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Kurator von Glücksmuseum : „Man muss das Preisschild vom Glück entfernen“

  • -Aktualisiert am

Glück ist auch sauberes Wasser im Hafenbecken: Beim traditionellen Neujahrsbaden am 31. Dezember 2018 springen Kopenhagener ins sechs Grad kalte Nass. Bild: AFP

In Kopenhagen hat ein Glücksmuseum eröffnet. Kurator Meik Wiking erklärt im Interview, was Glück eigentlich ist, ob man selbst für sein Glück verantwortlich ist und wie die Gesellschaft Glück für alle fördern kann.

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          Herr Wiking, was ist Glück?

          Glück ist ein Überbegriff, in den wir alle möglichen Dinge legen, die für uns ein gutes Leben ausmachen. Glück hat viele Komponenten: ein Gefühl von einem Sinn im Leben, von Verbundenheit mit anderen Menschen, eine sinnvolle Arbeit, Gesundheit, und Genuss im täglichen Leben wie ein gutes Essen im Freundeskreis. Das Spannende am Glück ist, dass es so viele Facetten hat. Genau das wollen wir im Museum sichtbar machen.

          Wie zeigt man diese Facetten in einem Museum?

          Wir haben verschiedene Bereiche, zum Beispiel zur Geschichte des Glücks. Wie hat sich die Vorstellung über das gute Leben verändert? Wir schauen uns die Wissenschaft des Glücks an, wie man Glück quantifiziert. Und blicken auf die ganze Welt: Wie verstehen verschiedene Menschen in verschiedenen Kulturen das Glück? Außerdem stellen wir Artefakte aus, zum Beispiel haben wir eine „Make America Great Again“ Kappe, denn Forscher haben gemessen, dass die Engländer im Jahr 2016 am 9. November am unglücklichsten waren, einen Tag nach Donald Trumps Wahl.

          Was hat sich über die Zeit an der Vorstellung von Glück verändert?

          Früher haben wir zu den Göttern geschaut, weil die uns glücklich machen konnten. Heute ist Glück unser eigenes Projekt, und wir sind selbst verantwortlich dafür. Unternehmen versprechen heute: Wenn du dies oder jenes kaufst, wirst du glücklich. Natürlich kann ich etwas tun, aber ich bin auch einigen gesellschaftlichen und genetischen Rahmenbedingungen unterworfen, die ich nicht verändern kann. Wenn also Coca Cola sagt, Glück sei eine Entscheidung, ist das sehr vereinfacht. Da lässt man viele Faktoren außen vor, die auch Bedeutung haben.

          Eine Kappe mit der Aufschrift „Make America Great Again“, wie sie viele Anhänger des US-Präsidenten Trump tragen, liegt im Happiness Museum in Kopenhagen aus.

          Welche Faktoren sind das?

          Tatsächlich gibt es viele unterschiedliche Faktoren. Manche können wir beeinflussen, andere nicht. Zum Beispiel spielt die Genetik eine Rolle:  Eineiige Zwillinge haben oft ein relativ ähnliches Glücksniveau, während schon bei zweieiigen Zwillingen nicht so große Korrelationen zu finde sind. Genetik ist ja auch ein Faktor bei der Entstehung von mentalen Leiden wie Schizophrenie und Depressionen. Auch das Alter ist entscheidend, da kann man in den meisten Ländern eine U-Kurve sehen. Wir sind typischerweise glücklicher, wenn wir jünger und älter sind. Viele Menschen kommen in ihren Vierzigern an eine Art Nullpunkt. Beziehungen spielen aber auch mit rein, unser Arbeitsweg, das Liebesleben, die Gesundheit. Glück hängt aber auch davon ab, wo wir leben: Menschen mit Kindern sind in Amerika weniger glücklich als in Portugal, Finnland, Schweden. Das hat dann mit den Lebensbedingungen zu tun.

          Welchen Einfluss kann ich selbst auf mein Glück nehmen?

          Ich denke, man sollte Glück genauso betrachten wie Gesundheit: Jeder ist genetisch prädisponiert für bestimmte Krankheiten, aber auch der Wohnort hat eine Bedeutung: Dänemark zum Beispiel verfügt über ein super Gesundheitssystem. Die letzte Kategorie ist unsere persönliche Wahl: Rauchen wir, wie viel trinken wir, wie ist unsere Ernährung, wie viel bewegen wir uns? So ähnlich ist es mit dem Glück.

          Wenn also ein Faktor für das Glück auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind, wie kann eine Gesellschaft Glück für alle fördern?

          In unseren Daten gibt es starke Muster. Natürlich sind wir unterschiedlich und in verschiedenen Situationen. Zum Beispiel finanziell: Wenn man arm ist und kein Geld für Essen hat, dann hat Geld ja einen hohen Wert und schafft viel Wohlbefinden. Aber wenn Leute schon 200.000 Euro im Jahr verdienen und dann 1000 Euro mehr bekommen, bedeutet das nichts für ihr Wohlbefinden. Ganz klar: Arm sein heißt Stress und Sorgen. In unseren Studien sind die glücklichsten Menschen diejenigen, die gesund sind, die jemanden haben, der ihnen wichtig ist, dem sie auch etwas bedeuten; die Menschen, die eine sinnstiftende Arbeit haben, einen Sinn im Leben; die auch materiell so ausgestattet sind, dass sie keinen Stress und Sorgen empfinden müssen. Das Frustrierende ist, dass Aristoteles das schon vor 2300 Jahren gesagt hat. Aber das ist zugleich auch spannend, dass es diese Muster gibt, die quer durch Kultur, Geografie und Zeit reichen. Es gibt größere Unterschiede darin, was Menschen für gute Kunst halten, für Schönheit oder gute Führung.

          Die skandinavischen Länder führen immer wieder die Ranglisten der glücklichsten Länder an. Was machen sie richtig?

          Das nordische Modell ist gut, um die Ursachen von Unglück zu beseitigen. Es sichert zum Beispiel gleichen Zugang zum Gesundheitssystem und Geschlechtergerechtigkeit und reduziert so Stress und Sorgen der Bewohner. Es verwandelt unseren Reichtum in Lebensqualität. Man investiert an den richtigen Stellen, nämlich in Menschen. Politik und Stadtdesign fokussieren auf Lebensqualität für die Einwohner, es geht nicht darum, Wachstum um des Wachstums willen zu schaffen.

          Was heißt das konkret?

          Kopenhagen hat zum Beispiel in sauberes Wasser in den Kanälen investiert. Ich kann nach der Arbeit Freunde treffen und in der Innenstadt ins Wasser springen. Das Fantastische ist, ich kann das machen, egal ob ich arm oder reich bin. Selbst wenn ich morgen meine Arbeit verliere, ist das eine Möglichkeit, Freude, Genuss und Glück im Alltag zu finden. Man entfernt das Preisschild vom Glück, indem man eine Gesellschaft schafft, in der man ein gutes Leben leben kann, egal ob man reich oder arm ist.

          Meik Wiking leitet als Chef des Kopenhagener Glücksforschungsinstituts auch das vom Institut kuratierte Glücksmuseum.

          Glück als Abwesenheit von Sorgen und Stress – wie hat sich das Wohlbefinden dann unter Corona verändert?

          Wir haben gerade die letzten Daten gesammelt, also erst angefangen zu analysieren. Aber man konnte einen klaren Abfall erkennen. Die Leute sind ängstlich und machen sich Sorgen um ihre Gesundheit und ihre Liebsten, um die Wirtschaft und um ihre Jobsicherheit. Das hat das Glück deutlich unter Druck gesetzt. Die Frage ist, was passiert, wenn wir hoffentlich bald auf der anderen Seite rauskommen. Ob wir einfach zurückspringen dahin, wo wir vorher waren. Menschen sind eigentlich recht robust, wenn es um ihr Wohlbefinden geht. Sie kehren häufig zu dem Glücksniveau zurück, auf dem sie vor der Krise waren. Aber wir werden sehen, es ist noch zu früh, um dazu Genaueres zu sagen.

          Wie kann man sich und andere in so schwierigen Zeiten glücklicher machen?

          Eine Station im Museum enthält die Aufforderung, eine Nachricht an jemanden zu schicken, der einem wichtig ist. „Hallo, ich bin im Glücksmuseum und wurde aufgefordert, eine Nachricht an jemanden zu schreiben, der mir wichtig ist, und ich musste an dich denken.“ Dieses Gefühl, anderen eine Freude zu machen, jemandem wichtig zu sein, das ist auch ein Teil von Glück, Wohlbefinden, Lebensqualität. Wir wollen ein Museum sein, das über seine eigenen vier Wände hinaus wirkt. Wenn die Leute die Ausstellung fertig angeschaut haben, zertifizieren wir sie als „Glücksbotschafter“. Sie bekommen eine kleine Urkunde mit 10 Vorschlägen, um mehr Glück in der Welt zu schaffen. Das sind einfache Dinge. Eine Tomate pflanzen. Freunde zum Abendessen einladen. Den Namen der Dame an der Rezeption lernen.

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