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Japanische Badehäuser : Wasser des Glücks

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Jetzt folgt die wichtigste Lektion: Das Onsen ist nicht zum Waschen da! Das heiße Bad dient ausschließlich der Heilung und Entspannung. Geduscht wird vorher in den kleinen offenen Nischen direkt im Badebereich, und zwar sitzend auf kleinen Hockern. Die offensichtlich Onsen-routinierten Japanerinnen nehmen sich dafür viel Zeit. Mit ruhigen Kreisbewegungen shampoonieren sie ihre Haare, seifen und peelen den Körper und brausen sich anschließend gründlich ab. Sogar der Dreck unter den Nägeln wird akribisch weggeschrubbt – ein waschechtes Reinigungsritual, um das heilende Wasser nicht zu verschmutzen. Tatsächlich wirkt es, als würden sie nicht nur Staub und Schweiß, sondern auch Stress und Sorgen des Alltags abspülen, in einer Art Zen-meditativer Putzzeremonie. Erst dann geht es ins heiße Wasser.

Langsam versinke ich im Becken und spüre, wie die Hitze an der Haut kribbelt und knabbert. Es ist unfassbar heiß. Die Quelle hat eine Temperatur von 80 Grad und wird angeblich auf 42 Grad heruntergekühlt; die gefühlte Temperatur liegt weit darüber. Die Muskeln entspannen sich, die Gliedmaßen fühlen sich an wie schwerelos. Der sanfte Druck des Wassers ist wie eine innige Umarmung, wie eine flüssige Decke, in die man gewickelt wird. Es ist ganz still, ich fühle mich geborgen. Dann merke ich, wie mir allmählich schwindlig wird.

Duschen, baden, fertig

Nach fünf Minuten halte ich es nicht mehr aus. Ich steige aus dem Becken, schütte mir an der Dusche kaltes Wasser über den Kopf, fühle mich schlapp und möchte mich am liebsten hinlegen. Aber im kleinen Badebereich des traditionellen Ryokans sind Ruhe-Ecken nicht vorgesehen. Entspannung danach wie beim Saunieren ist kein Programmpunkt: duschen, baden, fertig.

Unweit der Lobby entdecke ich doch einen Ort zum Ruhen, eine Couch mit Blick auf den Zen-Garten im Innenhof – ein Muss für jedes traditionelle Ryokan. Die nächsten 30 Minuten schaue ich nur lethargisch auf die Steinkreise, Bonsais und leise plätschernden Brunnen und denke an nichts. So entspannt und müde habe ich mich lange nicht mehr gefühlt.

Aber wir wollen auch noch eines der sieben öffentlichen Bäder testen. Im Prinzip ist das vulkanische heiße Wasser in Kinosaki überall gleich – reich an Sodium, Kalzium und Chlorid, was bei Erschöpfung, Muskel- und Nervenleiden helfen sowie gut für Stoffwechsel, Immunsystem und Haut sein soll. Trotzdem werben die Bäder mit unterschiedlichen Zusatzeffekten, die wohl eher etwas für Anhänger von Horoskopen sind. Kouno-yu zum Beispiel, das älteste Bad, verspricht eine glückliche Ehe und ein langes Leben, Mandara-yu eine erleuchtete Seele, Yanagi-yu bringt Fruchtbarkeit und eine sichere Geburt. Wir entscheiden uns für Goshono-yu: das Wasser der Schönheit, plus Glück in der Liebe und Schutz gegen Feuer. Mit den hohen Decken und dem von Felsen umsäumten Außenbecken ist das Bad auch besonders ansprechend. Die Architektur mit dem Dach aus Holzbalken und Glasfenstern ist inspiriert vom Kaiserpalast in Kyõto. Mit der frischen Luft um die Nase und den blubbernden Unterwassersitzen im Becken halte ich es dieses Mal zehn Minuten im Wasser aus. Dann pausiere ich auf einer gewärmten Steinbank - endlich eine Sitzgelegenheit. Eine zweite Runde schaffe ich noch. Das Bad ist inzwischen völlig leer, ich genieße den besänftigenden Blick auf die Natur. Nach dem Bad fühlt sich die Haut weich und durchfeuchtet an, der Teint strahlt rosig, fast schon wie zu präpubertären Zeiten. Auf eine Feuchtigkeitscreme kann ich verzichten – natürlicher Glow.

Innerlich und äußerlich strahlend laufen wir ins Nishimuraya Honkan, das erste und älteste Haus am Platz, auf ein Kaiseki, Japans gehobenste Art zu essen. Es ist ein Potpourri aus gegrilltem, gekochtem und rohem Fisch, mit Tofukreationen und natürlich Schneekrabbe und Tajima-Rind. Alles auf Sterneniveau.

Als wir am nächsten Tag aufbrechen, fühlen wir uns wie neugeboren. Oder zumindest ausgeschlafen, entspannt, ein bisschen schöner und gesünder. Ein leichter Ausschlag am Arm ist verschwunden. Das Wochenende hatte einen Effekt, wie man ihn sonst von mindestens einer Woche Urlaub kennt. Onsen sind wirklich Quellen der Erholung.

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