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Essen und der weibliche Zyklus : „Wir erstellen keine Diätpläne“

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Schließe Frieden mit deinen Tagen, lerne, auf deinen Körper zu hören und übernimm Verantwortung für dein Wohlbefinden, lehrt das Kochbuch „Eat like a Woman“. Bild: Lukas Lorenz/Feminine Food

Lust auf Schokolade, Bauchweh, Heißhunger – der weibliche Zyklus dient oft als Erklärungsgrundlage. Und doch gibt es kaum Ernährungspläne, die sich nach ihm richten. Drei Österreicherinnen wollen das ändern.

          Wer Müsli zum Frühstück isst, bringt eher einen Jungen zur Welt. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Universitäten Exeter und Oxford. Je mehr Kalorien Frau bei der Befruchtung zu sich nehme, desto eher werde es ein Sohn. Frauen auf Diät bekommen hingegen häufiger Mädchen. Die Studie zeigt zweierlei: Die Einflüsse unserer Ernährung sind nicht zu unterschätzen – und es gibt nichts, das nicht untersucht wurde. Fast nichts. Nur ein Bereich scheint bislang überraschend vernachlässigt zu sein: Ernährung mit und nach dem Zyklus.

          Zwar gibt es Untersuchungen übers Essverhalten in der Schwangerschaft sowie in den Wechseljahren. Studien haben außerdem bestätigt, dass eine vegetarische, fettarme Ernährung mit hohem Vitamin B6-Gehalt beim prämenstruellen Syndrom (PMS) hilft. Doch auch hier stehen die negativen Begleiterscheinungen der Periode – von Migräne bis Stimmungsschwankungen – im Vordergrund.

          Das hat einen einfachen Grund: Das Thema hat einen schlechten Ruf. So hat eine Umfrage der „Erdbeerwoche“ ergeben, dass 60 Prozent der 13- bis 17-Jährigen ihre Regelblutung als negativ bewerten. „Bisher wurden nur die Schattenseiten des Zyklus beleuchtet“, sagt Andrea Haselmayr. Für sie greift dieses Bild zu kurz, gebe es doch auch „die Zeit des Aufblühens, wenn das Ei heranreift, in der sich Frau kreativ und spritzig fühlt. Uns hat das Rundumpaket gefehlt.“ Eines, das sich nicht nur auf Lebens- wie Ernährungsstil während der Periode beschränkt, sondern die Wochen vor und nach der Menstruation inkludiert. Gemeinsam mit ihrer Schwester Verena und iher Freundin Denise Rosenberg hat sich die Niederösterreicherin deshalb auf die Spuren des Zyklus begeben. Ihre Erfahrungen teilen sie auf ihrem Blog „femininefood“ sowie im Kochbuch „Eat like a woman“ mit, wo sie neben Rezepten auch Yoga- und Achtsamkeits-Übungen zum Umgang mit dem Zyklus verraten.

          Andrea Haselmayr, Verena Haselmayr und Denise Rosenberg (v.l.n.r.) wollen die positiven Seiten des weiblichen Zyklus betonen.

          Ganz neu ist dieser Ansatz von geschlechtsspezifischer Ernährung nicht: Schon 2014 hat die Amerikanerin Alisa Vitti in ihrem Buch „WomanCode“ Tipps gegeben, wie Frauen mithilfe der „richtigen“ Nahrungsmittel im Lauf des Zyklus ihre Hormone und ihr Leben ausbalancieren können. Die Gesundheitsberaterin litt jahrelang unter einer hormonbedingten Stoffwechselstörung, die mit Zyklusstörungen einherging. Auch die drei Österreicherinnen führte ihr eigener Leidensweg zur Frage, wie man den Zyklus mit der Ernährung unterstützen kann. Andrea Haselmayr wurde im Alter von acht Jahren der Eierstock entfernt, als Teenager musste sie sich mit Hormontherapie und Unfruchtbarkeit beschäftigen. Damit nicht genug, erhielt sie vor zwei Jahren die Diagnose eines tumorartigen Gewächses an ihrem letzten Eierstock. Nicht nur bei der ausgebildeten Gastronomin und Grafikdesignerin ziehen sich solche „Frauenthemen“ durchs Leben. Ihre Schwester Verena erhielt die Diagnose Unfruchtbarkeit, und bei Denise Rosenberger wurde Polyzystisches Ovarsyndrom festgestellt. Eine Krankheit, die die Hormonproduktion der Eierstöcke beeinflusst. Ihr Gynäkologe verschrieb ihr Mönchspfeffer. Zeitgleich begann sich die Yogalehrerin, die kürzlich Mutter geworden ist, mit Frauen-Ritualen sowie Kräutern zu beschäftigen. „Nach wenigen Wochen waren die Zysten verschwunden, und mein Zyklus wurde zum ersten Mal in meinem Leben regelmäßig“, sagt sie. Andrea  und Verena Haselmayr erging es ähnlich.

          Soulfood Pasta? Die Autorinnen erklären, in welcher Phase des Zyklus welche Lebensmittel besonders gut verträglich sind.

          Schließe Frieden mit deinen Tagen, lerne, auf deinen Körper zu hören und übernimm Verantwortung für dein Wohlbefinden, so fassen die drei ihre Lektion zusammen. Diese Botschaft möchten sie anderen Frauen mit auf den Weg geben: „Wir erstellen keine Diätpläne“, betont Andrea Haselmayr, „vielmehr geht es uns darum, dass Frauen wieder auf ihre Intuition hören.“ Als „Wegweiser“ möchte sie ihr Kochbuch verstanden wissen, das den weiblichen Zyklus der Einfachheit halber in die Phasen des Aufblühens (letzter Tag der Menstruation bis Eisprung) und Loslassens (nach dem Eisprung bis zum Ende der Menstruation) einteilt. Es gehe nicht darum, die Rezepte von hinten bis vorne nach zu kochen. „Ziel wäre es, dass Frauen nachspüren, was sie brauchen“, sagt die 30-Jährige, „wenn sie von rote Beete-Rezepten angezogen sind, verlangt der Körper vermutlich gerade diese Wirkstoffe.“ Sie selbst bekäme vor den Tagen Lust auf Bananen und dunkle Schokolade. Ein Verlangen, dem sie ohne schlechtes Gewissen nachgeht.

          Als „Wegweiser“ möchten die Autorinnen ihr Kochbuch verstanden wissen, das den weiblichen Zyklus in Phasen des Aufblühens und Loslassens einteilt.

          Die Wissenschaft gibt Andrea Haselmayr recht. Das entwickelte Ernährungskonzept verlässt sich nämlich nicht allein auf Selbsterfahrungen. Um ihre Vermutungen medizinisch zu validieren, arbeiteten die drei Freundinnen mit einer Gynäkologin zusammen. „Sie konnte beantworten, welche Mängel man während der Phasen hat“, erklärt Andrea Haselmayr, „unsere Selbsterfahrung hat sich mit ihrem Wissen gedeckt.“ So ließ sich auch die Bananen- und Schokoladen-Lust erklären, steckt doch in beiden Nahrungsmitteln Magnesium – eine bewährte Nahrungsergänzung bei PMS.

          „Das eine Rezept für alle, um Bauchkrämpfe oder andere Beschwerden wegzukochen, gibt es nicht und wird es nie geben“, betont Andrea Haselmayr und rät, ein Zyklustagebuch zu führen, denn: „Jede Frau ist individuell, und jeder Zyklus kann anders sein, je nachdem, wie es mir psychisch geht.“ Wie individuell, dazu möchten die kreativen Frauen künftig andere auf ihrem Blog samt dazugehörigem Podcast zu Wort kommen lassen. Dass sich diese Erfahrungsberichte nicht nur auf die weibliche Sicht der Dinge beschränken, ist für die Österreicherinnen – und ihren Teamkollegen Lukas Lorenz – wichtig: Über den Weg über den Magen möchten sie Männern vermitteln, wie Frauen im Zyklus ticken und so zu mehr Verständnis und Wertschätzung zwischen den Geschlechtern beitragen. „Außerdem haben Untersuchungen ergeben, dass auch Männer ihren Zyklus haben“, fügt Andrea Haselmayr hinzu, „wer weiß, vielleicht ist das unser nächstes Projekt.“

          Das Buch

          Andrea Haselmayr, Verena Haselmayr, Denise Rosenberger, Lukas Lorenz: „Eat like a woman: Rezepte für einen harmonischen Zyklus“, Brandstätter Verlag, 2018

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