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Verschwiegene Begleiter : Erwachsen, berufstätig – und mit Kuscheltier

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Über all das mag man sich herzlich amüsieren – sind ja Komödien! –, doch ganz so weit hergeholt sind die zugespitzten Fernsehszenarien nun auch wieder nicht. So fand die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) 2013 in einer repräsentativen Umfrage unter 1100 Deutschen heraus, dass jede fünfte Frau (19 Prozent) und jeder neunte Mann (11 Prozent) beim Reisen nicht auf das eigene Stofftier verzichten wollen. Von ihnen wiederum gaben 41 Prozent an, der Teddy sei für sie eine Art Glücksbringer. 14 Prozent räumten ein, ohne ihn nicht einschlafen zu können, 13 Prozent wollen sich unterwegs nicht so allein fühlen, und neun Prozent wollten am Urlaubsziel Fotos mit ihren Lieblingen machen.

Andere sprechen mit Computern

Man mag das schrullig finden – aus psychologischer Sicht ist die Liebe zu Kuscheltieren aber ein durchaus nachvollziehbarer Vorgang. „Wir alle sind Beziehungstiere“, sagt Sascha Belkadi, Vorstandsmitglied der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) in Nordrhein-Westfalen. In unserer Gesellschaft würden Beziehungen zu Freunden und Partnern am meisten akzeptiert, sagt der Therapeut. Trotzdem tendierten viele Menschen dazu, gedanklich etwas Totes zu beleben, etwa wenn sie ihren Autos Namen geben. Andere sprechen mit Computern oder über Computer, als wären sie Menschen. Warum also nicht auch mit einem Teddybären?!

Natürlich gibt es Grenzen, das weiß auch der Therapeut. „Wenn ein Patient ausschließlich ein Kuscheltier als Freund hat, sonst nicht beziehungsfähig ist und deshalb Leidensdruck verspürt, sprechen wir von einer Störung“, sagt Belkadi. Ansonsten hätten Menschen, die mit ihren Kuscheltieren sprechen, einfach eine rege Phantasie. „Wann etwas pathologisch wird, ist eine schwimmende Grenze“, sagt Belkadi. „Darüber bestimmt letztendlich auch die Kultur. Bei uns sind Kuscheltiere eben meist nur bei Kindern sozial angesehen.“

Wie eng die Bindung aber auch zwischen Erwachsenen und ihren Teddys sein kann, lässt sich daran erkennen, dass sich dafür inzwischen ein eigener Markt aufgetan hat. So lassen sich etwa über die japanische Reiseagentur „Unagi Travel“ die eigenen Stoffgefährten weltweit verschicken, wenn man etwa selbst nicht reisen kann. Am Urlaubsort angekommen, werden sie fotografiert und als Postkarte oder digitales Foto an die Besitzer zu Hause gesendet – gegen Gebühr, versteht sich. Hersteller von Stofftieren wiederum richten sich mittlerweile nicht nur an Kinder und deren Eltern, sondern auch an eine gut betuchte ältere Klientel. Der Plüschtier-Produzent Steiner hat sogar eine spezielle Kollektion für Erwachsene im Angebot, handgenäht und veredelt mit Swarovski-Kristallen.

Fast alle Erwachsenen kuscheln

Die meisten Erwachsenen aber hängen schlicht an ihre Kindheitsteddys. „Da steckt ganz viel Liebe und Erinnerung drin“, sagt Marianne Reinhardt, die sich auf die Reparatur kaputter Kuscheltiere spezialisiert hat. In ihrem Ladenlokal „Teddymanien“ in Bochum sieht es aus wie in einer Werkstatt: Stoffballen, Gelenke, Augen, Garn und Füllwatte stapeln sich in den Regalen. 200 bis 300 verschiedene Fälle hat die Expertin auf Lager. „Manche Teddys sind so abgeliebt, dass sich der Stoff richtig auflöst“, sagt Reinhardt. „Manchmal kann ich die Stellen stopfen, aber oft hilft es nur noch, Fell zu transplantieren.“ Die Stofftier-Reparateurin ist sich sicher: „Fast alle Erwachsenen kuscheln. Aber nur die wenigsten geben es zu.“

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