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Mutige Bürger sind nötig : Kann und soll wirklich jeder ein Held werden?

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Helden des neuen Alltags? Ein Graffiti in Hamm huldigt den Krankenschwestern und Ärzten in der Corona-Krise. Bild: EPA

Hass, Rassismus, Gewalt – und nun auch noch Corona. Die Demokratie durchlebt schwere Zeiten. Zivilcourage ist stärker gefragt denn je. Aber nicht jeder hat das Zeug zum Helden, oder? Doch.

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          Die Demokratie, so der Eindruck, steckt in einer schweren Krise. „Sie alle haben ein Stück Deutschland in Ihrer Hand!“, warnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an Weihnachten, Demokratie nicht als selbstverständlich anzusehen – es gehe auch um den persönlichen Einsatz. An Ostern fügte er angesichts der Corona-Pandemie an: „Die Solidarität, die Sie jetzt jeden Tag beweisen, die brauchen wir in Zukunft umso mehr“.

          Hass, Rassismus, Gewalt – und nun auch noch Corona. Plötzlich haben wir wieder Probleme mit Antisemitismus; Bürgermeister werden beschimpft, bedroht, attackiert, Feuerwehrleute und Lehrer eingeschüchtert. Nicht nur die Grenzen des Sagbaren haben sich offenbar verschoben, sondern auch die Grenzen des Handelns. In solchen Zeiten braucht die Gesellschaft selbstbewusste, empathische und mutige Bürger, die Zivilcourage zeigen und sich nicht einschüchtern lassen. Das ist oft leichter gesagt als getan. Denn wer ist schon ein „Held“?

          Empathische, tolerante, optimistische Menschen

          Der aufrechte Gang lasse sich trainieren wie schwache Bauchmuskeln, glaubt der Gründer des Vereins Helden e. V., Sven Fritze. Seine „Heldenakademie“ unterstützt Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Hilfe von Erkenntnissen aus der Sozialpsychologie bei ihrer Entwicklung zu hilfsbereiten, empathischen, toleranten, optimistischen Menschen. Zu Menschen, die nicht wegschauen, wenn Unrecht geschieht, die sich einsetzen gegen Rassismus, Antisemitismus, Mobbing.

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          Damit ist Fritze Teil einer globalen „Heroismus-Szene“, wie er es nennt. Dazu zählt auch die Hero Construction Company, gegründet von dem Australier Matt Langdon. Oder der Heroic Round Table, an dem sich nicht Superman und Co. versammeln, sondern ganz normale Menschen, ohne Maske, in Zivil – und überlegen, wie man in der heutigen Gesellschaft ein Held sein kann. Sie sprechen darüber, wie wir als Menschen zusammenhalten, wie man konkret helfen kann – der Umwelt oder Leuten im eigenen Umfeld.

          Mit von der Partie ist auch Philip Zimbardo. Der Sozialpsychologe wurde 1971 mit dem „Stanford Prison Experiment“ berühmt. Er simulierte ein Gefängnis, teilte 24 männliche Studenten beliebig in Wärter und Häftlinge ein. In nur sechs Tagen verwandelten sich die Wärter-Studenten in Tyrannen, die ihre Macht missbrauchten. Zimbardo hatte das Böse in ihnen hervorgerufen. Jetzt behauptet er, die Mechanismen können auch andersherum funktionieren: als Anleitung zum Guten.

          Zimbardo hat ein Training entwickelt, das „Heroic Imagination Project“ (HIP), das er seit einigen Jahren weltweit verbreitet. Er unterrichtet nicht nur an amerikanischen Schulen, sondern auch in Großbritannien, in Iran oder auf Sizilien, in Ungarn haben mehr als 2000 Lehrer das Heldentraining durchlaufen, in Polen gibt es einen Ableger, in Österreich soll ein weiterer folgen. Und in Deutschland vermittelt auch Helden e. V. seine Idee: Jeder lässt sich zu einem Helden erziehen. In seinen Lehrvideos erzählt er von einer neuen Generation von Superhelden, die einer Welt Heilung versprechen sollen, in der extrem rechte und totalitäre Regime die Demokratie gefährden. Der Begriff des Helden ist dabei natürlich nicht unumstritten.

          Es ist noch nicht so lange her, da wurde im Westen das postheroische Zeitalter ausgerufen. Damit meinte der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, dass man in einer Zeit ohne große Kriege keine Helden mehr brauche, keine Menschen, die aus der Masse herausstechen und voranmarschieren. Gerade in Deutschland hatte man damit furchtbare Erfahrungen gemacht. Die Jungen des Deutschen Kaiserreichs wurden systematisch zum „Heldentod“ motiviert. Die Nazis perfektionierten diese Schulung. Die Kaderschmieden der NSDAP suggerierten ausgewählten Jugendlichen eine Elitezugehörigkeit, um sie zu heldenhaften Soldaten zu erziehen. Dieses Heldenideal wurde nach dem Krieg generell schnell ausgemustert. Doch in manchen radikalen Kreisen lebt es fort oder wieder auf: Junge Männer ziehen für den sogenannten „Islamischen Staat“ in den Tod oder wollen als rechte Terroristen wie in Christchurch oder Halle zur Legende werden.

          Gleichzeitig sind unsere Gesellschaften geradezu süchtig nach Heldengeschichten. Die am häufigsten reproduzierte Figur in Hollywood ist wohl der Mann als Held. Der Monomythos des Helden, wie ihn Wissenschaftler Joseph Campbell analysierte, wurde auf wirklich alles angewandt, nicht nur auf den neuesten „Star Wars“-Film. Der einsame Held begegnet uns nicht nur in Film und Fiktion, sondern auch in den Nachrichten, im Geschichtsunterricht oder der permanenten Herausstellung der „Helden des Alltags“.

          Der Mut und die Entschlossenheit des Individuums

          „Dabei versuchen wir in allen möglichen Bereichen einigermaßen komplexitätstaugliche Zöglinge auszubilden, die auch Nichtwissen aushalten, unterschiedliche Perspektiven einnehmen können und interdisziplinär denken“, sagt Dirk Baecker, Soziologe an der Universität Witten/Herdecke. „Das Schlimmste, was man da gebrauchen kann, sind Helden, die glauben, dass sie aufgrund ihrer Kraft, ihrer Intelligenz oder ihres Einfallsreichtums alle Probleme allein bewältigen könnten.“

          Bei den neuzeitlichen Helden, die gesucht und gestärkt werden sollen, geht es aber allen Initiativen um etwas anderes: um den Mut und die Entschlossenheit des Individuums, aus der Masse der Umstehenden herauszutreten, wenn Unrecht geschieht.

          Auch in der belgischen Stadt Lennik werden Ärzte und Krankenschwestern in einem Graffiti als Superhelden dargestellt.
          Auch in der belgischen Stadt Lennik werden Ärzte und Krankenschwestern in einem Graffiti als Superhelden dargestellt. : Bild: dpa

          Die erste Lektion von Sozialpsychologe Philip Zimbardo ist der bekannte Bystander- oder Zuschauer- Effekt. Der verhindert Helden, denn die Masse versetzt den Einzelnen in Apathie. Bleibt der erste Zuschauer passiv, etabliert er eine soziale Norm mit enormer Sogwirkung für alle anderen. Zimbardo will aus „bystanders“ gezielt „upstander“ machen, und zwar kollektiv. Genau so machen das Sven Fritze und seine rund 40 Heldentrainer, sie zeigen den Schülern, wie schnell sich Grenzen verschieben, wenn da jemand ist, der sie mutwillig ausreizt, und niemand halt sagt. In einer Übung werfen sich die Kinder üble Schimpfwörter an den Kopf und versuchen sich mit jedem Wort zu übertreffen. „Was passiert, wenn kein Wort mehr übrig ist?“, fragt der Trainer. „Man fängt an, sich zu prügeln“, antwortet einer der Schüler. Ist der Pool des Gesagten ausgeschöpft, eskalieren Situationen schnell hin zu physischer Gewalt.

          Fritze sensibilisiert die Kinder, wohin sozialpsychologische Mechanismen von Mobbing, Ausgrenzung und Gruppenbildung führen und wie sie positiv entgegenwirken können. Er macht das anhand des Rosenthal-Effekts, wonach positive Überzeugungen wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken. Oder anhand des Konformitätsexperiments von Solomon Asch, das, ähnlich wie das „Stanford Prison Experiment“, die Bereitschaft testet, autoritären Anweisungen selbst dann zu folgen, wenn sie im Widerspruch zum eigenen Gewissen stehen.

          Die eigene Selbstwirksamkeit spüren

          Beim „Stanford Prison Experiment“, davon sind Forscher und auch Zimbardo selbst heute überzeugt, hätten die Umstände der Versuchsanleitung aus den Probanden Tyrannen gemacht. Die Menschen hätten die Elektroschocks gegeben, weil sie daran glaubten, etwas Bedeutsames für die Forschung zu tun – nicht weil sie blind gehorchten. „Man hat 2002 in einer BBC-Dokumentation versucht, das ‚Stanford Prison Experiment‘ zu wiederholen“, erklärt Sven Fritze, „aber das klappte nicht, weil die Teilnehmer sich im Vorfeld mit den Effekten des Experiments auseinandergesetzt haben und so das zu erwartende Verhalten kannten.“

          Die neuen Helden sind anders. Fritze und seine Kollegen überlegen, wie wir nicht nur als Einzelpersonen, sondern gemeinsam, auch als Schulen oder Organisationen, heldenhafter sein können. Die Heldenakademie fördere, dass sich die Schüler einander anvertrauen, mehr aufeinander achten, ihre Selbstwirksamkeit spüren, dass alles, was sie tun, einen Unterschied macht, erklärt Fritze.

          Die Demokratie lebt von engagierten Kollektiven. Die alte Erzählung vom Helden und der individuellen Verantwortung dagegen schützt den Stillstand. In seinem Buch „Warum Demokratien Helden brauchen“ plädiert der Philosoph Dieter Thomä dafür, das Heldentum nicht denen zu überlassen, die autoritär oder fundamentalistisch denken. Er wendet sich auch gegen jene, die sich in einer postheroischen Gesellschaft einrichten und glauben, die Profis würden das schon richten.

          Greta Thunberg ist eine bemerkenswerte junge Frau, die den Klimaaktivismus weltweit vorangebracht hat, aber sie würde sich nie als Heldin bezeichnen. Es gab vor ihr andere, und es gibt mit ihr eine ganze Bewegung. Auch die Seenotrettungs-Kapitänin Carola Rackete erklärt, Carola die Heldin sei eine Kunstfigur. Mit ihr helfen viele Seenotretter und Aktivisten. Ähnlich war es bei der Krankenschwester Ieshia Evans, die als „Superwoman“ gefeiert wurde, weil sie sich der Polizeigewalt gegen Schwarze entgegenstellte. Sie sagte: „Ich bin nur ein Gefäß.“ Denn „Black Lives Matter“ ist eine ganze Bewegung. Die „Omas gegen rechts“ gehen gemeinsam auf die Straße, und die feministischen „Las Tesis“-Tänzerinnen in Chile treten gleich als Kollektiv auf. Moderne Helden glauben an Solidarität.

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