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Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die am deutschen Bierkonsum nerven

Schmeckt’s? Annegret Kramp-Karrenbauer beim Politischen Aschermittwoch der CDU Hessen mit Parteifreunden Bild: dpa

Was in vielen Kneipen serviert wird, liegt weit unter dem Stand der Technik. Auch beim Bierkauf im Laden kann man oft nur den Kopf schütteln. Und das Reinheitsgebot? Fünf Gründe für mehr Bierkompetenz.

          6 Min.

          Eine Klarstellung vorab: Bier ist ein faszinierendes, köstliches Getränk, das die Menschheitsgeschichte begleitet hat und es auch weiterhin tun wird. Von Krisengerede über den Umstand, dass die Deutschen pro Kopf im Jahr immer weniger davon trinken, bleibt es völlig unberührt. Denn einige trinken immer noch zu viel, und warum sollte man jemanden dazu bewegen, mehr zu trinken, als er möchte? Es wäre keine schlechte Nachricht, wenn Bier künftig weniger, dafür aber qualitativ hochwertiger, in nachhaltigerer und – soweit es geht – ökologischer Form getrunken würde.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Der nachlassende Konsum jedenfalls ist nicht das Problem des deutschen Biers. Das besteht vielmehr darin, dass der weltbekannten Biernation Deutschland irgendwie das rechte Maß und die Wertschätzung fürs Bier abhandengekommen sind. 

          1. Schlecht geführte Kneipen und Gaststätten

          Dieser Absatz soll niemandem den Gang in die Kneipe oder den Biergarten verleiden, das können sehr idyllische Orte sein. Allerdings kommt man vielerorts ums Trübsalblasen nicht herum. Viele Gaststätten sind einfach nicht in der Lage, Bier, das im Grunde ein sehr zartes, empfindliches Getränk ist, pfleglich zu behandeln. Das beginnt bei den Zapfern, die anhaltend die Tülle ins Bier halten, gar Bier zusammenschütten, oder, weil einige mal etwas vom Sieben-Minuten-Pils gehört haben (ein Mythos), dem Bier derart viele Zapfstöße verabreichen, dass es, am Eichstrich angekommen, kaum noch Kohlensäure aufweist.

          Außerdem kommen die Gläser oft zu warm auf den Deckel, manchmal direkt aus der Spülmaschine, und wegen ungeeigneter Spülmittel oder Fett im Glas bildet sich eine mangelhafte Schaumkrone, über der dann oft noch ein sanfter Duft von Putzaroma schwebt. Das mag jetzt kleinlich klingen, auf der anderen Seite: Ein ungepflegtes Bier ist nicht einfach ärgerlich, es ist, weil es so geschmacksempfindlich ist, schlimmer als kein Bier. Ist es so schwer, sich geeignetes Equipment zum Bierausschank anzuschaffen und vernünftige Arbeitsabläufe festzulegen?

          Und dann wären da noch die Kellner, die oft ihr Bestes geben, wegen Unterbesetzung aber nicht selten das Bier minutenlang auf der Theke herumstehen lassen. Muss man als Bierliebhaber über alles hinwegsehen, nur weil Bier ein Billig-Image hat – paradoxerweise sogar bei jenen, die es ausschenken?

          Es war wohl ein Fehler, im Jahr 2005 die vergleichsweise strenge Schankanlagen-Verordnung in Deutschland aufzuheben. Seither muss, wer Bier ausschenken will, nur noch einen mehrstündigen Kurs ohne Prüfung ablegen. Echtes Know-How baut man hier nicht auf. Muss denn Flaschenbier in vielen Kneipen die beste Entscheidung sein?

          2. Getränkemärkte

          Die deutschen Getränkemärkte und die Getränkeabteilungen der großen Supermärkte hatten in den vergangenen etwa fünf Jahren fast deutschlandweit große Fortschritte gemacht. Plötzlich bekam man, auch außerhalb Bayerns, Spezialbiere aus den entlegensten Regionen Deutschlands. Fast überall stand mit einem Mal das legendäre Rauchbier der Bamberger Privatbrauerei Schlenkerla im Regal. Dann kamen die ersten ausländischen Spezial- und Craftbiere: tschechische, belgische, gelegentlich auch amerikanische, und fast schon konnte man den Eindruck gewinnen: Wenn es so weiter geht, wird Deutschland noch das reine Bierparadies – zu keinem Anlass, zu keinem Gericht würde einem mehr das passende Bier fehlen.

          Doch inzwischen ist die Euphorie verflogen. Zwar haben einige deutsche Craftbrauer wie Crew Republic oder Maisel und auch einige wenige namhafte internationale Brauereien wie Brewdog oder Mikkeller in deutschen Getränkemärkten dauerhaft Fuß gefasst, das Sortiment ist insgesamt aber wieder deutlich schmaler geworden. Die entstandenen Lücken in den Spezialbier-Regalen werden neuerdings allen Ernstes mit den – neuer Trend! – Kellerbieren der deutschen Großbrauereien und sogar von Billiganbietern aufgefüllt. Die Hauptsache dabei scheint zu sein, dass das Etikett nach „Regio“ und „Retro“ aussieht.

          Was ist passiert? Sicher, das Bier, das in Getränkemärkten angeboten wird, muss auch getrunken werden, um sich zu etablieren. Hinzu kommt, dass Craftbier, weil es oft nicht pasteurisiert ist, zum Teil sehr kurze Mindesthaltbarkeitszeiten aufweist, was größere Aufmerksamkeit erfordert. Andererseits gibt es in den Getränkemärkten dort, wo die wirklich guten Craftbiere stehen, jene mit einem überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnis, schnell Lücken im Regal, was zum einen für die Kennerschaft der Kunden spricht, zum anderen auf vermeidbare organisatorische Probleme in den Märkten selbst schließen lässt. Es sollte aber für eine Getränkeabteilung, die etwas auf sich hält, machbar sein, eine Auswahl von Referenzbieren der bekanntesten internationalen Stile dauerhaft vorzuhalten.

          Palettenweise eintönige Standardbiere aufzutürmen, die weder gekühlt noch abgedunkelt wochenlang vor sich hinaltern und täglich an Aroma verlieren (ein Abfülldatum sollte beim Bier zur Pflicht werden!), ist jedenfalls kein großer Dienst am Kunden.  

          Die großen Getränkemärkte wären eigentlich prädestiniert, ein vernünftiges Bierangebot auf der Höhe der Zeit bereitzustellen. Wenn sie diese Chance nicht nutzen, bleibt für wählerische Biertrinker nur der Gang in spezialisierte Craftbierläden oder die Bestellung beim Bierversandhandel.

          3. Craftbierläden (nicht alle, aber viele)

          Eigentlich ist es eine sehr naheliegende Idee, in Spezialgeschäften Brauerzeugnisse aus aller Herren Länder anzubieten – Klassiker und Neuentdeckungen, auf die durch kompetente Beratung die Neugier geweckt wird. Der Haken dieses Konzepts besteht nur darin, dass es beim Bier, anders als beim Wein, nur geringe Gewinnspannen gibt. Beratender Bierverkauf lohnt sich kaum – und so lässt die Beratung oft zu wünschen übrig, besteht zuweilen aus freien Improvisationen.

          Bier, Bier, Bier – das Zapfen will gelernt sein

          Zudem ist Bier, wie schon bemerkt, ein empfindliches Getränk, das gerade im hocharomatischen Bereich eine besondere Lagerung – kühl und dunkel – benötigt, über die nicht jeder Craftbierladen verfügt, weshalb man dort nicht selten Bekanntschaft mit Fehl- oder Mindergeschmäckern macht, die so ärgerlich sind wie falsch gelagerter Wein, der Korken gezogen hat. Angesichts mangelnder Ausstattung wirken dann auch manche Bierpreise überhöht.

          So dankbar man Craft-Kleinhändlern für ihren Idealismus und ihre Begeisterung gerne entgegentreten würde – so kritisch kann man fragen, ob das Konzept Craftbierladen, eingezwängt zwischen Supermarkt, regionalen Abhol-Brauereien, die mit Frische punkten, und den immer besser werdenden spezialisierten Versandhändlern, die einen mit perfekter Organisation, beigefügten Informationen und oft niedrigen Preisen für sich einnehmen, wirklich Sinn ergibt.

          4. Bier-Rhetorik

          Geringe Bierkompetenz in Verbindung mit überzogenen Expansionsansprüchen hat in Deutschland zu einer Reihe von rhetorischen Auswüchsen geführt. Zum einen sind da die Bier-Übertreiber, die mit vorgefertigten Sommelier-Versatzstücken das Bier als Spitzengewächs verkaufen wollen, dabei aber den Charme seiner technischen Gemachtheit und seine bewahrenswerte kommunikative Niedrigschwelligkeit aus den Augen verlieren.

          Mindestens ebenso falsch aber liegen die Bier-Untertreiber, die meist unter den hartnäckigen Standardbiertrinkern oder in eher herkömmlichen Brauereien anzutreffen sind. Sie tun so, als sei Bier etwas zutiefst Normales, Unveränderliches, um das man kein großes Aufhebens machen sollte. Flankiert werden sie durch eine zweite Gruppe von traditionellen Brauern, die Craftbier und neue Bierideen nur deshalb gut finden, weil sie das Interesse am Bier insgesamt neu beleben, die aber selbst keinerlei kreative Schlüsse für ihre eigene Produktion daraus ziehen wollen.

          Den Kunden nehmen beide Extrembewegungen nicht ernst und unterschätzen seine gesunde Neugier auf überraschende Möglichkeiten eines alten Produkts.

          5. Reinheitsgebot

          Über Jahrzehnte hinweg begründete das „Deutsche Reinheitsgebot“ mit seinen aus der frühen Neuzeit stammenden puristischen Brauregeln den Ruhm des deutschen Biers. Inzwischen steht es in Kennerkreisen eher für die Phantasielosigkeit, ja Rückständigkeit desselben. Wobei diese Anti-Haltung nicht auf vermeintliche ausländische Neider oder verantwortungslose Heißsporne beschränkt, sondern auch in Deutschland im Grunde Konsens ist. Hört man sich bei den unterschiedlichsten Bierkennern im Lande um, stellt man fest, dass das Reinheitsgebot und vor allem die besonders ausnahmslose Biergesetzgebung in Bayern und Baden-Württemberg eigentlich kaum einer mehr ernst nimmt, dem an Biervielfalt liegt. Das Gütezeichen „Gebraut nach dem deutschen (oder bayerischen) Reinheitsgebot“ wird es sicher noch lange geben, man sollte die Kriterien sogar noch verschärfen. Dass es den deutschen Biermarkt weiter so stark dominiert wie in den letzten Jahrzehnten, ist aber nicht länger förderlich.

          Im Rahmen des Reinheitsgebots lässt sich, auch wenn das oft behauptet wird, eben nicht alles brauen, was das Biertrinkerherz begehrt. Um das zu widerlegen, muss man nur auf die raffinierten Brauprodukte des Nachbarlands Belgien schauen, die übrigens zu meist sehr nachvollziehbaren Preisen angeboten werden. Hier ist auch zu sehen, dass das Gegenteil von Reinheitsgebotsverfechtern eben nicht immer nur selbstverliebte Hipster sind. Eine der größten Innovationswellen jenseits des Reinheitsgebots ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts von belgischen Mönchen aus, und zwar aus einer Mischung aus ökonomischen Erwägungen und bewundernswertem Erfindergeist. Das belgische Bier gehört dann auch seit 2016 wegen seiner „lebendigen Braukultur“, seiner „Vielfalt“ und der „Wertschätzung“, die Bier im Land erfährt, zum UNESCO-Weltkulturerbe. Das deutsche Bier nicht, obwohl es sich ebenfalls beworben hatte.

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