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Kolumne : Fünf Dinge, die am Sommer nerven

Und im Sommer jagt dafür eine gute Begründung die nächste: Heute Abend wird gegrillt, morgen im Park Tischtennis gespielt, übermorgen ist Familientreffen im Garten, am Tag darauf Pizzaessen mit den Kollegen – und am Wochenende Fahrradtour an den Rhein. Dabei sind die Abende so schön warm und lang, dass man am Ende allzu oft einen Pegel erreicht, für den man selbst als Jugendlicher am nächsten Morgen einen Preis gezahlt hätte. Und während im Herbst spätestens nach dem zweiten Morgen in Folge, an dem man mit hämmerndem Kopfweh aufwacht, die Lust auf Alkohol einem depressiven Schub weicht, flüstert einem der Sommer spätestens nachmittags wieder zu: Das Leben ist schön – und heute Abend ein Aperol Spritz in der Sonne, das wär' doch was!

4. Hippies

Sie weilen noch unter uns, immer und überall, doch während sie sich im Winter in selbstgestrickten Wollponchos und harmlosen Social-Media-Agenturen verstecken, kriechen sie wieder aus ihren Hegel-Lesekreisen und Vegan-Wohngemeinschaften hervor, sobald die ersten zwei, drei Sonnenstrahlen uns in der Nase kitzeln. Sie bevölkern die Parks und die Wälder, stehen jonglierend auf Kreuzungen mit Ampel-Großaufgebot, spielen ihre grausame Wonderwall-Version auf der alten Klampfe mit dem Nirvana-Aufkleber rauf und runter (als ob es je eine gute Version von Wonderwall gegeben hätte!), sitzen mit blechern dröhnender Techno-aus-dem-Automaten-Mukke am See, sind meistens oben ohne, balancieren über Schnüre, die sie zwischen Bäumen gespannt haben, machen Handstand, Brücke, spielen IMMER mit irgendwas, sei es eine brennende Fackel oder ein unsäglicher Hula-Hoop-Reifen, kurzum: die Hippies sind los, im Sommer besonders.

Beliebt im Sommer: Die Slackline (Archivbild)
Beliebt im Sommer: Die Slackline (Archivbild) : Bild: dpa

Und so friedliebend sie auch sind, so sehr sie auch niemanden stören wollen, so sehr nerven sie uns. Haben die eigentlich nichts Besseres zu tun, als frei und schön und langhaarig und oben ohne zu sein? Können die nicht mal schlecht drauf und unentspannt, im T-Shirt und gestresst sein? Und aufhören, uns mit ihrer Relaxtheit anzuschreien: Was habt ihr falsch gemacht, ihr elenden, arbeitenden, Anzug tragenden, herzlosen Großstadthaie? Mit eurem Hang zum Konsum und euren Latte-Macchiato-Cafés mit Klimaanlage? Denn es stimmt ja alles, was sie sagen oder besser gesagt: nicht sagen. Wir sind keine solchen Naturburschen wie sie, unsere Haare werden niemals so lang und unsere Birkenstocks niemals so ausgelatscht sein! Aber im Café sitzen, mit Klima und Eis-Latte-Macchiato ist irgendwie auch nicht schlecht. Und Hegel kann man dabei zur Not auch lesen.

5. Die Kleiderfrage

Sobald es ein bisschen wärmer wird, gibt’s Ärger mit dem Anziehen. Die einen ziehen zu viel an und schwitzen sich tot, die anderen ziehen zu wenig an und damit ungewollte Blicke auf sich. Blöd ist es dabei irgendwie für alle:

Für die Schulmädchen, die übergroße Shirts über ihre nach Ansicht der Schulleitung zu kurzen Hotpants werfen müssen. Sie wollen schließlich nur das anziehen, was alle anziehen – und lernen im jungen Alter schon, dass andere über ihre Körper zu entscheiden haben.

Für Männer, die im Büro neidisch auf die nackten Beine der Kolleginnen schielen, deren Kleider und Röcke total bürokonform sind, während man Männerbeine aus unerfindlichen Gründen im Sommer in langen Hosen und geschlossenen Schuhen versteckt. Was an Männerbeinen und kurzen Hosen so schlimm sein soll, haben wir noch nicht herausfinden können.

Für Frauen, die sich gern luftig anziehen, es aber nicht verhindern können, damit Blicke, Sprüche, Anzüglichkeiten geradezu magnetisch anzuziehen.

Sowieso für alle, deren Körper nicht einer bestimmten Norm oder einem Schönheitsideal entsprechen. Versuchen Sie mal mit erhobenem Kopf die Schweißflecken zu ignorieren, die sich dank Bauchfalten auf der Mitte des Shirts abzeichnen. Nicht immer leicht!

Und dann gibt es noch die unsäglichen Klimaanlagen, die in dieser Aufzählung eigentlich einen eigenen Punkt verdient hätten: Draußen herrschen drückende 30 Grad, doch sobald wir das Büro betreten, müssen wir die Strickjacken herausholen, die Wollsocken liegen schon bereit, damit die Füße in den sommerlichen Sandalen nicht zu Eiszapfen gefrieren. Ohne Klimaanlage wäre es auch unerträglich, schon klar. Aber muss immer gleich Eiszeit herrschen?

Die Kolumnen

Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

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