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Kolumne : Fünf Dinge, die als Ehefrau eines Intensivmediziners nerven

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Gemeinsame Ausflüge: Nicht jedes Ehepaar hat dafür in der Corona-Krise mehr Zeit. Bild: dpa

„Niemand applaudiert den daheimgebliebenen Familienmitgliedern“, hat uns eine Leserin geschrieben – und vier weitere Punkte genannt, die sie in der Corona-Krise als Frau eines Krankenhausarztes nerven.

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          In einer Kolumne im April haben wir unsere Leser dazu aufgerufen, uns zu berichten, was sie in der Corona-Krise nervt. Gemeldet hat sich unter anderen Sabina Franz. Sie ist 59 Jahre alt, war angestellte Gymnasiallehrerin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. „Vor allem habe ich aber meinem Mann den Rücken frei gehalten“, sagt sie bei einem Telefonat. Auch deswegen habe sie es nie geschafft, verbeamtet zu werden und ihre Anstellung schließlich verloren. Studiert hat sie Germanistik und Politikwissenschaft. Ihre zwei Kinder sind mittlerweile erwachsen. Das hat sie geschrieben:

          1. Die Wochenenden

          Als Ehefrau eines im Krankenhaus arbeitenden Arztes nahm ich schon immer eine Sonderstellung in meinem Umfeld ein. Besonders als wir noch kleine Kinder hatten, fiel mir auf, dass viele meiner Wochenenden anders aussahen als die meiner Nachbarn. Mediziner haben ständig Wochenenddienst. Während andere Familien mit Papa ihre gemeinsamen Wochenendunternehmungen zelebrierten, musste ich alles alleine planen und durchführen. Deshalb kennen meine Kinder sämtliche Museen und Abenteuerspielplätze unserer näheren Umgebung. Wir wohnen in der Pfalz. Auch alle Burgen wurden von uns ohne meinen Ehemann erwandert. Vielleicht hat mein Sohn deshalb Geschichte studiert. Sich an andere Familien an Wochenenden dranzuhängen, war in der konservativen Familienstruktur hier ebenfalls nicht möglich. Einmal wagte ich es, bei Nachbarn zu klingeln und zu fragen, ob die kleine Tochter mit uns spazieren gehen wolle. Sie war häufig Gast in unserem Garten. Leider hörte ich im Hintergrund den Vater fragen: „Wieso klingelt die am Sonntag?“ Dabei war es seine Frau, die ständig unter der Woche ihre Tochter bei uns ablud. Aber eben unter der Woche. In der Corona-Krise arbeitet mein Mann fast ununterbrochen, er ist Intensivmediziner. Schlimmer als die Wochenenden sind für mich die Wochentage. Er geht früher zur Arbeit als sonst und kommt später heim.

          2. „Corona hat ja auch seine guten Seiten“

          Während die Gärten meiner Nachbarn von den Ehemännern, die nicht ins Büro konnten, in den vergangenen Wochen eifrig bearbeitet wurden und in neuem Glanz erstrahlen, hacke und ackere ich wie immer alleine ums Haus herum. Selbst die Entsorgung des Schnittguts muss ich alleine stemmen. Mein Rücken lässt grüßen. Gott sei Dank gibt es Youtube mit vielen Angeboten von Yogaübungen, die die Fehlhaltung ausgleichen. Wenn ich einsam meine Runden im Wald ziehe, begegne ich ständig händchenhaltenden Paaren, die einen weiten Bogen um mich machen, um sich (oder mich) nicht anzustecken. Wenn ich Sportsfreunde aus dem lange Zeit geschlossenen Fitnessstudio treffe, bekomme ich mit gebotener Distanz erzählt, dass sie die unfreiwillige gemeinsame Zeit für Renovierungen genutzt hätten. Corona habe ja auch seine guten Seiten. Kehre ich dann nach Hause zurück, fallen mir die vielen Flecken an den Wänden unserer Küche auf, die wir eigentlich zusammen streichen wollten. Der dafür eingereichte Urlaub wurde ja (Achtung Wortspiel) gestrichen. Immerhin: Der kürzlich entstandene Tomatensoßenfleck stört glücklicherweise deshalb nicht so sehr, wie wenn die Wand blütenweiß wäre.

          3. Niemand applaudiert den Daheimgebliebenen

          Immer wieder höre ich davon, dass für die hart arbeitenden Mitarbeiter im medizinischen Bereich abends applaudiert wird. Niemand applaudiert den daheimgebliebenen Familienmitgliedern, die im Hintergrund den Laden am Laufen halten, damit die Überstunden leistenden Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte dieses noch schwerere Pensum körperlich und seelisch unbeschadet überstehen. Übrigens habe ich hier auf dem Land noch nie jemanden klatschen, singen oder musizieren hören. Ich lege dafür alte Platten von früher auf und rocke alleine im Wohnzimmer mit AC/DC ab. Tut auch gut.

          4. Das Einkaufen

          Ich habe eigentlich schon immer alle Lebensmittel eingekauft, da mein Mann morgens um sieben Uhr anfängt und oft erst kurz vor Ladenschluss nach Hause kommt. Inzwischen mache ich das eigentlich auch gerne. Doch derzeit macht das Einkaufen überhaupt keinen Spaß. Abstand wahren ist in den engen Fluren oft schwierig. Man traut sich kaum, vor einem Regal stehen zu bleiben, da der nächste von hinten drängelt. An der Kasse muss man sich in manchen Läden weit über Abstandshalter beugen, damit man das kontaktlose Kartenterminal überhaupt erreichen kann. Ich beeile mich auch hier, um auf keinen Fall den Mindestabstand zu überschreiten. Jetzt habe ich noch mehr unseren Hofladen im Nachbarort schätzen gelernt: Ich fahre mit dem Fahrrad hin, mache also gleich Sport dabei. Der Bauer hat sich ein ausgeklügeltes System ausgedacht, wie er die Käufer stressfrei durch den Laden schleust. Die Mitarbeiter sind sehr freundlich, irgendwie freundlicher als die im Supermarkt. Ich kaufe alles Frische nur noch dort. Danke dafür, lieber Landwirt.

          5. Die Einsamkeit meiner Mutter

          Ich kümmere mich viel um meine 86 Jahre alte Mutter, die sich nicht mehr aus dem Haus traut. Ihr Mann ist vergangenes Jahr gestorben und sie hatte gerade wieder ein wenig ins Leben zurückgefunden. Ich versuche, sie täglich telefonisch aufzumuntern. Dreimal die Woche bin ich dort, mit Abstand und Maske natürlich. Ich will sie nicht anstecken und verstehe nicht, warum mein Mann und ich keinen Anspruch auf regelmäßige Corona-Tests haben. Er ist in der ganzen Zeit erst ein Mal getestet worden, Gott sei Dank negativ. Aber er hat weiterhin ständig Kontakt mit Kranken und dann mit mir. Meine Mutter habe ich mit einer Maske versorgt, die mir von einem syrischen Schneider geschenkt wurde, der sein Heimatland wegen eines des Krieges verlassen musste. Er war mein Deutschschüler. Die Masken verschenkt er, weil die Politiker der Kleinstadt sein im vergangenen Jahr erst eröffnetes Schneidergeschäft in der Krise sehr unterstützen. Also: Machen wir weiter, auch wenn vieles nervt und vieles unklar bleibt. In ein paar Monaten und Jahren wissen wir hoffentlich alles besser einzuordnen.

          Die Kolumnen

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

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