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Hochzeitsrednerin Heidi Müller : Mehr als Standesamt und Imbiss

  • -Aktualisiert am

„Linda, deine Kreativität und Freiheitsliebe treffen auf Florians Geduld und Herzlichkeit“: Heidi Müller bei der Arbeit. Bild: Marcus Kaufhold

Die Hochzeit als Actionfilm? Oder ein Hund, der den Ring trägt? Alles schon dagewesen. Heidi Müller ist Hochzeitsrednerin. Ihr Anspruch: die Zeremonie, die genau zum Paar passt. Wir haben sie dabei begleitet.

          7 Min.

          Als hätte ich es geahnt“, lächelt Heidi Müller und schaut auf die blauen Blumen vor sich. Sie selbst trägt ein tiefblaues Kleid. Die Blumen sind der Schmuck eines improvisierten kleinen Traualtars an diesem Nachmittag Ende Mai in Karlsruhe. Hier, in der „Cantina Majolika“, einem Edelrestaurant mitten im Karlsruher Schlossgarten, heiratet heute ein junges Paar unter freiem Himmel: Linda und Florian.

          Müller ist ein bisschen angespannt, gleich geht es los. Müller blickt auf die noch leeren Stuhlreihen vor sich. Im Slalom ist dort ein weißes Band verlegt, zwischen den Reihen hindurch. Dann greift sie zum Mikrofon, sie muss ein wenig um die Aufmerksamkeit der gerade eintreffenden Gäste kämpfen: „Mein Name ist Heidi Müller, und ich bin hier heute die Hochzeitsrednerin. Bitte geben Sie später die Eheringe, die durch das Band laufen werden, einfach weiter, und versehen Sie sie mit einem guten Wunsch für das Brautpaar.“

          Hochzeit mit persönlicher Note

          Die Gäste nehmen allmählich die Plätze ein, es geht los. Das Brautpaar schreitet zu den Klängen von „One Moment in Time“ durch den Mittelgang. Nachdem Linda und Florian ihre Plätze eingenommen haben, beginnt Müller: „Linda, du bist davon überzeugt, dass man durch Träume viel aus seinem Leben machen kann.“ Ihre Stimme hallt über die 120 Gäste hinweg. Später werden die zwei Ringe durch die Reihen gegeben, bis sie beim Brautpaar ankommen. „Deine Kreativität und deine Freiheitsliebe treffen auf Florians Geduld, Herzlichkeit und seine unsagbar positive Lebenseinstellung“, fährt Müller fort. „Gerade deswegen glaube ich, dass ihr euch perfekt ergänzt.“

          Dann fragt sie einzeln, zuerst die Braut: „Ist es dein aufrichtiger Wille, den hier anwesenden Florian zu deinem Ehemann zu nehmen, ihn zu lieben und zu achten, ihm treu zu sein, und in Freud und Leid zu ihm zu halten, so antworte mit Ja.“ Zum Schluss umarmt Müller beide, bevor das Brautpaar wieder auszieht. Linda meint danach: „Wir wollten unter freiem Himmel heiraten, und wir wollten eine wirklich persönliche Note in der Zeremonie haben. Durch das Vorgespräch haben wir gemerkt, wie gut es passt. Heidi Müller hat es wirklich sehr gut gemacht: persönlich, emotional und treffend formuliert.“

          Erst seit zwei Jahren im Geschäft

          Auf insgesamt 17 Eheschließungen spricht Müller in diesem Jahr als freie Hochzeitsrednerin, die 64-Jährige ist ausgebucht: „Besonders im Sommer wird es sich ballen.“ Und für nächstes Jahr haben schon zwei weitere Paare angefragt. Müller führt keine standesamtliche Trauung durch, sondern tritt an die Stelle eines Pfarrers – nur verteilt sie keinen kirchlichen Segen. Es gibt ein feierliches, von ihr choreographiertes Ritual, die Paare geben sich nach dem Standesamt noch mal vor ihr das Jawort und tauschen ihre Ringe. Zum Abschluss der Zeremonie hält Müller ihre Hochzeitsrede.

          Wohlüberlegt: Heidi Müller während ihrer Ansprache bei der Zeremonie von Linda und Florian in Karlsruhe Ende Mai Bilderstrecke

          Dabei führt die Frau mit den kurzen, weißen Haaren diese Art Trauungen noch gar nicht lange durch. Vor zwei Jahren ging sie in Rente, vorher unterrichtete sie knapp 40 Jahre als Lehrerin, primär im Fach Deutsch. Zudem leitete sie über 25 Jahre die Theater-AG an ihrer Schule.

          Wie kommt man zu so einem Job? „Alles begann mit der Hochzeit meines Sohnes, im August 2014 war das“, erzählt Müller. Der suchte damals mit seiner Verlobten eine freie Hochzeitsrednerin in Hamburg – und fand niemanden. Eine kirchliche Hochzeit kam für das Paar nicht in Frage, er fragte dann seine eigene Mutter.

          Die Hochzeit ihres Sohnes gab den Anstoß

          Müller kommt kurz ins Stocken: „Ja, natürlich war das auch seltsam – das eigene Kind zu verheiraten. Das ist irgendwie ein komisches Gefühl. Aber natürlich auch eine große Ehre.“ Sie wägte damals ab. Vorher hatte sie so etwas noch nie gemacht, fühlte sich unsicher und zugleich geschmeichelt. „Ich habe schließlich zugesagt und mich direkt in die Vorbereitungen begeben. Der Anspruch an mich selbst war natürlich enorm.“

          Müller besprach mit ihrem Sohn und der künftigen Schwiegertochter haarklein die Details: Wie sollte die Zeremonie sein? Wie die Rede aussehen? Was sollte sie besser nicht erwähnen? „Beim Schreiben der Rede achtete ich dann darauf, dass auf einen sentimentalen Satz wieder ein humorvoller folgt. Nicht dass ich noch zu rührselig werde“, sagt sie und lächelt verschmitzt.

          Wenn Müller spricht, formuliert sie überlegt und fast druckreif. Doch auch sie kommt mal aus der Ruhe. Einer dieser Momente war, als die Hochzeit ihres Sohnes vor der Tür stand: „In der Nacht vor der Trauung habe ich keine Minute geschlafen, der Text saß zwar, aber ich hatte natürlich Angst, vor Rührung zu weinen – das wäre irgendwie eine blöde Situation gewesen.“ Müller weinte nicht – zumindest nicht während der Rede. Alles ging gut über die Bühne, das Hochzeitspaar war glücklich und die Gäste auch. Nach der Zeremonie kamen etliche zu ihr und sagten: „Das müssen Sie unbedingt professionell machen.“

          „Der perfekte Tag“

          Müller ließ der Gedanke nicht los. Sie hatte ihre letzte Stunde gehalten, war von den Kollegen verabschiedet worden: Ruhestand. Doch Rumsitzen war nichts für sie. Sie schrieb sich an der Uni in Karlsruhe für Vorlesungen ein. Momentan hört sie „Deutsche Politik und Geschichte im Kinofilm“, ein Seminar. Zusätzlich noch eine Vorlesung zum Buddhismus, und Müller ist eine der wenigen aktiven Kräfte beim Uni-Radio. Viel zu tun. Doch sie fand: „Ein wenig Spielraum blieb mir schon noch in meinen Tagen, ich wollte das mit den Hochzeitsreden professionell angehen.“

          Sie sagt das, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Wenn sie so erzählt, vergisst man fast, dass man eine 64-Jährige vor sich hat. Die Frau sprüht vor Energie. Müller wirkt so gar nicht wie eine ehemalige Lehrerin, die eben das Vortragen nicht lassen kann. Man kauft ihr den ehrlichen Wunsch ab, frisch vermählten Paaren eine für sie passende Hochzeitszeremonie gestalten zu wollen. Sie selbst hatte zwei große Beziehungen in ihrem Leben und sagt heute: „Die Liebe ist ein unglaublich starkes Gefühl. Heute selbst die Ehe zweier Menschen zu schließen – wenn auch nicht rechtskräftig – ist eine große Ehre für mich.“

          Sie entschloss sich dann, das „professionell zu machen“, wie man ihr geraten hatte. Müller meldete ein Gewerbe an, ließ sich eine Homepage einrichten. „Der perfekte Tag“ heißt ihr Unternehmen. Und das ist auch ihr Anspruch an sich selbst. Möglichst perfekt in ihrem Job zu sein: „Ich hatte immer das Ziel: Wenn ich es mache, mache ich es richtig.“ Entsprechend engagiert ging sie ihr Vorhaben an. Doch zunächst ließ der Zuspruch auf sich warten – trotz extra erstellter Facebook-Seite. Müller ging auf Hochzeitsmessen. Sie war in Karlsruhe und Ettlingen, für den Quadratmeter zahlt man dort schnell 600 Euro pro Tag. Der Erfolg blieb aber aus: „Da waren aus meiner Sicht gar nicht so viele Paare, sondern vor allem Souvenirjäger. Die meisten Paare, die ich traue, gehen wohl ohnehin selten auf Hochzeitsmessen.“

          Kirchliches Trauungsritual zieht nicht mehr

          Der Durchbruch kam dann für Müller doch über das Internet, nur eben später als gedacht. Im Netz braucht es eben einige Zeit, bis man bei den Suchmaschinen oben gelistet wird. Doch inzwischen ist sie auf der Seite hochzeitsportal-karlsruhe.de unter den freien Rednern der erste Treffer. Und auch über ihre Website finden diverse Paare sie.

          Den Menschen, die zu ihr kommen, sagen die Formen der Kirche nichts mehr, erklärt Müller. „Paare, die heiraten, wollen heute individuell behandelt werden und finden das wohl nicht mehr bei der Kirche. Die Paare, die zu mir kommen, möchten zwar keine kirchliche Trauung, aber auch keine, wo es heißt: Wir geben uns im Standesamt das Jawort, und nach einem kurzen Imbiss geht es heim.“ Der Wunsch nach einer klassisch-romantischen Zeremonie sei da.

          Heute kommen die Anfragen fast jede Woche. Müller kommt dann für ein unverbindliches Vorgespräch oft zu den Paaren in die Wohnung. Dort schaut sie sich um. Wie ist das Wohnzimmer eingerichtet? Was steht in der Vitrine? „Allein die Wohnung sagt so viel über Menschen aus – mir geht es aber nicht um ein Spionieren, sondern den Menschen ist das ja auch wichtig: Wir wollen uns einfach gegenseitig kennenlernen.“ Sie lässt sich die Hobbys und die Lebenssituation der Menschen erklären, damit die Rede, die sie später für das Paar schreibt, so gut wie möglich passt. Nach dem Vorgespräch gibt Müller den Paaren einen Fragebogen, den beide Partner getrennt voneinander ausfüllen. „Wer ist bei Ihnen zu Hause der Herr über die Fernbedienung?“ ist eine dieser Fragen.

          Bestimmtes Klientel fragt das Angebot nach

          Für die Trauungen haben ihre Kunden die unterschiedlichsten Wünsche: „Es gibt Paare, die wollen, dass ein Hund oder anderes Tier beim Ringtauschen während der Zeremonie die Ringe nach vorne zum Brautpaar bringt.“ Vorher wird dann fleißig geprobt: Für den Hund wurde auf einer Hochzeit ein extra Gestell angefertigt, damit er die Ringe sicher transportieren konnte. All das wird vor der Hochzeit geplant und organisiert.

          Wenn dann die Vorbereitungen mit dem Paar getroffen sind, recherchiert Müller los. Natürlich mit Einverständnis des Brautpaares: Sie telefoniert mit Geschwistern, den Eltern und den besten Freunden – je nachdem, wer mit ihr reden will. Recherche, um ein möglichst komplettes Bild der Liebenden zu bekommen.

          Wenn Müller erzählt, bekommt man einen groben Einblick, was das für Paare sind, die freie Hochzeitsredner buchen. Sie traut einige, die schon geschieden sind. Kirchlich dürfen diese Menschen nicht mehr heiraten, in der freien Trauung finden sie eine Alternative. Zudem betreut sie auch gleichgeschlechtliche Paare. Manche kontaktieren Müller im vollen Bewusstsein, dass sie keine Theologin ist – und wollen in ihrer Hochzeit trotzdem einen religiösen Bezug haben. Die Hochzeitsrednerin muss dann den Spagat schaffen zwischen einer kirchlichen Zeremonie und einer unreligiösen Trauung. Ein anderes Mal sagte ein Paar ihr gleich zu Beginn: „Machen Sie bloß nichts Romantisches“, man wünsche es sich nüchtern. Keine Schnörkel, keine Liebesschwüre. Die Kunst für Müller besteht darin, das Ganze trotzdem stilvoll und festlich zu gestalten.

          Keine Weddingplanerin

          Ein anderes Paar orderte kürzlich die Hochzeit im Stil eines Actionfilms – geschrieben hat sie sie noch nicht. Sie steht auf, geht zum Regal und zieht den Film hervor: „Ich will ihn mir heute Abend noch mal anschauen, man bereitet sich ja vor.“ Gelegentlich gibt sie auch Tipps, da kommt ihr die Erfahrung aus der Theater-AG zugute. Sie gibt Ratschläge, wie die Braut geschickt einlaufen kann – oder wo man am besten in einer Räumlichkeit steht. Bei Bedarf organisiert sie auch schon mal einen DJ oder Blumenschmuck – Weddingplanerin will sie aber nicht sein. Um Parkplätze oder die Kinderbetreuung kümmert sie sich auch nicht. Aktuell überlegt sie aber schon, ob sie künftig nicht mit einer Mitarbeiterin zusammenarbeiten soll.

          Ihre Reden schreibt sie immer zuerst von Hand. Manchmal kommen ihr gute Gedanken beim Gassigehen mit ihrem Hund Moneypenny. Jeder Text ist bei ihr höchst individuell. Es gibt keine Textbausteine, keine Phrasen, keine Standard-Abläufe. Die Hochzeitspaare seien auch völlig unterschiedlich. „Allein deshalb kann man keine Rede doppelt benutzen.“

          Manche Paare laden sie ein, während der ganzen Feier dazubleiben. Das macht sie aber nie. Für sie ist ihre Aufgabe beendet, wenn die Zeremonie vorbei ist: „Die Paare wollen dann ja mit ihren Freunden und Verwandten feiern.“ So auch an diesem Nachmittag Ende Mai. Müller setzt sich in ihr Cabriolet und fährt davon. Schon morgen geht es weiter: Ein Brautpaar will mit ihr den Ort besichtigen, an dem die Hochzeit stattfinden soll.

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