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Beziehungskolumne : Eine Nacht voll Tinder

  • -Aktualisiert am

Ein Tinder-Match – aber was redet man dann? Die erste Nachricht ist oft entscheidend. Bild: obs

Ein Tinder-Match – und worüber chattet man dann? Mit der „Swipe Night“ will die App ersten Gesprächsstoff liefern. Aber wie „tindert“ es sich während des Weltuntergangs? Unsere Autorin hat es ausprobiert.

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          In drei Stunden geht die Welt unter? Was würdest du tun? Luca, 22, „Life with no risk is boring”, würde schon mal das Gleiche tun wie ich – und ein Mädchen aus einer brenzligen Situation auf der Straße retten. Andererseits würde er lieber alles auf Social Media posten, anstatt im Hier und Jetzt zu leben – ganz klarer Fall für ein Wischen nach links (das heißt, er ist raus). Dabei hätte ich eigentlich genau darüber mit ihm reden sollen … Na egal, next!

          Amélie, 20, „Wants to travel the world“, und ich sind ganz am Ende zumindest schon mal auf das gleiche Ergebnis gekommen. Ich wische nach rechts. Wir haben ein Match.

          Normalerweise würde ich jetzt abwarten, bis sie so etwas schreibt wie „Hey“ oder „Hey, na, wie geht’s?“. Oder das Ganze je nach Tagesform selbst in die Hand nehmen. Meine Tagesform ist gut, und schließlich hat sich Tinder ja auch etwas dabei gedacht: Damit dieses „Hey, na, wie geht’s“ der Vergangenheit angehört, wurde die sogenannte „Swipe Night“ ins Leben gerufen. Am Smartphone erleben Tinder-Nutzer an diesem Abend eine Art Mini-Serie, die etwas an den Psychothriller „Black Mirror: Bandersnatch“ erinnert: Die User bestimmen selbst, wie die Protagonisten in verschiedenen Situationen agieren sollen – und können die weitere Handlung beeinflussen.

          In Tinders „Swipe Night“ ist man – wenig überraschend – Protagonist des eigenen Liebes- und Nachtlebens und entscheidet, wie der Abend weitergehen soll. Innerhalb von fünf Minuten treffe ich rund zehn Entscheidungen – jede einzelne innerhalb von sieben Sekunden. Manche fallen mir leicht, andere stellen mich vor ein kleines moralisches Dilemma. Aber genau diese Entscheidungen sollen mir helfen, Matches zu finden, die mehr oder weniger die gleichen moralischen Vorstellungen haben wie ich.

          Die Frage nach dem Dreier kommt bestimmt

          Gespräche anfangen ist selten einfach, vor allem nicht in Dating-Apps. Der Start ist oft holprig – es sei denn, der- oder diejenige fällt direkt mit der Tür ins Haus und lädt auf ein Sex-Date oder den Dreier mit dem „richtig netten und liebevollen“ Freund ein. Wenn man Glück hat, macht man direkt ein Treffen aus, um sich persönlich kennenzulernen, was ich aber mittlerweile auch eher als den „regelmäßigen Griff ins Klo“ bezeichne. Also versuche ich jetzt von Anfang an herauszufinden, ob wir wirklich so gut zusammenpassen, wie Tinder uns das sagt. Das „Hey“ bleibt, aber dann gibt's ja noch unsere „Swipe-Night“-Erfahrung: Amélie und ich würden beide einer anderen Frau verschweigen, dass ihr Freund sie betrügt … Sagt das etwas über uns selbst aus und wie ernst wir es mit der Ehrlichkeit in einer Beziehung nehmen? Vielleicht frage ich sie auch erst mal, warum sie erst die Affäre besagten Freundes retten würde und nicht den Hund. Tatsächlich treffe ich an diesem Abend Menschen, die die Vierbeiner den Menschen vorziehen. Man kann nie wissen, wozu der nahende Weltuntergang einen verleitet.

          Das Warten auf die Konfetti-Kanone

          Eigentlich ist die Idee ganz nett für uns Millenials. Die Macher haben sich alle Mühe gegeben und das Szenario so aufgebaut, dass es genauso nächstes Wochenende stattfinden könnte: Ein Komet soll knapp an der Erde vorbei rasen – der perfekte Anlass für eine Motto-Party, – dass er einschlägt, kann niemand ahnen. Die letzte Party ist in Pandemie-Zeiten immerhin auch schon eine Weile her, und uns bleibt sowieso nicht viel mehr übrig, als unser Glück online zu versuchen. Sogar die Uni als Single-Börse Nummer eins wurde uns genommen. Statt den Samstagabend also in irgendeinem Club zu verbringen, sitze ich zu Hause und warte darauf, dass die Konfetti-Kanone mir ein Match bestätigt.

          „Wäre es eine Katze gewesen, hätte ich die gerettet :)“. Die Antwort kam schneller als erwartet. Amélie ist ein Katzenmensch, klarer Pluspunkt. Wir reden über Katzen. Kein sehr originelles Thema, aber besser als die Funkstille, nachdem man festgestellt hat, dass es beiden gut geht und man „einfach mal nur guckt, was hier so los ist“. Wir wechseln das Thema und trauern beide den vergangenen Partys hinterher, die schon so lange zurückliegen, dass man gar nicht mehr weiß, ob das Lieblings-Party-Outfit einem überhaupt noch passt. Ich würde sagen, es läuft ganz gut. Wir verabreden uns auf einen Spaziergang am Main.

          Aus Erfahrung weiß ich, dass öffentliche Orte am besten geeignet sind, um die Flucht zu ergreifen. Immerhin haben wir uns nach nicht einmal acht Tagen verabredet – so lange brauchen die meisten Menschen im Durchschnitt. Aber statt nicht wie sonst nur Oberflächlichkeiten weiß ich jetzt schon mal, dass sie eine ähnliche Vorstellung von Moral haben muss wie ich. Wir würden uns beide nicht in die Beziehung anderer einmischen – und ein fremdes Mädchen retten, statt uns selbst schnell in Sicherheit zu bringen. Und sowieso, über Werte oder Moral zu sprechen, selbst wenn man das eigentlich nicht wollte, kann einem durchaus helfen, wenn man etwas Ernstes sucht. Ja, was Ernstes – auch das suchen viele auf Tinder.

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