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Kolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es“ : Warum wir unsere Onlinedates gar nicht treffen wollen

Ein zwangloses Treffen im Café – dazu kommt es oft gar nicht, wenn man sich nur auf Dating-Apps verlässt. Die Leute schreiben lieber hin und her. Bild: Picture-Alliance

Warum werden in Datingapps so oft monatelang Nachrichten ausgetauscht – ohne dass es je zu einem Treffen im echten Leben kommt? In der WG unserer Autorin kursiert eine Theorie. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.”

          In der zu einem Parallelkosmos gewachsenen und auch für Außenseiter hochinteressanten Welt des Onlinedatings haben sich zwei Lager gebildet, die sich in regelmäßigen Abständen bei Weißwein und Nüsschen am Küchentisch meiner Wohngemeinschaft treffen. Zum ersten Lager gehört meine Freundin, nennen wir sie Lina, die neben ihrem Vollzeitjob abends durch Frankfurter Museen führt und Kunstausstellungen organisiert. Trotz ihres vollgepackten Alltags gelingt es ihr, sich mindestens einmal pro Woche mit Wildfremden auf Kaffees, Biere oder Regenspaziergänge zu treffen, oder fantastisch kochende Bartträger, deren Namen wir uns unmöglich merken können, übers Wochenende bei sich zu beherbergen. Und damit jederzeit Stoff für die nach Unterhaltung gierenden Bewohner der Außenwelt bereitzuhalten.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zu ihrem Lager gehören auch diese meiner Freunde, die ihre Partner angeblich ganz zufällig und ungeplant per App kennengelernt haben – und dann die wenigen Monate, die noch bis zur Geburt ihres ersten Kindes blieben, damit zubrachten, sich eine glaubwürdige Kennenlern-Geschichte für ihre Enkel zurecht zu legen.

          Am WG-Küchentisch, der sich gern und ausgiebig von ihnen beraten lässt, genießen sie hohes Ansehen als diejenigen, die das Angebot, das ihnen mit den 2500 Datingapps der Parallelwelt gemacht wird, ausschöpfen. Ohne große Erwartung, aber zu ihrer Zufriedenheit (oder zumindest Befriedigung).

          „Was ist deine Passion im Leben?“

          Dann gibt es das andere Lager. Zu ihnen gehört meine Freundin Clara, die morgens vor der Arbeit auf dem Main rudert, um ihre überschüssige Energie zu kanalisieren. Clara sagt: „Die spinnen alle.“ In ihrem Dating-Angebot, davon ist sie überzeugt, findet sich absolut niemand, mit dem sich ein normaler Abend verbringen lässt. Sie gehört zu denen, die schon beim Schreiben scheitern: die zwar auch Skurriles zu erzählen haben – und doch nie auch nur die Bekanntschaft ihrer Gesprächspartner im echten Leben gemacht haben.

          Denn die Wildfremden schreiben: „Wie war dein Wochenende?“ und nennen ungefragt die Umfänge verschiedener Körperteile. Sie erzählen von ihren schlimmsten Schicksalsschlägen, berichten im Detail von langwierigen Wasserrohr- und Kniegelenksbrüchen oder davon, was sie gegen die Frühjahrsmüdigkeit zu tun gedenken. Fetische einmal ausgeklammert, wenngleich in großer Anzahl vorhanden.

          Sie fragen: „Arbeitest du im Büro?“, in bedeutungsschweren Momenten: „Was ist deine Passion im Leben?“, erklären weltgewandt: „I am a person of strong opinions“ oder: „Between two options I choose indeed the best“. Kurz, sie gehen meinen Freundinnen fürchterlich auf die Nerven – aber das ist ihnen völlig egal, solange die Erfahrung, Erkenntnis, Selbsteinschätzung in die Welt gelangt. Und dass sie relevant ist, scheint unumstritten. Dieses Lager macht also die Bekanntschaft einer schriftlichen Form von Intim-Narzissmus, der allein darauf abzielt, sich selbst spürbar zu machen.

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