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H&M verbannt Plus-Size : „Viele dicke Frauen sind in der Gesellschaft unsichtbar“

  • -Aktualisiert am

Die Bekleidungskette Hennes & Mauritz (H&M) sorgt abermals für einen Skandal. Bild: dpa

H&M vertreibt seine Kollektion für große Größen künftig nur noch online. Plus-Size-Bloggerin Julia Kremer will das nicht hinnehmen – und fordert ein Umdenken der großen Modeketten.

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          Haben wir uns vor ein paar Monaten noch gefreut, dass Curvy-Models über die Laufstege von Chanel und Fendi liefen, ist diese Nachricht ein klarer Schritt zurück. Die schwedische Modekette Hennes und Mauritz (H&M) verbannt ihre Plus-Size-Mode aus den Geschäften und bietet die „H&M+“-Kollektion künftig nur noch im Online-Shop an. Die Pressestelle von H&M begründet ihre Entscheidung mit den veränderten Bedürfnissen ihrer Kundinnen und deren Kaufverhalten: „Die Nachfrage nach unserem H&M+-Sortiment hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr auf unseren Online­-Shop verlagert”, so die Modekette.

          Kritik an dieser Entscheidung kommt vor allem von Plus-Size-Bloggerinnen wie Julia Kremer. Auf Instagram setzt sie sich mit ihrem Account „schoenwild“ für die Body-Positivity-Bewegung ein und hat bereits Kampagnen wie „#respectmysize“ ins Leben gerufen, um für mehr Toleranz gegenüber allen Körperformen zu werben. Die Entscheidung der Modekette stößt bei ihr auf Unverständnis – vor allem vor dem Hintergrund, wie viele Marken in im Jahr 2020 mit mehr Diversität werben.

          Frau Kremer, hat Sie die Entscheidung von H&M überrascht?

          Ehrlich gesagt, habe ich mich nicht so krass gewundert, weil mir schon vor zwei Jahren aufgefallen ist, dass H&M die Plus-Size-Kollektion aus dem Katalog verbannt hat. Es war damals schon diskriminierend und mir wurde damals als Antwort gegeben, dass es der Wunsch der Kundin ist und sie nur darauf reagieren. Ich habe H&M angeboten, sich mal an einen Tisch zu setzen und zu sprechen, weil ich finde, dass sie an Parametern messen, die nicht valide sind. Ich hätte mir von Anfang an gewünscht, dass die Kollektionen größer aufgestellt werden, von XS- XXXXL, und das alles an einer Stange hängt. Es wird immer gesagt, es wäre ein wirtschaftlicher Faktor. Mag sein, aber wir leben im Jahr 2020 und ich finde, ein so großes Unternehmen darf und muss auch moralische Entscheidungen treffen und sich dahingehend anders aufstellen. H&M hätte einfach die Kommunikation anders angehen müssen. Das letzte, was wir wollen, ist ein Shitstorm. Wir wollen eine Kommunikation auf Augenhöhe und ein Gespräch miteinander.

          Sie kritisieren auch die Kommunikation des Konzerns. Wie hätte man es aus Ihrer Sicht besser machen können?

          Ich hätte mir gewünscht, dass H&M mit uns Plus-Size-Bloggern Kontakt aufnimmt. Wir sind ein Sprachrohr für die Plus-Size-Community. Man hätte das über uns kommunizieren können, zum Beispiel so: „Hey Mädels, wundert euch nicht, die Abteilungen verschwinden, aber mit dem Vorteil, dass die Plus-Size-Größen in die Kollektionen integriert werden. Wir finden, dass keine Ausgrenzung mehr zugelassen werden darf und deshalb gibt es keine extra Abteilung mehr für euch, ihr findet die Sachen an den Ständern, wo jeder andere Mensch seine Sachen auch findet.“ Das wäre eine bessere Lösung gewesen, als einfach ein Pappschild aufzuhängen und noch ironisch „Viel Spaß beim Shoppen“ zu wünschen.

          Ihrem Unmut haben Sie unter anderem auf Tiktok und Instagram Luft gemacht.

          Social Media muss man erst mal danken, dass sich dadurch so viele Frauen gefunden haben. Das Problem ist ja nicht erst seit gestern bekannt und es gibt es nicht nur bei H&M. Andere Läden wie Mango oder Vero Moda, die auch eine Plus-Size-Kollektion haben, bieten sie ebenfalls nicht offline an. Social Media hat den positiven Effekt, dass sich jetzt Leute vereinen können, die vorher keine Stimme hatten. Also alle Randgruppen der Welt, ob die LGBTQ+-Community oder die Schwarze-Community, alle haben durch Social Media die Möglichkeit, sich zu vereinen, laut zu werden und eine Stimme zu werden.

          Welche Erfahrungen haben Sie persönlich beim Offline-Einkauf gemacht?

          Wenn ich ganz ehrlich bin, gehe ich so gut wie gar nicht mehr offline einkaufen. Trotzdem mache ich den Mund auf, weil ich finde, dass es ungerecht ist und so nicht sein sollte. Über die vielen Jahre haben uns die Geschäfte auch dahin trainiert, dass wir nichts finden und dass wir uns damit zufriedengeben müssen. Da muss man einfach umdenken. Viele Geschäfte reden ja davon, dass Läden sterben, aber dann sollte man doch besser den Bedürfnissen der Kunden zuhören und diese umsetzten. Wenn ich einkaufen gehe, ist das einfach frustrierend. Als dicker Mensch wächst man damit auf, dass nicht alles passt, dass man oft benachteiligt und diskriminiert wird, dass man einen blöden Spruch bekommt, das kennt man nicht anders. Gerade weil ich mich so lange für das Thema stark mache, auch nach der Kampagne #respectmysize mit Verena Prechtl, fällt es mir sehr schwer zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. Unternehmen haben Verantwortung. Die können sie auch anders nutzen.

          Gibt es Läden, die diese Verantwortung bereits wahrnehmen?

          Es sind weniger als zehn Läden in der Stadt, in denen man als kurvige Frau ab Kleidergröße 46 einkaufen kann. Und das ist im Vergleich zu der Auswahl, die schlanke Menschen haben, sehr wenig. Vielen schlanken Menschen ist das gar nicht bewusst, dass viele dicke Frauen in der Gesellschaft einfach unsichtbar sind.

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