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Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die am Bahnpendeln nerven

Nur nicht die Nerven verlieren: Am Frankfurter Hauptbahnhof kann es schon mal etwas länger dauern. Bild: Helmut Fricke

Pendeln mit der Bahn ist schön. Wenn da nicht die Amateurreisenden, die Frauengruppen auf Ausflugsfahrt, die Vorne-Einsteiger, die Klomesse und die unechten Fensterplätze wären. Die Kolumne „Fünf Dinge“.

          1. Amateurreisende

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Pendeln ist schön. Wirklich. Es geht kaum etwas über das Stündchen morgens im Zug: In Ruhe Zeitung lesen, einen guten Kaffee dazu, zwischendurch ein Blick aus dem Fenster, oder – falls die Nacht schlecht war – noch mal kurz die Augen schließen. Verderben können diese ganze schöne Morgenstimmung Amateurreisende, also Nicht-Pendler, die selten bis nie Bahn fahren. Mit riesigen Koffern steigen sie zu, wuchten die Dinger hin und her, versuchen sie durch den viel zu engen Gang zu rollen und stoßen dabei rechts und links an Knie und Füße, ohne sich zu entschuldigen. Stattdessen fluchen sie die ganze Zeit über den wenigen Platz. Sie beschweren sich auch dauernd lautstark über Verspätungen. Sie scheinen nicht zu wissen, dass Verspätungen normal sind. Nach jeder Ansage springen sie hektisch auf, suchen nach einem Schaffner und beginnen, über Anschlusszüge und Alternativrouten zu diskutieren. Ein Smartphone scheinen die meisten von ihnen nicht zu besitzen. Jedenfalls haben sie wohl keine Bahn-App, keine Geduld, keine Frustrationstoleranz und jede Menge Panik.

          2. Frauengruppen auf Ausflugsfahrt

          Eine Unterkategorie der Amateurreisenden sind Frauengruppen auf Ausflugsfahrt. Sie zeichnen sich üblicherweise weniger durch schweres, dafür durch sehr geruchsintensives Gepäck aus: Kaum sitzen sie, packen sie – völlig ungeachtet der Uhrzeit – ein opulentes Picknick aus. Selten fehlt dabei das Piccolöchen (wird dann umgefüllt ins Plastik-Sektglas mit ansteckbarem Fuß; etwas Stil muss sein). Relativ zwingend scheint leider auch der Fleischwurstkringel mit Knoblauch, der mit dem Taschenmesser in mehr als daumendicke Scheiben geteilt wird. Anders als unter anderen Amateurreisenden ist in diesen Gruppen auch eine ausschweifende Diskussion über Krankheiten unausweichlich. Von Kau- und Schluckgeräuschen unterbrochen wird alles besprochen, von der Grippe bis zum entzündeten Mückenstich und noch größeren Unappetitlichkeiten, sodass uns Pendlern jegliche Konzentration auf die Zeitung und jeglicher Morgenkaffeegenuss schnell vergeht.

          3. Vorne-Einsteiger

          Auf eine andere Art nervig sind die so genannten Vorne-Einsteiger. Diese Kategorie der Mitreisenden gibt es eigentlich nur, wenn der Zielbahnhof ein Sackbahnhof ist, wie zum Beispiel in Frankfurt oder Wiesbaden. Vorne in den Zug zu steigen, verspricht dann einen vergleichsweise kurzen Fußmarsch nach der Ankunft, weil man nicht erst noch den gesamten Bahnsteig entlang gehen muss, bis man in die Bahnhofshalle gelangt. Vorne-Einsteiger sind häufig Menschen, die auch in der Schule schon gern in der ersten Reihe saßen. Sie erreichen den Bahnsteig früh, verzichten im Zweifel auf den Kauf eines Brötchens oder Kaffees beim Bäcker, um lieber am genau richtigen Punkt des Bahnsteigs auf den Zug zu warten. Nämlich genau dort, wo die vorderste Tür anhält. Die Vorne-Einsteiger wissen exakt, wo das ist; manchmal wundert man sich, dass noch keiner von ihnen eine Spraydose aus der Aktentasche gezogen und den perfekten Punkt auf dem Bahnsteig mit einer Farblinie markiert hat. Naja, dafür sind sie dann halt doch zu korrekt. Korrektheit scheint ja eh ein wichtiger Grund zu sein fürs Vorne-Einsteigen: Keine Zeit verlieren, schnell zur Arbeit!

          Hauptbahnhof Köln: Keine Zeit verlieren, schnell zur Arbeit! (Archivbild)

          4. Die Klomesse

          Korrekt heißt sie ja ISH – Internationale Fachausstellung für Sanitär- und Heizungstechnik. Unter Pendlern nennen wir sie nur die „Interklo“. Nicht nur wegen der Thematik. Für jeden Bahn- und übrigens auch Autopendler im Rhein-Main-Gebiet ist die Woche, in der diese Messe stattfindet, buchstäblich für den Eimer. Die Bahnsteige platzen aus allen Nähten, die Züge sind so voll, dass man sogar für einen Stehplatz dankbar ist, die Straßen sind auch dicht, alles ist verspätet. Unangemessene Wortspiele mit dem Begriff „Verstopfung“ sparen wir uns an dieser Stelle; bemerkt sei nur, dass das Verkehrschaos und der Pendlerstress bei keiner anderen Frankfurter Messe so groß sind, nicht mal die Buchmesse kann da mithalten. Bestimmt kennen aber auch andere Regionen ihre „Interklo“ – für den Nürnberger ist es womöglich die Spielzeugmesse, für den Berliner vielleicht die Internationale Tourismusbörse ITB.

          5. Unechte Fensterplätze

          In Zeiten, in denen gerade keine Messe ist und Sitzplätze für uns Pendler zur Verfügung stehen, kann es sehr entspannt sein, einen Fensterplatz zu wählen. Das spart zum Beispiel den Ärger mit den aneckenden Koffern der Amateurreisenden und sorgt für unversehrte Knie und Füße. Nervig ist es aber, dass Zugkonstrukteure es immer wieder vermögen, Sitzplätze auch an solchen Stellen einzuplanen, an denen man nur gegen eine Wand oder Querstrebe zwischen den Fenstern blickt. Nicht ein Fitzelchen Glasscheibe gibt es im Extremfall an diesen unechten Fensterplätzen – Aussicht: Null. Dann muss man ihn sich vorstellen – den Reiz der verschneiten Taunuslandschaft dort draußen, oder die Freude über das Entdecken eines einsamen Fischers, der mit seinem Bötchen über den nahe der Eisenbahnstrecke gelegenen See paddelt. Vielleicht gäbe es Schlösser zu sehen oder, je nach Destination, die Frankfurter Bankenskyline, die am Horizont auftaucht oder den Kölner Dom, der sich hinter der Hohenzollernbrücke erhebt. Der unechte Fensterplatz verwehrt dem Pendler genau die Momente der Reise, in denen er sagen würde, was manche selten, andere oft und aus Überzeugung sagen: Pendeln ist schön.

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