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Beziehungskolumne : Wenn die erste große Liebe hält

Wenn’s passt, passt’s: In Essen haben Schüler einen Bauzaun mit einem Liebespaar verschönert. Bild: Picture-Alliance

Unsere Autorin ist seit der Schulzeit mit ihrem Partner zusammen. Andere reagieren darauf oft mit etwas Mitleid: Ist das nicht langweilig? Die Beziehungskolumne Ich. Du. Er. Sie. Es.

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          Um anderen Leuten eine Gefühl dafür zu geben, wie lange mein Freund und ich schon zusammen sind, genügt vielleicht diese Information: Zu unserem ersten Date haben wir uns über ICQ verabredet. Wir gingen damals noch zur Schule. Danach dauerte es nicht lange, und der Messengerdienst wurde abserviert. Unsere Beziehung nicht, sie hält bis heute.

          Mein Freund ist inzwischen 30, ich bin es fast und trotzdem würden wir ICQ auch nach Jahren noch blind an zwei Tönen erkennen. Das charakteristische „Ah-Oh“ begleitete damals jede neue, aufploppende Nachricht. Heute entspricht „Ah-Oh“, oder „Ah“ und „Oh“ dem, was ich höre, wenn Leute mich fragen, wie lange ich mit meinem Freund schon zusammen bin. „Bald sind es dreizehn Jahre,“ sage ich dann. „Ah, oh, echt? Krass.“

          Die meisten stocken zwischen den einzelnen Wörtern. Nur ganz leicht, aber doch so lange, dass es auffällt. Erstaunen lässt sich nur schlecht verstecken. Die Reaktion bringt zwei Facetten der gleichen Sache hervor. Das „Ah“, entspringt wohl dem Impuls, das Ganze irgendwie romantisch zu finden. Das Happy End schwingt schon mit, genauso wie die hollywoodeske Idee, dass einen das Schicksal über die roten Linoleumböden der Schulflure und alberne Privatpartys an Bushaltestellen zusammengeführt hat, ohne dass es jemals Zweifel gab, dass man diese Verbundenheit konservieren kann – über Studium, Fernbeziehungsstress und neue Freunde hinweg. Außerdem offenbart sich darin die Vorstellung, dass man trotz potentiell unendlicher Ablenkung zusammenbleibt, weil man so viel aneinander hat, dass man sich nicht vorstellen kann, einander nicht mehr zu genügen. Die erste große Liebe klingt einfach besser als die vierte.

          Manchmal fühlen wir uns wie Sonderlinge

          Es dauert nicht mehr so lange, bis ich den Punkt erreiche, an dem ich genauso viele Jahre meines Lebens mit meinem Freund wie ohne ihn verbracht habe. Eine so alte Beziehung in so jungen Jahren ist ungewöhnlich. Wir fühlen uns manchmal wie Sonderlinge, wenn uns klar wird: Er und ich haben unsere gesamten Zwanziger gemeinsam verbracht. Als Paar, ohne Unterbrechung. Sonderlinge deshalb, weil wir Niemanden unter unseren gleichaltrigen Freunden und Bekannten haben, der in einer ähnlichen Situation ist. Eher beobachten wir das Gegenteil. Die wenigen Langzeitbeziehungen, die sich irgendwie über Schule und Ausbildung gehalten haben, haben im Angesicht der Dreißig-Jahr-Grenze schlappgemacht.

          In der Generation meiner Eltern – von den Großeltern ganz zu schweigen – wären wir wohl eher die Norm als die Ausnahme gewesen. Meine Oma kann sich zusammenreimen, was gemeint ist; den Begriff „Langzeitbeziehung“ hat sie wohl trotzdem noch nie benutzt. Bei ihr bedeutete das Ehe. Auch das ist heute, wenigstens bei uns, anders und sorgt zuweilen für zusätzliche Verwirrung. Und nur um das deutlich zu machen: Dass die zwölfjährige Langzeitbeziehung für junge Menschen nicht mehr die Norm markiert, hat viel Gutes für sich. Weil es für eine Freiheit von Lebensentwürfen, Familien-, Partner- und Singlekonstellationen steht, für finanzielle und emotionale Unabhängigkeit. Es befreit von dem Klotz, sich in eine Zweckgemeinschaft zu begeben oder in einer zu bleiben, wenn man merkt, dass sie genau dazu geworden ist.

          Und da sind wir beim „Oh“. Denn oft genug, und sicher ohne Absicht, schleicht sich in die staunenden Augen meines Gegenübers ein bisschen Mitleid. Ich bin auch schon direkt gefragt worden, ob das nicht langweilig sei, weil man doch zwangsläufig so viel verpasse, ob man überhaupt wisse, wer man ohne den Partner sei? In Kurzform: Nein, ja.

          Es gibt einen Code, den nur wir beherrschen

          Das erste Geschenk, das ich von meinem Freund bekommen habe, war Staffel eins der bitterbösen und zugleich zutiefst kindischen Comicserie „South Park“. Selbstgebrannt, versteht sich. Jetzt kommt es schon mal vor, dass wir uns gegenseitig Tickets für die neue Ausstellung in der Kunsthalle schenken. Das mögen viele wahnsinnig spießig und altmodisch finden und sagen: Ihr seid – schon allein gedanklich – zusammen langweilig geworden. Man kann aber auch sagen, wir sind zusammen erwachsen geworden. Und das ist ziemlich toll, weil man damit ehrlicherweise nie aufhört. Es gibt einen Code, den nur wir beide beherrschen, genauso wie wir über vieles lachen können, es aber bestimmte Dinge gibt, über die vermutlich nur wir beide lachen können – und niemand sonst. Daran, unter vielem anderen, erkennt man eine eingeschworene Gemeinschaft.

          Ein Sonderling in der Welt der Erwachsenen: Auch wenn man es ungern zugibt, aber wir haben doch mehr mit Eric Cartman aus South Park gemein, als uns lieb ist.

          ​Trotzdem hat jeder von uns auch Zeit für sich selbst gehabt. Von unseren Beziehungsjahren haben wir einen großen Teil in Fernbeziehung verbracht. Bis zum Abi haben wir uns jeden Tag gesehen, oft von der ersten Schulstunde an. Dann kam der Abschluss und für den einen ein Studium in Bayern, für den anderen Zivildienst in Schleswig-Holstein. Es war immer klar, dass jeder von uns sich die Freiheiten nehmen kann, dort zu studieren und zu arbeiten, wo er möchte, weil Geographie (erst mal) nichts mit dem Beziehungsstatus zu tun hat. In regelmäßigen Intervallen waren wir also zumindest räumlich getrennt: Ein Auslandssemester in London, eines in Indien, ein Praktikum in Amerika, ein Master in Wien und ein Job in Frankfurt. Langzeitbeziehung heißt vielleicht auch zu lernen, dass es manchmal nur um einen selbst, und manchmal überhaupt nicht um einen selbst geht, und beides in Ordnung ist.

          Technologie hält nicht immer, was sie verspricht. Auf ICQ, was übrigens wie „I seek you“ klingen soll, war in meinem Fall Verlass. Glücklicherweise sind wir beide inzwischen auch erwachsen genug für eine Daten-Flatrate. Die gab es damals nämlich leider noch nicht. Internet wurde im Haus meiner Eltern noch minutenweise abgerechnet. Die unverschämt hohe Rechnung, die dank der dauerchattenden Tochter im Briefkasten lag, hat mir damals ein ernstes Gespräch eingebracht – selbst bezahlen musste ich sie zum Glück nicht. Vielleicht haben meine Eltern geahnt, dass es um eine langfristige Investition ging.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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