige Wäsche einfach da liegen lässt, wo man sie gerade ausgezogen hat, ist auch keiner da, der das vielleicht unsexy findet. Und über die Bierfahne beschwert sich auch niemand.

          Das Traurigsein lenkt von einer Sache ab

          Natürlich heißt das auch: Da ist dann niemand, wenn man am nächsten Morgen aufwacht. Statt gemeinsamem Frühstück gibt es nur ein paar Whatsapp-Nachrichten, den Abschiedskuss bekommt man nicht vom geliebten Menschen, sondern von einem kleinen gelben Gesicht – und wirklich gut küsst das nicht. Wenn man ohne die Kollegen nach Hause kommt, weil man selbst einen stressigen Tag hatte, kocht keiner zur Aufmunterung das Lieblingsessen.

          Über den kitschigen Wochenenden liegt auch immer ein Schatten. Den Ärger darüber, dass der andere vergessen hat, die Theaterkarten zu reservieren, behält man für sich, weil man die Stimmung nicht vermiesen will – bis sich am Ende so viel angesammelt hat, dass aus lauter Belanglosigkeiten ein richtiger Streit wird. Und am Sonntag wandert der Blick unablässig zur Uhr: noch vier Stunden bis der Zug geht, noch zwei, noch eine, tschüss. Die Abschiedsdramatik wird jedes Mal so tapfer vermieden, dass man dafür schon längst eine Medaille verdient hätte.

          Also ja, das Gegenüber hat natürlich Recht, eine Fernbeziehung ist doof, ziemlich doof sogar. Die Anteilnahme ist auch sehr nett. Doch all das Traurigsein sollte nicht von einer Sache ablenken, die doch wirklich ziemlich schön ist: Da draußen gibt es jemanden, der mich liebt, der mich nicht gleich vergisst, wenn wir uns einige Tage nicht sehen, der sogar regelmäßig hunderte Kilometer durchs Land fährt, nur um mich zu besuchen. Und das ist doch alles andere als deprimierend.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

          Weitere Themen

          Muskeltraining mit Möbeln Video-Seite öffnen

          Bodybuilding für Zuhause : Muskeltraining mit Möbeln

          Die Fitnessstudios sind vielerorts auf der Welt wegen des Coronavirus geschlossen. Sein Muskeltraining will Bodybuilder Ahmed El-Sawy aber nicht ausfallen lassen. Der Fitnesstrainer nutzt für Arm- und Beinworkout deshalb alles, was in der Wohnung zu finden ist – also auch seinen kleinen Bruder.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.