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Beziehungskolumne : Zwischen uns passt kein Salatblatt

Beilage aus der Küche unseres Autors: elaboriert genug? Bild: privat

Gemeinsames Kochen bereichert die Beziehung. Wenn man selbst den Braten schätzt, die Freundin lieber fleischlos isst, ist das noch kein Problem. Doch was, wenn der eigene Salat plötzlich als „wenig elaboriert“ gilt? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

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          Es gibt da dieses Gedicht von Wilhelm Busch, vor 150 Jahren erschienen in der Sammlung „Kritik des Herzens“. Der Band war zunächst ein publizistischer Misserfolg, was aus vielen Gründen ungerecht ist. Zum einen gibt es kaum eine bessere Antwort auf Immanuel Kant, sowohl sprachlich als auch in der Sache, denn Busch schreibt nicht nur deutlich eleganter als der Professor aus Königsberg, er hat der Vernunft auch ein sehr viel schöneres Sujet entgegengesetzt, nämlich das Herz. Zum anderen hat niemand sonst die Verbindung von Kochkunst und Liebe so feinsinnig auf den Punkt gebracht wie Busch, als er dichtete: „Drum hab' ich mir auch stets gedacht / zu Haus und anderwärts: / Wer einen guten Braten macht, / hat auch ein gutes Herz.“

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Bloß habe ich habe meine Zweifel, ob dieser Satz stimmt. Was das Anderwärtige betrifft, so gilt er ganz gewiss nicht immer, denn in deutschen Restaurants müsste es, wenn die Geschichten stimmen, unzählige junge Köche geben, die unter dem Furor ihrer genialen, aber zuweilen jähzornigen Maîtres leiden.

          Zu Hause, in der eigenen Küche also, sind die Verhältnisse zum Glück etwas einfacher, was auch daran liegt, dass ich die Kochplatten allenfalls mit einer Person teile, meiner Freundin nämlich, von der ich ohne Übertreibung sagen kann, dass sie das wohl größte Herz hat, das mir jemals bei einem Menschen begegnet ist. Alleine die Zuwendung, die sie ihren Balkonpflanzen zukommen lässt, ist bemerkenswert. Allerdings gehen unsere Vorstellungen, was ein guter Braten ist, von Zeit zu Zeit auseinander. Und der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass hier mit dem Begriff des Bratens alle möglichen Gerichte gemeint sind, am wenigsten jedoch ein Braten, denn meine Freundin kocht, anders als ich, und da geht es schon los, am liebsten fleischlos.

          Vor einer Weile gab ein guter Freund mir einen Rat. Er hat wahrscheinlich auch die Busch-Gedichte gelesen, jedenfalls sagte er, wenn du herausfinden willst, ob die eigene Freundin wirklich gut zu dir passt, dann solltest du beobachten, wie ihr in der Küche miteinander zurechtkommt. Man muss dazu wissen, dass dieser Freund sich von seiner Freundin grundsätzlich bekochen lässt, aber das immerhin schon ziemlich lange, und obwohl die Arbeitsaufteilung für mich ziemlich antiquiert wirkt, scheint sie doch überraschenderweise zu funktionieren. Wie dem auch sei, im Grundsatz konnte ich dem Gedanken schon etwas abgewinnen. Stellt man zum Beispiel fest, dass da beim Kochen zwei Temperamente aufeinandertreffen, die so reagieren wie heißes Öl mit Wasser in einer Pfanne, dann ist wohl etwas Vorsicht angebracht. Ganz anders, wenn einem zwischen zwei Schritten eines viel zu komplizierten Rezeptes plötzlich aufgeht, dass man den anderen auch in der Hitze dreier voll aufgedrehter Herdplatten noch toll findet, mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn und Resten von Gemüse an den Händen.

          Dass die Küche für die Liebe nicht unbedingt ein guter Indikator und das Leben dann doch etwas komplizierter ist, als Wilhelm Busch und mein guter Freund es mir nahelegen wollen, habe ich inzwischen selbst gemerkt. Denn mit der Zeit werden die Gegensätze, die meine Freundin und ich beim Kochen austragen, nicht eben kleiner. Zum Beispiel verehrt sie einen israelischen Koch namens Yotam Ottolenghi, und immer wenn sie für das Abendessen ein Rezept heraussucht, läuft es auf eines aus dessen Kochbüchern hinaus, die in großer Zahl das Regal in der Küche säumen.

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