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Beziehungskolumne : Wie Geiz Beziehungen ruiniert

Das Date mag noch so schön gewesen sein – am Morgen danach die Rechnung für das Frühstück auseinander zu rechnen ist nicht sexy. Bild: Picture-Alliance

Bei einem Date getrennt zahlen? Für unsere Autorin ein absolutes No-Go – und ein triftiger Grund, sich nicht mehr mit einer neuen Bekanntschaft zu treffen. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

          Eine Bekannte von mir hat einen wohlhabenden Anwalt gedatet, und es lief zu Beginn sehr, sehr gut. Er machte ihr Frühstück, spielte ihr auf dem Klavier vor und benahm sich sowieso genauso, wie man sich zu Beginn der Datingphase verhalten sollte: Höflich, zuvorkommend. Er wartete nicht fünf Tage, bis er sich wieder meldete, war zuverlässig. Aufmerksam. Nur eine Sache störte meine Bekannte: Er zahlte nie für sie, wenn sie gemeinsam essen gingen. Stets teilte er die Rechnung penibel auf. Das fand meine Bekannte so unangenehm, dass sie aufhörte, sich mit dem Anwalt zu treffen.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Man könnte jetzt finden: ganz schön unemanzipiert von ihr. Warum sollte der Mann immer einladen? Muss er ihr auch immer die Tür aufhalten? Ihr auf Knien einen Heiratsantrag machen? Quatsch, findet die Bekannte. Darum geht es gar nicht. Es ist eher so ein grundsätzliches Gefühl von Wertschätzung, um das es ihr, die selbst gut verdient, geht. Wenn er sie mal einladen würde, dann würde sie sich sehr freuen, ihn zurück einzuladen. Beim nächsten Dinner. Stattdessen jetzt dieses etwas peinliche Auseinanderdröseln der einzelnen Rechnungsbeträge an einem sonst vielleicht recht romantischen Abend. Ich halte Männern übrigens auch die Tür auf, wenn sie hinter mir herlaufen. Das ist einfach höflich.

          Fassungslosigkeit auf den Designerstühlen

          Klar, meine Bekannte hätte darüber hinwegsehen können. Sagen können: Ein Manko hat jeder. Der Geiz des Anwalts ging aber offenbar so weit, dass er sie nicht einmal am nächsten Morgen zum Frühstück einlud, wenn sie nach einer gemeinsam verbrachten Nacht ins Café gingen. Diese Aufrechnerei nahm meiner Bekannten jeglichen Spaß an den Treffen.

          Und Geiz ruiniert nicht nur romantische Treffen oder Beziehungen, er macht auch Freundschaften kaputt. Eine Studienfreundin von mir bekam jeden Monat viel Geld von ihren Eltern, um sich eine für sie allein viel zu große Wohnung zu finanzieren. Die Freundin gab ihr Geld eigentlich nur für sich aus, war nie besonders freigiebig, doch eigentlich störte uns das nicht. Dann erbte sie eine erhebliche Summe Geld. Wir freuten uns für sie, natürlich. Eines Abends lud sie uns zum Essen ein, es gab Nudeln mit Gemüse, dazu Wein. Sie führte uns neue Designerstühle vor, die sie sich von ihrem Erbe gekauft hatte. Sie brauchte das Geld ja sonst nicht.

          Am Ende das Abends dann verlangte sie von jedem von uns zwei Euro. Für das Essen und den Wein. Wir saßen da auf den Designerstühlen und wussten nicht, was wir sagen sollten. Meine andere Freundin hatte gerade im Studium ein Baby bekommen. Ich hatte neben dem Studium einen 450-Euro-Job. Wieder eine kämpfte mit dem Bafög-Amt. Schließlich murmelte ich, ich hätte kein Geld dabei. Die anderen taten es mir gleich. Wir sammelten Baby, Jacken und Schuhe ein und gingen. Die Freundschaft war danach nicht mehr zu retten.

          Studenten haben meist weniger und geben oft mehr

          Geiz ist nicht geil, ganz und gar nicht. Für uns Deutsche, die wir sorgsam sind, oft ganz gut mit Geld umgehen, und in einer Gesellschaft des absoluten Überflusses leben, ist es nicht immer leicht, Geiz und Sparsamkeit zu trennen. Bei einem Abendessen mit Freunden kommt einem meist mindestens eine Person unter, die ihre Rechnung einzeln zahlen will. Wenn sie nicht so viel verdient oder keinen Alkohol trinkt, ist das absolut nachvollziehbar. Unschön wird es aber, wenn die Person eben Geld hat, genug Geld. Dann wird aus Sparsamkeit Geiz.

          Nicht ohne Grund sprechen Obdachlose oder Bettler besonders gern junge Menschen an. „Die Studenten bringen mir oft Essen mit“, erzählt mir der Mann, der oft vor unserem Supermarkt sitzt und sich manchmal Bananen von mir wünscht. „Die sind offener.“ Leute, die selbst viel haben, geben manchmal ungern ab. Vielleicht haben sie Angst, dass die anderen Leute ihnen etwas wegnehmen wollen von dem hart Erarbeiteten. Es scheint jedenfalls zuweilen so: Die Angst, Geld zu verlieren, wird umso größer, je mehr Geld man hat.

          Geiz ist extrem unsexy. Niemand möchte eine Person daten oder gar mit ihr zusammen sein, die jeden Cent dreimal umdreht, obwohl sie es gar nicht muss. Das heißt nicht, dass man die Freigiebigkeit der anderen ausnutzen muss. Bei einem Date darf man aber gerne mal das Gegenüber einladen. Das funktioniert bei Männern, bei Frauen, bei allen, unabhängig von alten Geschlechterrollen. Denn Fakt ist: Geiz ist nicht nur ungeil, peinlich-penible Herumrechnerei ruiniert die romantische Stimmung. Und wer möchte schon sein Leben mit jemandem verbringen, der ständig die Stimmung versaut?

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