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Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die an der letzten „GoT“-Staffel genervt haben

Plötzlich auftretende faschistoide Züge: Daenerys aus dem Hause Targaryen, die Erste ihres Namens, Königin der Drachenbucht, Königin der Andalen, der Ersten Menschen und der Rhoynar, Regentin der Sieben Königslande, Beschützerin des Reiches, Mutter der Drachen, Sprengerin der Ketten, Khaleesi und Herrscherin des großen Grasmeeres, Khaleesi und Herrscherin des Dothrakischen Meeres, Lady von Drachenstein Bild: AP

„Game of Thrones“ war großartig, eine Serie wie diese wird es lange nicht mehr geben. Die letzte Folge versöhnte mit vielem – trotzdem hat einiges an der letzten Staffel kolossal genervt. Die Kolumne „Fünf Dinge“.

          1. Abrupte Stimmungswechsel

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Wir wissen es ja: Die Macher von „Game of Thrones“ (GoT) mussten schnell fertig werden. Nur noch sechs statt zehn Folgen in Staffel acht, dafür aber zahlreiche offene Handlungsstränge, das erhöht den Puls. Also hetzte das Drehbuch durch die Staffel, nahm sich weniger Zeit selbst für wichtige Charaktere, sprang von Ort zu Ort, wofür andere Staffeln mehrere Folgen benötigt hätten. Das allein wäre noch gar nicht so schlimm. Ärgerlicher waren die abrupten Stimmungswechsel mancher Figuren, die mangels Zeit nicht mehr ausreichend vorbereitet wurden. Beispiel Jaime Lannister: Die Annäherung von Cerseis Bruder an Brienne von Tarth hatte sich lange angedeutet; dass die beiden einander nach der Schlacht um Winterfell ihre Zuneigung gestehen und gemeinsam im Bett landen, mag deshalb nur folgerichtig gewesen sein. Aber am nächsten Morgen bricht Jaime völlig unvermittelt nach Königsmund auf, weil er sich plötzlich an seine Liebe zu Cersei erinnert, über deren Verrat er kurz davor noch erschüttert war – notwendig für den Plot, damit er am Ende gemeinsam mit ihr sterben kann, aber ziemlich unglaubwürdig.

          Beispiel Arya: Fast seit Beginn der Serie war es ihr sehnlichster Wunsch, Cersei zu töten und den Mord an ihren Eltern zu rächen. Doch was macht sie, als sie in Staffel acht endlich in Königsmund und kurz vor dem Ziel ist: Sie tritt auf den Rat von Sandor Clegane wie selbstverständlich den Rückzug an. Auch der Weg von Daenerys Targaryen in den Wahnsinn, die bis zum Anfang von Staffel 8 noch vergleichsweise rational schien, dann aber ohne Not einen Völkermord in der Hauptstadt verübt, wirkt eher manisch-depressiv als nachvollziehbar. Sicher: Dass Skrupellosigkeit im Dienste des vermeintlich Guten in der Drachenkönigin schon immer angelegt war, hat sie an vielen Stellen der Serie bewiesen. Trotzdem kommt ihr Stimmungsumschwung in Staffel 8 zu abrupt. Was zeigt: Wenn die Produktionsfirma schon Geld für weitere Folgen locker gemacht hätte, wie es bei HBO offenbar der Fall war, sollte man als Drehbuchautor zugreifen.

          2. Die Weißen Wanderer und der Nachtkönig

          Sieben Staffeln oder sechs Jahre lang haben die Macher von „Game of Thrones“ damit verbracht, Westeros und die Zuschauer auf den drohenden Winter vorzubereiten, in dem die Weißen Wanderer über den Kontinent herfallen und ihn ins Chaos stürzen werden. Der Kampf gegen die Weißen Wanderer und den Nachtkönig, das war der epische, finale Kampf zwischen Gut und Böse; die ultimative Schlacht, auf die alles hinauslief. Von den beiden großen Handlungssträngen der Serie, dem fantasyhaften „Winter is coming“ und dem realpolitischen Kampf um den Eisernen Thron in Königsmund, war der zweite lange der dominante. Doch spätestens in den letzten beiden Staffeln wurde der Nachtkönig von einer latenten Bedrohung zum zentralen Antagonisten, dessen Angesicht die sieben Königslande und selbst Cersei von ihrer Machtbesoffenheit zu kurieren schien (wie wir wissen, kam es anders). Umso enttäuschender war es, wie abrupt die GoT-Macher diesen zentralen Handlungsfaden in der zweiten Folge von Staffel 8 enden ließen: Es kommt zur (zwar brillant verfilmten und atemberaubenden) Schlacht um Winterfell, die Lage ist völlig aussichtslos, alle erwarten ein Desaster, aber plötzlich stirbt der Nachtkönig durch den Dolch von Arya, die es offenbar völlig unbehelligt durch ein schlecht gelauntes Zombie-Heer geschafft hat. Die Untoten zerfallen zu Staub und der Drops ist gelutscht. Noch Fragen?

          Sicher: Es war ein letzter brillanter Haken, dass die Serie den zwar perfekt inszenierten, aber eben doch sehr konventionellen Kampf gegen gefühlskalte Untote nicht zu wichtig nimmt, wie es „The Walking Dead“ in Dauerschleife tut. Sondern dass sie ihr eigentliches Thema, die zerstörerische Kraft von Machtstreben und ideologischer Verblendung, am Ende wieder aufgegriffen und auf eine Metaebene gehoben hat. Insofern war die letzte Folge ein starker, versöhnlicher Abschluss einer unterdurchschnittlichen letzten Staffel – mit dem schönen Bild, dass ausgerechnet der Drache Drogon am Ende moralisches Empfinden beweist, als er nicht den guten Jon Schnee versengt, sondern den bösen Thron einschmilzt. Trotzdem hätte die Serie noch so viel stärker enden können, wenn sie auf den letzten Metern zumindest die wichtigsten jener Fragen beantwortet hätte, die sie über sieben Staffeln aufgeworfen hat. Und da stehen die Weißen Wanderer und der Nachtkönig an erster Stelle.  

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