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Kolumne : Fünf Dinge, die 2020 an Deutschrap genervt haben

Viele Rapper arbeiten mit Hells Angels zusammen. Bild: dpa

Die Release-Flut am Donnerstag, die Frage „WAS HAST DU GEMACHT“, die kriminellen Unterstützer, die Interview-Absagen und die eintönigen Instagram-Storys: Fünf Dinge, die wir 2021 im Deutschrap nicht mehr brauchen.

          4 Min.

          „Die Welt gibt es so oft, wie es Menschen gibt“, hat der Berliner Rapper MC Bogy mal gesagt. Das gilt auch für Deutschrap. Das Genre ist so erfolgreich, vielfältig und riesig, dass jeder Hörer oder Künstler mittlerweile in seiner eigenen Szene lebt. Insofern kann es in dieser Kolumne gar nicht um „die Rapszene“ gehen – sondern nur um einen kleinen Ausschnitt:

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          1. Donnerstag, 23.59 Uhr

          Wenn man auf Instagram vielen Rappern folgt, sollte man die App donnerstagabends lieber nicht öffnen. Die Storys sind da Dauerwerbesendungen für all die Lieder, die um 23.59 Uhr veröffentlicht werden. Ab Freitag, null Uhr, werden für die Charts eine Woche lang die Klicks gezählt – deswegen soll kein Klick vor und keine Minute nach null Uhr verschenkt werden. Wer nicht für ein eigenes Lied wirbt, macht Werbung für den Release eines Freundes, am liebsten mit der im Angesicht der Qualität angeblich fassungslosen Frage: „WAS HAST DU GEMACHT?“ Die ehrliche Antwort wäre oft: Das Gleiche wie immer, und das Gleiche wie alle anderen. Die Lieder sind möglichst kurz und unkompliziert, damit sie gut in die Playlists von Spotify passen, die Klickerfolg garantieren.

          Dass es ausgerechnet Rapper sind, die sich diesem Diktat eines Unternehmens am ehrgeizigsten unterwerfen, wäre früher undenkbar gewesen – „Sell out“ zu sein war der größte Vorwurf, den man einem Rapper machen konnte. Auch das war Unsinn, jeder kann das Ziel verfolgen, mit seiner Kunst Geld zu verdienen. Wenn man aber keine Kunst mehr schafft, sondern nur noch Massenware für ein schwedisches Unternehmen, nervt es. Umso höher muss man es den Künstlern anrechnen, die sich viel Zeit nehmen, um dann ein Album zu veröffentlichen. Oder ein Lied, das nicht in die „Modus Mio“-Playlist passt. Das hören wir dann auch gerne freitags ab null Uhr. Wenn es in der Release-Flut nicht untergeht.

          Erfolgreich mit „Rücken“: Künstlerin Loredana
          Erfolgreich mit „Rücken“: Künstlerin Loredana : Bild: dpa

          2. Rückenfilme

          2020 hätte das Jahr sein können, in dem die „Rückenfilme“ ein Ende finden. Als „Rücken“ werden in der Szene Leute aus der Unterwelt bezeichnet, die hinter Rappern stehen – und dafür bezahlt werden (wollen). Die Erfinder dieses Systems saßen sich in diesem Jahr im Gerichtssaal gegenüber: Bushido und Arafat Abou-Chaker. Während ihre Partnerschaft in Trümmern liegt, ist das System Rücken aber so lebendig wie nie zuvor. Der Youtuber „Euerboy“ hat kürzlich in mehreren Videos präsentiert, wie viele Verbindungen zwischen Rappern und Hells Angels man alleine durch eine einfache Internet-Recherche offenlegen kann. Man versteht danach zum Beispiel, warum selbst die härtesten Skandalrapper kein schlechtes Wort mehr über die Rapperin Loredana verlieren: Weil hinter ihr ein gefürchtetes Hells-Angels-Mitglied steht, das sogar Farid Bang zum Schweigen bringt.

          „Die Meinungsfreiheit ist gefickt“, sagte selbst der Rapper und Hells-Angels-Freund Manuellsen in diesem Jahr. Er hatte in einer Online-Sendung regelmäßig Newcomer bewertet, und nach negativen Bewertungen wütende Anrufe von „Rücken“ aus ganz Deutschland bekommen, wie er berichtete. Auch der Manager von Shirin David soll mehrfach versucht haben, Kritiker seiner Künstlerin einzuschüchtern. Ein anderes Level erreichte ein Konflikt um den Rapper PA Sports: Er berichtete in einem Interview von einem Erpressungsversuch: Ein ehemaliger Freund von der Straße wolle Hunderttausende Euro von ihm. Weil er nicht gezahlt habe, sei das Auto seiner Mutter angezündet worden. Er sei zur Polizei gegangen, der Erpresser lasse aber nicht locker. PA Sports sagt, dass man in der Szene nur einen Rücken brauche, um sich vor Rücken von früher zu schützen. Sein Tipp an junge Künstler: „Lasst diese Rückenfilme einfach komplett sein.“

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