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Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die am deutschen Kaffeekonsum nerven

Was macht denn dieser Mensch da!? Bild: dpa

Auch wenn es in manchen Cafés mit Espresso und Cappuccino gut läuft, trinken die Deutschen zu Hause und im Büro noch zu viel schlechten Kaffee. Die Kolumne „Fünf Dinge“.

          Sie haben heute schon einen Kaffee getrunken! Stimmt‘s? Ich auch. Wie haben Sie ihn gemacht? Kaffeemaschine? Vollautomat? Cafetiere? Siebträger? Handfilter? Aeropress? Kapselmaschine? Eine Methode wird es gewesen sein. Bei jeder kann etwas schief gehen. Jede hat ihre Vorzüge. Trotzdem nerven ein paar Dinge am deutschen Kaffeekonsum.

          1. Kaffee ist keine Droge

          Ich habe einen Kollegen, der trinkt jeden Tag mehrere Tassen Kaffee aus dem Automaten, der in der Küche steht. Schwarzen Kaffee. Manchmal kommt er zurück und sagt: „Der Kaffee schmeckt heute wieder schrecklich!“ Ob er die Tasse danach austrinkt oder nicht, kann ich nicht sehen. Was ich sehen kann, ist, dass er etwas später wieder in die Küche geht, um sich abermals einen Kaffee zu ziehen. Er wird wieder schrecklich schmecken.

          Den Kollegen unterscheidet von anderen Menschen, dass er die Erkenntnis hat, dass er ungenießbaren Kaffee trinkt. Sein Geschmacksurteil funktioniert. Das macht Hoffnung. Andererseits zieht er das Ritual dem Genuss vor. Die anderen Kollegen, die sich an dem Automaten täglich einen Kaffee ziehen und noch nicht mal schmecken, dass sie schrecklichen Kaffee trinken, verhalten sich wie Raucher, die ihre täglichen Zigaretten konsumieren. Kaffee wird zur leichten Droge.

          2. Vollautomaten sind nicht das Problem

          Ich habe nichts gegen Vollautomaten. Im Gegenteil. Maschinen können Vorgänge exakt reproduzieren. Sie garantieren, dass das Ergebnis immer das gleiche ist. Menschen müssen sich um nichts kümmern. Ein Knopfdruck genügt. Das gilt auch für Kaffeevollautomaten. Die meisten Maschinen liefern auch immer das gleiche Ergebnis. Doch es ist meistens ein schlechter Kaffee. In Hotels, Büros und auch zu Hause mahlen die Maschinen die Bohnen nicht fein genug, das Wasser schießt durch das Mehl, schwemmt kaum Aromen aus und kennt keine Grenzen. Ein Espresso wird immer zum Mega-Lungo.

          Weil sich die Hersteller den Trinkgewohnheiten angepasst haben, lassen sie es nicht zu, dass sich das dunkelbraune Mäuseschwänzchen dem Tassenboden nähert und in mehr als zwanzig Sekunden gerade mal ein Pfütze mit Crema hinterlässt. Die Tasse muss voll sein, sonst gibt der unzufriedene Kunde wieder seine Maschine zurück! Dabei würde ein Beipackzettel mit dem Hinweis auf den Americano genügen: Espresso mit heißem Wasser aufgießen und fertig ist der leckere Kaffee.

          3. Mehr Zeit für Kaffee

          Ich habe einen sehr guten Freund, der mir vor fünfundzwanzig Jahren leckere Espressi aus seiner La Pavoni gezaubert hat. Das ist die Maschine, mit welcher der Druck mit einem Hebel erzeugt wird, den man kräftig, aber mit Gefühl nach unten drückt. Dafür hat er mehrere Wochen trainiert. Irgendwann hatte er den Dreh heraus. Während er die Maschine aufheizte, Druck aufbaute und abließ, wieder aufbaute und den Hebel drückte, unterhielten wir uns über spannende Dinge.

          Nun steht ein Vierteljahrhundert später in seinem Büro keine La Pavoni, auch keine klassische Siebträgermaschine, sondern eine Kapselmaschine. Geht schneller, sagt er. Und schmecke ganz gut. Ja, schmeckt ganz gut und geht schnell. Ist aber auch sauteuer. Für ihn und für die Umwelt. Selbst in Teilen Italiens hat keiner mehr Zeit für Kaffee. Auf Sardinien verbreiten sich als Siebträgermaschine getarnte Kapselautomaten. Statt den Siebträger unter die Mühle zu halten, das Mehl zu tampern und das Ganze dann in die Halterung zu klemmen, so wie es Tausende Italiener seit vielen Jahren tun, greifen immer mehr Sarden zu einer Kapsel, die wiederum in einer Plastikverpackung steckt, um durch diese das Wasser zu jagen.

          4. Laien und Nerds an Siebträgern

          Nun gibt es Fraktionsmitglieder, die eine teure Siebträgermaschine besitzen, sie aber nicht bedienen können. Selbst eine gute Mühle hilft nichts, wenn die drei wichtigen Parameter Menge, Zeit und Mahlgrad nicht in Harmonie gebracht werden. Als hätte ein Vollautomatenhersteller seine Finger im Spiel gehabt, schießt auch bei manchen Siebträgerbesitzern der Espresso durch die Öffnungen wie ein Sturzbach. Eine Einführung durch einen Barista kann helfen. Es muss ja nicht gleich eine Ausbildung sein.

          Man kann es aber auch übertreiben. Wie in allen Lebensbereichen tummeln sich auch unter den Espressofreunden Nerds. Nein, ich meine nicht die Experten, die mit Waage arbeiten, also vorher die Mehlmenge und danach die Espressomenge messen, damit das gewünschte Verhältnis eingehalten wird. Ich meine die Nerds, die sich in Foren seitenweise darüber austauschen, welche Auswirkung eine Mühle (Nicht der Mahlgrad!) auf den Geschmack hat.

          5. Die Farbe interessiert die Bohne

          Es gilt wie bei allen Genussmitteln: Wer billig kauft, büßt teuer dafür. Nämlich beim Geschmack. Billige Bohnen gibt es massenhaft. Und sie werden leider auch gekauft. Bei einem bekannten Discounter gibt es das Kilo schon ab 6 Euro. Aus dieser Käuferperspektive erscheint ein Kilopreis von 12 Euro absurd teuer. Und 24 Euro pro Kilogramm? Intergalaktisch teuer! Nein, eben nicht. Dann bewegen wir uns in einer Klasse, die Spaß macht.

          Ich rechne Ihnen mal vor, was teuer ist: Eine Nespresso-Kapsel kostet zirka 43 Cent. Darin enthalten sind 5,7 Gramm Mehl pro Kapsel. Das macht 7,54 Euro pro 100 Gramm. Nespresso-Trinker zahlen also zirka 75 Euro für ein Kilogramm Kaffee. Die Aldi-Kapseln kosten übrigens viel weniger, aber immer noch zirka 22 Euro pro Kilogramm. Das ist in etwa der Kilopreis für gut geröstete Bohnen vom Fachhändler.

          Nun gibt es seit einigen Jahren Diskussion darüber, wann Bohnen gut geröstet sind. Die sogenannte Dritte Welle (Third Wave) wendet sich bewusst gegen die Röstereien aus Italien. Dort würden die Bohnen viel zu lange und zu stark erhitzt, was ihnen ein dunkles und öliges Aussehen und einen bitteren, teerigen und rauchigen Geschmack gebe. Aromen könnten sich nicht entfalten. So die Anhänger der Dritten Welle. Deshalb werden die Bohnen der jungen Wilden eher hellbraun, der Geschmack eher fruchtig, säuerlich. In einem Cappuccino ein Traum, weil sich die Süße mit der Fruchtigkeit zusammen tut.

          Aber, liebe Freunde der dritten Welle: Lasst mir die Italiener in Ruhe! Ein Espresso muss einem nicht vor Säure den Mund zusammenziehen.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“die Kolumne „Der Moment“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

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