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Jeder schleppt für sich allein: Selbst professionelle Hilfe beim Umzug ändert das am Ende nicht. Bild: Picture-Alliance

Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die am Umzug nerven

Kein vernünftiger Mensch mag Veränderungen, und trotzdem ziehen wir immer wieder um. Dabei gibt es kaum ein Projekt, das einen so zielsicher in den Wahnsinn treiben kann wie ein Umzug.

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          Nur fünf Dinge?, werden Sie denken, und Sie haben recht: Alles, einfach alles am Umzug nervt kolossal. Außer natürlich der Tatsache, dass man danach in einer schönen neuen Wohnung lebt oder mit dem Partner zusammen oder ohne den Ex-Partner, was ausgezeichnete Gründe sind für einen Umzug. Also tun wir es uns eben trotzdem wieder an und schwören uns: Das war jetzt aber wirklich das letzte Mal! Klar. Bis zum nächsten Umzug eben. Und der beginnt dann auch wieder mit dem guten Vorsatz, nichts mitzunehmen, was man nicht mehr braucht.

          1. Ausmisten

          Natürlich ist so ein Umzug eine tolle Gelegenheit, mal richtig auszumisten. Wir haben ja alle Marie Kondo gelesen oder gesehen oder zumindest von ihr gehört und sind grundsätzlich bereit, uns bei den leeren CD-Hüllen zu bedanken und sie wegzuschmeißen. So fängt es an, ganz klein. Es ist befriedigend, weil man die ganze Zeit denkt: Das muss ich alles schon nicht mehr transportieren! Und dann kommt man an die aufwendigen Dinge. Man verbringt den Vormittag auf dem Wertstoffhof, weil der Sperrmüll keine Tischplatten aus Glas mitnimmt, und den Nachmittag im muffigen Keller, weil man das Karnevalskostüm von 2005 wahrscheinlich wirklich nicht mehr braucht, ebenso wenig wie die Originalverpackung des Toasters. Das mag langfristig gesehen sinnvoll eingesetzte Zeit sein, aber sobald man alles konsequent ausgemistet hat, muss man sich ehrlicherweise eingestehen: Es einfach mitzunehmen, wäre viel schneller gegangen.

          2. Bandscheiben

          Der nächste Selbstbetrug beginnt beim Engagement eines Umzugsunternehmens. Man sucht eines aus und denkt ab da nur noch: „Ich trag' gar nix, das wird super entspannt, dafür bezahl' ich die Leute ja, das machen die schon.“ Ein schöner Gedanke, aber de facto steht man an den Tagen vorm Umzug im Flur und wuchtet schwere Umzugskartons aufeinander, weil sie ja irgendwo hin müssen. Dann fällt einem auch noch ein, dass man die mehr als zwei Meter große Yucca-Palme keinem Möbelpacker anvertrauen mag, also quetscht man sie irgendwie ins Auto und schleppt sie in ihrem badewannengroßen Topf selbst die Treppen hoch ins neue Zuhause. Diese Ochsentour geht an niemandem spurlos vorbei. Am Ende jedes Umzugs stehen Rückenschmerzen, und ab einem gewissen Alter kann man froh sein, wenn sie von selbst wieder verschwinden.

          3. Verlustängste

          Die Yucca-Palme mag gerettet sein, aber sie ist nicht das einzige Sorgenkind. Ein Umzug führt einem überhaupt erst vor Augen, wie empfindlich viele Dinge sind, mit denen man seinen Alltag teilt. Wird das wackelige Bein an Omas Sessel im Umzugswagen abbrechen? Wie transportiert man eigentlich Bilder so, dass die Leinwand garantiert ganz bleibt? Und wie viele Schichten Zeitungspapier braucht ein Stapel Porzellanteller, wenn man später nicht in einen Umzugskarton voller Scherben greifen will? Sobald man für all das eine gute Lösung gefunden hat, fängt man an, sich Sorgen zu machen, jemand könnte beim Ausladen die Stereoanlage von der Ladefläche des Transporters klauen. Oder die Möbelpacker könnten versehentlich das Treppenhaus beschädigen. So ein Umzug ist eben ein fantastischer Nährboden für Sorgen.

          4. Desillusionierung

          Nehmen wir an, es ist alles unbeschadet in der neuen Wohnung gelandet. Einige Kartons sind schon ausgepackt, es könnte so schön sein. Aber irgendwie passt der Schrank jetzt doch nicht in die Nische, obwohl das doch beim Ausmessen vor zwei Wochen genau passte. Und das Sofa steht zwar wie geplant, aber sieht da nicht gut aus. In unserer Vorstellung fügt sich meist alles zu einem perfekten Bild zusammen, außerdem liegt noch ein Weichzeichner drüber und ein bisschen Feenstaub, weil Neuanfänge ja diesen Zauber bergen. Nach dem Umzug kollidieren unsere Pläne mit der Realität, und die sieht oft gar nicht nach Wohnzeitschrift aus, sondern einfach nur so, als hätten wir unsere alten Billy-Regale jetzt zum sechsten Mal auseinandergebaut, wieder zusammengeschraubt und vor eine andere weiße Wand gestellt.

          5. Perfektionismus

          Es soll Leute geben, bei denen am Abend nach dem Umzug alles ausgepackt ist, alle Gardinen und Lampen hängen und auf dem Couchtisch eine Duftkerze neben einem frischen Blumenstrauß steht. Sollten diese Leute hier mitlesen, mögen sie bitte in den Kommentaren ihr Geheimnis verraten. Denn die meisten anderen suchen am nächsten Morgen erst mal in vier verschiedenen Kartons nach Unterwäsche, ehe sie vorsichtig ohne Duschvorhang duschen und dann spontan entscheiden, lieber auswärts zu frühstücken, weil das Besteck noch nicht ausgepackt ist – und selbst wenn, es könnte nirgends hin, weil in der Schublade noch kein Besteckkasten ist und man erst mal alles feucht auswischen muss. Manche strecken angesichts dieser Lage auch erst mal die Waffen und leben zwei Wochen lang zwischen unausgepackten Kartons, weil es sie lähmt, nicht zu wissen, wo sie anfangen sollen.

          Es gehört sehr viel innere Ruhe dazu, das Provisorium einerseits zu akzeptieren und die vielen kleinen Baustellen trotzdem nach und nach anzugehen. Denn so beeindruckend es ist, alles so schnell wie möglich fertig zu machen: Es fordert unverhältnismäßig viel Energie, die man nach dem Umzug nun wirklich nicht mehr im Überfluss hat. Kleine Schritte sind genug. Und irgendwann ist dann ja doch alles fertig – bis auf die Dinge, die man mal angehen könnte, an die man sich aber irgendwie im Laufe der Zeit gewöhnt hat. Das ist auch in Ordnung. Sich richtig zuhause zu fühlen kann eben auch heißen, dass man der einzige Mensch ist, der weiß, wo man drücken und wo gegenhalten muss, um die Tür des Wandschranks ganz zu schließen.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“die Kolumne „Der Moment“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

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