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Japanische Badehäuser : Wasser des Glücks

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Wie in eine heiße Decke eingewickelt: Nach der Reinigung lehnen sich die Badegäste im Becken zurück. Bild: LAIF

Sie müssen es wissen: Zur Entspannung tauchen Japaner, die häufig mehr arbeiten als gesund ist, im Onsen ab. Wie es ist, in den heißen vulkanischen Quellen zu baden.

          Nach zwei Wochen in Japan sind. Wir. So. Müde. Und gestresst. Die langen Tage und Nächte in den Megastädten Tokio und Kyoto sowie bei unseren Reisen durchs Land haben bei meinem Freund und mir Spuren hinterlassen. Unsere leichte Grundgereiztheit sorgt für miese Stimmung. „Ihr braucht dringend ein heißes Bad“, sagt eine japanische Freundin. „Warum fahrt ihr nicht in ein Onsen?“

          Onsen ist der japanische Begriff für heiße Quelle, bezeichnet aber auch einen Kur- oder Urlaubsort mit Bädern, deren Wasser aus diesen natürlichen vulkanischen Quellen bezogen wird. Sie befinden sich verstreut in ganz Japan. Schon in den ältesten Schriftwerken des Landes ist die Nutzung der heißen Quellen festgehalten. Wegen des hohen Mineralgehalts werden dem Wasser heilende Wirkung und Jungbrunnen-Effekte zugeschrieben.

          Ähnlich wie deutsche Thermalquellen waren Onsen seit dem Mittelalter als Kurorte beliebt. Viele Krankheiten wurden in ihnen weggebadet. Seit der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) entwickelte sich ein regelrechter Badetourismus. Weil aber irgendwann die Zeit für ausgedehnte Kuren fehlte, wandelte sich der Onsen-Aufenthalt zum Kurztrip von zwei bis drei Tagen. Der Wellnessfaktor wurde immer wichtiger. Heute sind solche Badereisen Heilung, Entspannung und sinnliche Erfahrung: Viele Onsen locken nicht nur mit heißen Bädern, sondern auch mit kulinarischen Programmen und Wanderungen durch die Natur.

          Für Urlauber, besonders aber für gestresste Japaner, ist so ein Kurztrip das Paradies. In einem Land, dessen Sprache einen Begriff dafür hat, wenn Leute an den Folgen von Überarbeitung sterben, nämlich Karõshi, einem Land, in dem es immer noch zum guten Ton gehört, wenn Mitarbeiter nicht alle ihnen zustehenden Urlaubstage nutzen, ist maximale Entspannung in minimaler Zeit das Ziel. Kein Wunder, dass die Japaner Onsen lieben.

          Der Gast wird vor Betreten des Bades darauf hingewiesen, sich Schweiß und Schmutz abzuwaschen und keine Seifenreste am Körper in das Wasser zu tragen.

          130 Millionen Übernachtungen verzeichneten die Badeorte 2016. Die Zahl ist seit der Jahrtausendwende mehr oder weniger konstant. „Ein Besuch im Onsen ist immer noch die beliebteste Form des Inlandstourismus“, sagt die Onsen-Expertin Marie-Luise Legeland. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Bonn hat 2013 ihre Doktorarbeit über die Kultur- und Tourismusgeschichte der Thermalquellen geschrieben. Die Nachfrage nach den heißen vulkanischen Quellen führt zu immer neuen Bohrungen. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Zahl der Mineralquellen fast verdoppelt, auf etwa 27.400. Ähnlich sieht es mit der Zahl der offiziellen Badeorte aus, heute sind es gut 3000.

          Das authentische Japan-Erlebnis

          Baden ist ein integraler Bestandteil der japanischen Kultur. Weil es in den Wohnungen lange keine eigenen Badezimmer gab, waren öffentliche Badehäuser, die Sentõs, bis in die sechziger Jahre wichtige Etablissements. Noch heute werden sie genutzt, auch von Japan-Touristen – ein Bad im Onsen gilt als authentisches Japan-Erlebnis. Dass dort in Zeiten der großen Achtsamkeitswelle obendrein Körper und Seele gepflegt werden, ist nicht von Nachteil. Das Konzept, ein heißes, heilendes Bad mit einer Unterkunft in einem Ryokan zu kombinieren, einem traditionellen japanischen Gasthaus, in dem man auf Futons auf dem Boden schläft, boomt.

          Das zeigt auch der Hype, der gerade um die Welt geht. Original-Onsen gibt es zwar nur in Japan – dafür sind etwa die Kurbäder hierzulande nicht warm genug. Trotzdem wurden an einigen Orten Bäder gebaut, die von japanischen heißen Quellen inspiriert sind – in Deutschland etwa im Hotel Bachmair Weissach am Tegernsee. In der kalifornischen Metropole San Francisco eröffnete ein Bade-Restaurant, das „Onsen“. Auch Hotels im Stil traditioneller Ryokan gibt es über die Grenzen Japans hinaus immer häufiger. Die Vermietungsplattform Airbnb kürte 2017 in ihrem jährlichen Reise-Trend-Report das Ryokan zu einer der beliebtesten alternativen Unterkünfte ihrer Nutzer – mit stark steigender Nachfrage.

          Wir wollen testen, wie wohltuend und entspannend ein Besuch im Onsen mit Übernachtung im Ryokan wirklich ist. Von Kyoto aus geht es nach Kinosaki Onsen, in eine für ihre heilenden Quellen bekannte Bergstadt in der nördlichen Hyõgo-Präfektur an der Küste des Japanischen Meers. Hier blickt man auf eine 1300 Jahre alte Geschichte der Thermalquellenkultur zurück. Dafür nehmen wir es auf der zweieinhalbstündigen Fahrt auch in Kauf, zweimal umsteigen zu müssen. Die Entschleunigung erleben wir schon auf dem Weg und das im Wortsinn: Es geht los mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, dann wechseln wir in eine gemächlich fahrende Regionalbahn, und zuletzt rollen wir mit einem Einwaggon-Gefährt im Bahnhof von Kinosaki ein.

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          Der Ort mit den breiten Gassen und dem Bach im Zentrum wirkt wie leergefegt. Es ist unglaublich ruhig. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass hier mehr als 600.000 Übernachtungen im Jahr verzeichnet werden. Ob sich die Besucher wie gekochte Sardinen in einem der sieben öffentlichen Badehäuser tummeln, der zentralen Attraktion des Orts? Auch die meisten Ryokans haben kleine heiße Quellbäder, Gäste der Luxussuiten haben oft sogar ihren eigenen Hot-Pool. „Viele Ryokans sind darauf angelegt, dass Gäste sie nicht verlassen“, sagt Marie-Luise Legeland. „Kinosaki hat sich die öffentliche Badekultur allerdings erhalten. Noch immer werden die öffentlichen Badehäuser von gut 80 Prozent der Besucher genutzt.“

          Heilung und Entspannung

          Der Ort gleicht einem einzigen großen Wellnessbereich, in dem die Besucher zwischen ihren Ryokans, den Cafés und Restaurants und den Badehäusern flanieren. Sie tragen dabei eine besondere Uniform: ein traditionelles Outfit, das aus Yukata, einem leichten Kimono, den hölzernen, klackernden Geta-Sandalen und den Tabi-Socken mit Extraloch für den großen Zeh besteht.

          Die traditionelle Kleidung passt zum Stadtbild im historischen japanischen Stil. Als ein Erdbeben 1925 die gesamte Stadt zerstörte, sagt Legeland, habe man beschlossen, sie nach altem Vorbild wieder aufzubauen. „Aber erst durch die Denkmalschutzbewegung, die seit den sechziger Jahren aktiv agierte, gelang es, das Stadtbild einigermaßen homogen zu erhalten. Als alle auf den Westen schielten, hat Kinosaki schlauerweise früh erkannt, dass sich Tradition gut vermarkten lässt.“

          Statt dicke Hotelklötze mit Vergnügungsparks zu bauen, hat man in Kinosaki den ursprünglichen Charme bewahrt. Man setzt nicht auf Animationsprogramme, sondern auf Kulturfeste. Auch kulinarisch hat der Ort viel zu bieten, zum Beispiel die große Matsuba-Schneekrabbe, eine örtliche Spezialität, die in den besucherreichen Wintermonaten von November bis März Saison hat. Dann schmeckt auch das Tajima-Fleisch besonders gut. Das als bestes Rindfleisch der Welt bezeichnete Kobe stammt übrigens auch vom Tajima-Rind.

          Im Badehaus: Szene einer Zeremonie im 18. Jahrhundert.

          Aber vor dem Essen ein Bad! In unserem Ryokan angekommen, schlüpfen wir in die zurechtgelegten Yukata und machen uns auf den Weg. Das hoteleigene Onsen ist wie überall in einen Frauen- und einen Männerteil getrennt. Im Saal ist das Tragen von Badebekleidung ebensowenig gestattet wie das Benutzen großer Handtücher, nur ein kleines Handtuch, das Tenugui, darf mitgenommen werden. Ein Tattoo am Körper überklebt man besser mit einem Pflaster: Tätowierungen sind im Onsen gar nicht gerne gesehen, wenn nicht gar strikt verboten – ein Relikt aus der Zeit, als ausschließlich Mitglieder der Yakuza, der japanischen Mafia, tätowiert waren.

          Jetzt folgt die wichtigste Lektion: Das Onsen ist nicht zum Waschen da! Das heiße Bad dient ausschließlich der Heilung und Entspannung. Geduscht wird vorher in den kleinen offenen Nischen direkt im Badebereich, und zwar sitzend auf kleinen Hockern. Die offensichtlich Onsen-routinierten Japanerinnen nehmen sich dafür viel Zeit. Mit ruhigen Kreisbewegungen shampoonieren sie ihre Haare, seifen und peelen den Körper und brausen sich anschließend gründlich ab. Sogar der Dreck unter den Nägeln wird akribisch weggeschrubbt – ein waschechtes Reinigungsritual, um das heilende Wasser nicht zu verschmutzen. Tatsächlich wirkt es, als würden sie nicht nur Staub und Schweiß, sondern auch Stress und Sorgen des Alltags abspülen, in einer Art Zen-meditativer Putzzeremonie. Erst dann geht es ins heiße Wasser.

          Langsam versinke ich im Becken und spüre, wie die Hitze an der Haut kribbelt und knabbert. Es ist unfassbar heiß. Die Quelle hat eine Temperatur von 80 Grad und wird angeblich auf 42 Grad heruntergekühlt; die gefühlte Temperatur liegt weit darüber. Die Muskeln entspannen sich, die Gliedmaßen fühlen sich an wie schwerelos. Der sanfte Druck des Wassers ist wie eine innige Umarmung, wie eine flüssige Decke, in die man gewickelt wird. Es ist ganz still, ich fühle mich geborgen. Dann merke ich, wie mir allmählich schwindlig wird.

          Duschen, baden, fertig

          Nach fünf Minuten halte ich es nicht mehr aus. Ich steige aus dem Becken, schütte mir an der Dusche kaltes Wasser über den Kopf, fühle mich schlapp und möchte mich am liebsten hinlegen. Aber im kleinen Badebereich des traditionellen Ryokans sind Ruhe-Ecken nicht vorgesehen. Entspannung danach wie beim Saunieren ist kein Programmpunkt: duschen, baden, fertig.

          Unweit der Lobby entdecke ich doch einen Ort zum Ruhen, eine Couch mit Blick auf den Zen-Garten im Innenhof – ein Muss für jedes traditionelle Ryokan. Die nächsten 30 Minuten schaue ich nur lethargisch auf die Steinkreise, Bonsais und leise plätschernden Brunnen und denke an nichts. So entspannt und müde habe ich mich lange nicht mehr gefühlt.

          Aber wir wollen auch noch eines der sieben öffentlichen Bäder testen. Im Prinzip ist das vulkanische heiße Wasser in Kinosaki überall gleich – reich an Sodium, Kalzium und Chlorid, was bei Erschöpfung, Muskel- und Nervenleiden helfen sowie gut für Stoffwechsel, Immunsystem und Haut sein soll. Trotzdem werben die Bäder mit unterschiedlichen Zusatzeffekten, die wohl eher etwas für Anhänger von Horoskopen sind. Kouno-yu zum Beispiel, das älteste Bad, verspricht eine glückliche Ehe und ein langes Leben, Mandara-yu eine erleuchtete Seele, Yanagi-yu bringt Fruchtbarkeit und eine sichere Geburt. Wir entscheiden uns für Goshono-yu: das Wasser der Schönheit, plus Glück in der Liebe und Schutz gegen Feuer. Mit den hohen Decken und dem von Felsen umsäumten Außenbecken ist das Bad auch besonders ansprechend. Die Architektur mit dem Dach aus Holzbalken und Glasfenstern ist inspiriert vom Kaiserpalast in Kyõto. Mit der frischen Luft um die Nase und den blubbernden Unterwassersitzen im Becken halte ich es dieses Mal zehn Minuten im Wasser aus. Dann pausiere ich auf einer gewärmten Steinbank - endlich eine Sitzgelegenheit. Eine zweite Runde schaffe ich noch. Das Bad ist inzwischen völlig leer, ich genieße den besänftigenden Blick auf die Natur. Nach dem Bad fühlt sich die Haut weich und durchfeuchtet an, der Teint strahlt rosig, fast schon wie zu präpubertären Zeiten. Auf eine Feuchtigkeitscreme kann ich verzichten – natürlicher Glow.

          Innerlich und äußerlich strahlend laufen wir ins Nishimuraya Honkan, das erste und älteste Haus am Platz, auf ein Kaiseki, Japans gehobenste Art zu essen. Es ist ein Potpourri aus gegrilltem, gekochtem und rohem Fisch, mit Tofukreationen und natürlich Schneekrabbe und Tajima-Rind. Alles auf Sterneniveau.

          Als wir am nächsten Tag aufbrechen, fühlen wir uns wie neugeboren. Oder zumindest ausgeschlafen, entspannt, ein bisschen schöner und gesünder. Ein leichter Ausschlag am Arm ist verschwunden. Das Wochenende hatte einen Effekt, wie man ihn sonst von mindestens einer Woche Urlaub kennt. Onsen sind wirklich Quellen der Erholung.

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