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Fastenkuren nach Buchinger : Reine Kopfsache

Immer mit Aussicht: Katharina Rohrer-Zaiser, Leonard Wilhelmi und Victor Wilhelmi (rechts) auf der Terrasse der Buchinger Wilhelmi Klinik in Überlingen am Bodensee Bild: Frank Röth

Generationswechsel in den Buchinger-Kliniken: Die Urenkel des Gründers übernehmen die Fastenklinik. Wer hier eincheckt erwartet noch heute, tagelang nichts zu essen – und trotzdem keinen Hunger zu spüren.

          Die Unvernunft hat einen festen Platz, zwei Meter ist er lang, grau und unscheinbar. Eine Parkbank neben dem Rondell vor der Fastenklinik. Auf der Rückenlehne der Bank, an der Hecke und auf dem Mülleimer kleben kleine runde Schilder, auf denen durchgestrichene Zigaretten zum erhobenen Zeigefinger werden. Auf den Mann in grauer Jogginghose, der gerade durch die Glastüren nach draußen schlendert, haben sie keine Wirkung. Er steuert zielsicher zur Bank. Nur ein kurzer Blick über die Schulter zur Klinik, dann der Griff in die Tasche, zur Zigarettenschachtel und zum Handy. Telefonieren und Rauchen – das macht gleich zwei Sünden in der Überlinger Fastenwelt. Aber auf der Bank darf man in den drei Minuten paffenden Ungehorsams der Klinik wenigstens den Rücken zuwenden.

          Streng genommen steht die Bank ohnehin hinter der Geländegrenze, außerhalb des Sanktionsbereichs der Klinik. „Sanktionen" – das ist keine Übertreibung. Für 21 Tage Heilfasten zahlen die Gäste hier je nach Zimmerkategorie zwischen 5000 und 30.000 Euro. An den strengen Regeln ändert das nichts. Anfangs versuchten die Klinikleiter noch ein Handyverbot durchzusetzen, doch inzwischen gehe das an der Lebenswirklichkeit ihrer Gäste vorbei. Das Ergebnis ist ein Kompromiss wie bei der Klassenfahrt: In den privaten Zimmern ist das Telefonieren erlaubt, auf dem Gelände werden Handys nur lautlos geduldet. Wer wiederholt dagegen verstößt, der fliegt.

          Ablenkung ist unerwünscht

          Gerade wird über eine Verschärfung nachgedacht, ein vollständiges Handyverbot im Speisesaal. Unter Klinikgründer Otto Buchinger musste jeder allein am Tisch sitzen, Ablenkung war unerwünscht. Heute sei das immer noch „eine sinnvolle Übung", findet Katharina Rohrer-Zaiser. Die 38 Jahre alte Marketing-Spezialistin ist Otto Buchingers Urenkelin. Vor eineinhalb Jahren hat sie mit ihrem 33 Jahre alten Cousin Victor Wilhelmi die Leitung der Buchinger Wilhelmi Klinik in Marbella übernommen. Damit war der Generationswechsel des Familienunternehmens zu zwei Dritteln geschafft. Das fehlende Drittel ist Victors ein Jahr jüngerer Bruder Leonard Wilhelmi, der seit Anfang des Jahres die Klinik in Überlingen am Bodensee leitet. Dort haben sich die drei nun zusammengefunden – zum ersten Pressetermin der vierten Generation.

          Leonard Wilhelmis neuer Wirkungsbereich liegt terrassenförmig am Berghang. Von fast jeder Ecke des Geländes hat man einen Blick auf den Bodensee. Pool, Kneippanlage, Fitnessräume, Sportplatz, Sauna und Lehrküche liegen zwischen den Wohneinheiten, mit 150 Zimmern und Suiten. Die meisten sind mit Doppelbetten ausgestattet, obwohl die eigentlich fast nie nötig sind. Zur Fastenkur kommen die Leute lieber allein, und wenn sie doch mal zusammen anreisen, bestehen sie häufig auf eigenen Zimmern. „Innere Selbstreinigung" ist eine nette Umschreibung dafür, dass man die ersten Tage vor allem allerlei ausscheidet, Glaubersalzen und Einläufen sei Dank. Da ist zu viel Nähe nicht unbedingt erwünscht.

          Auf einen Gast kommen zwei Mitarbeiter

          In Überlingen kommen jedes Jahr rund 3000 Gäste zur Kur, in Marbella noch einmal so viele. Einige von ihnen schlappen an diesem Vormittag, gehüllt in weiße Frottee-Bademäntel, durch die Beetreihen. Noch öfter zu sehen sind weiße Kittel. Auf jeden Gast bei Buchinger Wilhelmi kommen zwei Mitarbeiter – acht Ärzte, außerdem Therapeuten, Krankenschwestern, Zimmerpersonal, Köche. Gerade die Küche hat viele Mitarbeiter – dabei wird hier so wenig gegessen wie in keinem anderen Resort.

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