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Beziehungskolumne : Wenn man in der Krise zusammenzieht

  • -Aktualisiert am

Ist es komisch, wenn man plötzlich zusammenwohnt – obwohl man sonst immer eine Fernbeziehung führt? Bild: Picture-Alliance

Ja, man kann aus Versehen zusammenziehen! Unsere Autorin ist schon lange in einer Fernbeziehung. Nun haben sie und ihr Freund ihre Unabhängigkeit vorläufig aufgegeben. Die Beziehungskolumne Ich. Du. Er. Sie. Es.

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          Der Lockdown war fünf Wochen alt, als ich begriff, dass mein Freund und ich zusammengezogen waren. Es war ein Samstagmorgen, und wir waren – zu Hause, klar. Die Sonne schien unbeeindruckt durch das Fenster – wie schon den ganzen April über –, und wie jeden Samstag mussten wir dringend die Wohnung putzen und später einkaufen gehen. Wir waren gerade dabei, einträchtig das Frühstücksgeschirr abzuspülen, als ich dachte: „Das ist es. Wir leben jetzt zusammen.“

          Ja, man kann aus Versehen zusammenziehen. Noch vor ein paar Monaten wäre es nicht vorstellbar gewesen, dass wir uns länger als ein paar Tage am gleichen Ort aufhalten. Es war normal für uns, eine Fernbeziehung zu führen: Mein Freund arbeitete in London, ich studierte in Leipzig. Mitte Februar ist er für seinen Job zurück nach Frankfurt gezogen. Ich wollte zum Beginn meiner Semesterferien bei ihm sein, ihm ein wenig beim Einrichten der neuen Wohnung helfen, dafür sorgen, dass er zumindest nach ein paar Wochen nicht mehr seine alte Matratze als Sofa nutzt.

          Mitte März wäre ich für ein Auslandssemester nach Japan geflogen. Dann kam Corona und statt in Tokio musste ich mein letztes Semester doch in Leipzig antreten – allerdings mit Online-Seminaren und einer Masterarbeit, der es relativ egal ist, wo man sie schreibt. Es gab keinen Grund, wieder zu gehen. Also blieb ich.

          Wir haben nicht viel darüber geredet, es war irgendwie klar: Die Welt ist in der Krise, aber wir sind zusammen. Von der von uns stets so hoch gehaltenen Unabhängigkeit in die absolute Zweisamkeit. Wo andere Paare verzweifelt versuchten, sich über Ländergrenzen hinweg zu sehen, saßen wir plötzlich auf 50 Quadratmetern. Zusammen. Nicht viel Platz für zwei Menschen, die beide im Homeoffice arbeiten, gerne gestikulierend mit dem Telefon durch die Gegend laufen und über die Cloud fluchen – zugleich aber mehr Raum, als wir unserer Beziehung im gesamten letzten Jahr zugestanden haben.

          Wer eine Fernbeziehung führt, weiß, wie viel organisatorischer Aufwand dahinter steckt. Mit einem Mal stellte sich die Frage „Wann sehen wir uns?“ nicht mehr. Wochenenden füreinander freihalten mussten wir nicht mehr. Die Tage zählen, bis man sich sieht – brauchten wir nicht. Unglückliche Telefonate, weil der andere gerade mit schlechtem Empfang in der U-Bahn sitzt – weg. Diskussionen auf Whatsapp, in denen man sich missversteht; überhaupt das Antworten – weg. „Gute Nacht“ können wir uns jetzt einfach sagen, ganz ohne raumzeitliche Verzögerung. Will ich meinem Freund schreiben, finde ich den Chatverlauf jetzt irgendwo weiter unten zwischen der Unterhaltung mit einem Bekannten, dem man wegen eines Gefallens schreibt, und einer aus Langweile aufgewärmten Geburtstagsgeschenk-Gruppe.

          Kompromisslose Zweisamkeit

          Sonst hat sich seltsamerweise nicht viel verändert zwischen uns. Auch in den Tagen, die wir vor Corona miteinander verbracht haben, waren wir meistens kompromisslos zweisam – es waren eben immer nur eine Handvoll Tage. Wir kennen das, was uns an uns nervt: Auch jetzt bin ich immer noch die, deren Haare überall rumliegen und er ist immer noch der, der nicht unbedingt daran denkt, nach dem Essen den Tisch abzuwischen oder die Spüle sauber zu hinterlassen. Der Unterschied ist, dass wir jetzt eben alles miteinander teilen (außer Zahnbürsten und Handtücher, aber auch die laufen ständig Gefahr, verwechselt zu werden).

          Wissen war nie wertvoller

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          In der Zeit, in der wir beide im Homeoffice arbeiteten, haben wir mittags abwechselnd füreinander gekocht – und zwar nicht bloß Nudeln, sondern „was Richtiges“. So viele Lebensmittel wie in den vergangenen Wochen habe ich noch nie eingekauft. Essen war schließlich eine Zeitlang das Einzige, womit man sich noch verwöhnen konnte (und mein Freund muss offenbar täglich Nahrung für drei Menschen aufnehmen).

          Inzwischen geht mein Freund wieder ins Büro und ich koche wieder unspektakuläre Nudeln, weil niemand da ist, dem man mit selbstgemachten Süßkartoffelpommes eine Freude machen kann. Es fühlt sich zwar nicht mehr ganz so an, als wären wir zu einer Person zusammengewachsen, aber auch nicht so, als würden wir auf absehbare Zeit wieder verschiedene Wohnsitze haben. Corona und aller Zukunftsunsicherheit zum Trotz –  zumindest wir sind momentan genau richtig da, wo wir sind.

          Als ich kürzlich mit einer Freundin joggen ging, strahlte sie und sagte: „Ich bin so froh, dass ihr beide jetzt endlich zusammen wohnen könnt!“ Ich stutzte. Was sagt es eigentlich über uns aus, dass wir erst dann viel Zeit miteinander verbringen, wenn uns ein weltweit grassierendes Virus an die gleiche Stadt fesselt? Waren wir vorher viel zu sehr auf uns selbst fokussiert? Lieber drehe ich den Gedanken um: Es ist doch schön, dass das Zusammenleben ohne große Worte klappt – obwohl wir uns davor so selten gesehen haben. Dass wir zumindest in dieser seltsamen Zeit nicht ohne den anderen sind. Dass wir nicht groß darüber sprechen müssen, was das nun für die Zukunft bedeutet. Dass es sich, wenn ich vom Joggen oder Einkaufen zurückkehre, anfühlt wie nach Hause kommen.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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