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Geben ist seliger : Warum Schenken egoistisch ist

Ist der Beschenkte brüskiert oder zumindest herausgefordert? Dann hat der Gebende alles richtig gemacht. Bild: dpa

Der Schenkende hat nur ein Ansinnen: Dem Beschenkten seine Unterlegenheit vorzuführen. Wie kann man schenken, dass sich einer ehrlich freut?

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          Das Schenken steht nicht nur zu Weihnachten im Ruf, ein für alle Beteiligten unschuldiger Vorgang zu sein. Dass es so einfach nicht ist, zeigt schon das Bibelwort „Geben ist seliger denn nehmen“. Es bedeutet: Der Schenkende versucht, mit seiner Gabe dem Beschenkten dessen moralische Unterlegenheit vor Augen zu führen. Oder die materielle. Besonders krass war das bei den Heiligen Drei Königen, deren übertriebene Geschenke Weihrauch, Myrrhe und Gold den armen Zimmermann Josef beschämen mussten, zumal im Beisein seiner Frau.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Nach einem ähnlichen Muster wie die Weisen aus dem Morgenland verfuhren einst nordamerikanische Indianer. In Zeremonien namens Potlatch überhäuften sie sich gegenseitig so lange mit Geschenken (oder vernichteten diese), bis einer ruiniert war und sich dem noch nicht ganz so Ruinierten unterwerfen musste. Missionare sahen darin ein Hindernis auf dem Weg zur Christwerdung – ganz anders als heute, da die Christwerdung ausschließlich aus einem weihnachtlichen Potlatch zu bestehen scheint.

          „Was man kauft, bekommt man billiger als ein Geschenk“

          Wer es weder moralisch noch materiell schafft, den Beschenkten mit einem Geschenk zu brüskieren oder zumindest herauszufordern, der versucht es intellektuell, etwa mit „Krieg und Frieden“ auf Russisch oder dem „Don Quijote“ auf Spanisch, sofern der Beschenkte keine der beiden Sprachen spricht. Der Autor des Don Quijote, Miguel de Cervantes, hat übrigens auch etwas zum Thema Schenken gesagt: „Was man kauft, bekommt man billiger als ein Geschenk.“ Dass das stimmt, weiß jeder, der schon mal im Kollegenkreis gewichtelt hat: Man legt einen Raumduft im Wert von zehn Euro ins Körbchen, dafür zieht man einen anderen Raumduft heraus, auf dem noch das 4,99-Euro-Schild klebt.

          Auf etwas andere Weise hat der Deutsche Fußball-Bund erfahren, was Cervantes meinte. Jedenfalls musste der DFB zuletzt dafür bezahlen, dass ihm bei der Vergabe der Fußball-WM Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees ihre Stimme geschenkt haben. Wenn der DFB nicht schon viel früher dafür bezahlt hat. Nun kann man sagen: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Oder in den Worten Franz Beckenbauers: „Wenn ich jemandem vertraue, unterschreibe ich alles. Blanko.“ Dass das ein Fehler ist, mussten schon die Trojaner erfahren, die das Pferd, das ihnen von den Danaern überlassen wurde, lieber genauer in Augenschein genommen hätten. Tiere sind als ein Geschenk übrigens generell ein Problem. Was damit gemeint ist, wissen Sie spätestens, wenn Sie das Töchterlein Ihrer Nachbarn und vor allem ihre Nachbarn mit einem Hündchen unterm Christbaum überraschen.

          Es gibt freilich auch ermutigende Beispiele fürs Schenken und Beschenktwerden. Das zeigt folgende kleine Weihnachtsgeschichte: Ein Freund von uns wohnte von 2012 bis 2014 für eineinhalb Jahre in einer Wohngemeinschaft im Frankfurter Westend. Vom Wohnzimmer aus konnte man, das ist wichtig, auf den AfE-Turm der Frankfurter Universität blicken. Der Freund hatte einen Mitbewohner, der allerlei Neigungen und Talente hatte. Entscheidend hier ist, dass er ein Fan und Kenner der Musikgruppe Bee Gees war. Die beiden Mitbewohner verstanden sich schnell so gut, dass sie anfingen, sich an Geburtstagen und zu Weihnachten gegenseitig zu beschenken. Aber bekanntlich ist in dieser Welt wenig von Bestand. Erst wurde der AfE-Turm gesprengt, wenig später verließ unser Freund die WG. Nicht aus Groll, sondern aus sehr guten privaten Gründen.

          In den Sockel ließ er „Mein persönlicher 11. September“ gravieren

          Aber eine Lücke hinterließ er doch. Als nun ein paar Monate nach dem Auszug das Weihnachtsfest nahte, überlegte unser Freund, womit er seinem ehemaligen Mitbewohner in diesem Jahr eine Freude machen könnte. Er dachte an die neue Wohnsituation, an den gesprengten AfE-Turm, aber auch an den Bee Gee Robin Gibb, der einst über den Tod seines Bruders gesagt hatte, das sei sein „persönlicher 11. September“ gewesen. Daraus, so dachte unser Freund Ende 2014, sollte sich doch etwas machen lassen. Er druckte daher in einem Drogeriemarkt vier Fotos aus, die im Laufe der gemeinsamen Westend-Zeit entstanden waren. Auf dem ersten Foto waren die beiden ehemaligen Mitbewohner Seit an Seit zu sehen, auf dem zweiten nur noch der im Westend verbliebene. Das dritte Foto zeigte den Blick aus dem Wohnzimmerfenster, wie er war, als der AfE-Turm noch stand; gerne hatten die beiden Mitbewohner in Mußeminuten dort hinübergeschaut. Auf dem vierten war der Turm verschwunden.

          Für die Fotos kaufte unser Freund nun einen Fotoständer. Mit dessen Hilfe ordnete er das erste und das zweite sowie das dritte und das vierte jeweils so untereinander an, dass das fehlende Bildelement, die Lücke, auch dem unbedarften Betrachter sofort ins Auge sprang. Damit ging der Freund dann zu einem Mister Minit, der sich nicht nur auf das Nachmachen von Schlüsseln, sondern auch auf Gravuren verstand. Als der Mann mit der roten Schürze, der augenscheinlich aus dem arabischen Raum stammte, fragte, was er denn auf den metallenen Sockel des Fotoständers gravieren dürfe, sagte unser Freund: „Mein persönlicher 11. September.“ Wir wissen nicht, was in diesem Moment im Kopf von Mister Minit vor sich ging. Jedenfalls war er zwei Stunden später mit seiner Arbeit fertig, und drei Wochen später, der Heilige Abend war gerade vorüber, bekam unser Freund von seinem ehemaligen Mitbewohner die Rückmeldung, kaum je habe er ein so schönes Weihnachtsgeschenk bekommen. Nach allem, was in diesem Jahr zum Beispiel in Paris passiert ist, würde der Freund diesmal auf das beschriebene Geschenk wohl verzichten und sich womöglich für „Krieg und Frieden“ auf Russisch entscheiden. Im Vergleich zu dem Unheil, das der Terror angerichtet hat, könnte man das natürlich leicht verschmerzen. Aber traurig wäre es doch.

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