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Kolumne : Fünf Dinge, die jetzt als Psychotherapeut nerven

  • -Aktualisiert am

Gestellte Szene: Ein Psychotherapeut zeigt mit einem Mitarbeiter, wie Behandlungen per Videoschalte ablaufen. Bild: dpa

Die Arbeit als Psychotherapeut hat sich in der Corona-Krise teilweise drastisch verändert. Fünf Dinge nerven unseren Gastautor aktuell besonders – ein Punkt hat mit manchen seiner Kollegen zu tun.

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          Die Arbeit als Psychotherapeut hat sich durch die Pandemie und die zur Eindämmung verhängten Maßnahmen teilweise drastisch verändert. Der wohl gravierendste Unterschied besteht darin, dass Therapie aus Gründen des Infektionsschutzes viel häufiger per Video stattfindet. Aber auch die Beziehung zwischen Therapeut und Patient hat sich verändert, nicht zuletzt deshalb, weil wir plötzlich gemeinsam in einer großen Krise stecken, die uns häufig in vielen Bereichen des Lebens gleichermaßen betrifft.

          Ein vorbildlicher Therapeut spricht reflektiert und transparent über alles, was in ihm vorgeht. Dazu gehört selbstverständlich auch, mal genervt zu sein. Gleichzeit ist genervt sein keine gute therapeutische Haltung. Wer genervt ist, dem fehlt der emotionale Innenraum, den ein Therapeut braucht, um professionell zu sein. Die Frage, welche fünf Dinge gerade bei der Psychotherapie nerven, kann also teilweise nur mit Hilfe sanfter Ironie beantwortet werden. Wobei Ironie von denen, die sie missverstehen wollen, auch gerne wieder als Unprofessionalität ausgelegt wird. Es ist ein Dilemma. Aber Dilemmata aushalten zu können, ist zum Glück eine therapeutische Kardinaltugend, in der wir in der Regel gut geübt sind.

          1. Die Neugierde

          Patienten bringen immer schon viel mit, wenn sie in die Praxis kommen. Wie sie sich kleiden, bewegen, wie sie riechen, mit welcher Stimmlage sie das Gespräch beginnen. Ein guter Therapeut ist in so einer Situation neugierig und gleichzeitig zurückhaltend genug, nur die Fragen zu stellen, die therapeutisch Sinn ergeben. Zumindest auf der Beziehungsebene. Die unverfängliche Frage danach, wo der neue Pullover gekauft wurde, kann somit zumindest als therapeutische Maßnahme schöngeredet werden, eine gute Arbeitsbeziehung herzustellen.

          Dr. Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet die Stressmedizin der Oberberg Kliniken.

          Die Videotherapie bietet nun einen ungeahnten Einblick in die Lebenswelt der Patienten. Allein das Regal im Hintergrund wirft viele Fragen auf. Aber hat es wirklich eine therapeutische Funktion, danach zu fragen, wie man sich ernsthaft eine neongelbe Lavalampe ins Schlafzimmer stellen kann? Und wer war der Mann, der da gerade durch das Bild lief? Für den neugierigen Therapeuten bedeutet Videotherapie ohne Frage eine zusätzliche Vielzahl an Versagungen.

          2. Schlechte Internetverbindung

          Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Therapeuten, der immer dann, wenn Sie etwas Humorvolles erzählen, mit steinerner Miene dasitzt und dafür plötzlich unvermittelt auflacht, wenn Sie über Untiefen Ihrer Seele sprechen. Es kann sein, dass Ihr Therapeut ein Problem hat. Wenn Sie Videotherapie machen, kann es aber auch gut sein, dass Sie eine schlechte Internetverbindung haben.

          Sie glauben gar nicht, wie nervig so etwas für einen Therapeuten ist, der sich viel auf seine Fähigkeit einbildet, feine Nuancen erkennen und passend darauf reagieren zu können. Dessen Arbeit zu wichtigen Teilen darin besteht, die verbalen und nonverbalen Äußerungen des Patienten angemessen zu beantworten, weil im therapeutischen Raum nicht nur an den Themen des Patienten gearbeitet wird, sondern in der therapeutischen Arbeitsbeziehung auch neue Beziehungserfahrungen entstehen. Dass es beispielsweise in Ordnung ist, sich über seinen Therapeuten zu ärgern und das auch aussprechen zu können.

          Die Solidarität, die dadurch entsteht, dass gerade beide vor einem Bildschirm sitzen müssen und dabei immer wieder unter einer schlechten Verbindung leiden, kann eine durchaus verbindende Erfahrung sein. Aber manchmal nervt es auch einfach nur, wenn die Arbeit unter schlechter Übertragung leidet.

          3. Die Unsicherheit bei der Kinderbetreuung

          Vor Kurzem meinte mein Sechsjähriger: Papa, ich möchte gerne lernen wie man Therapeut wird, kannst du mich mal mit zu deiner Arbeit nehmen und mir das beibringen? Damit traf er einen wunden Punkt. Ich bin leidenschaftlich gerne Psychiater und Psychotherapeut aber mein Traum war es auch immer, einen Job zu haben, zu dem ich meine Kinder mitnehmen und ihnen etwas beibringen kann. Als Therapeut ist das unmöglich. Die Therapiesitzung braucht einen geschützten Raum, in dem es um den Patienten geht und nicht den Therapeuten. Wenn möglich sollten die Termine regelmäßig und gut planbar sein. Denn es wäre ungünstig, wenn Ihre Therapiesitzung, bei der es um Verletzungen aus der Kindheit geht, auf einmal auf den Donnerstagnachmittag kurz vor einem wichtigen Bewerbungsgespräch verschoben wird, weil Ihr Therapeut am Vormittag als Betreuer und Lehrer der eigenen Kinder einspringen muss.

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          Das bedeutet, dass uns Psychotherapeuten mit Kindern – und damit die von uns versorgten Patienten – jede Unsicherheit bei der Kinderbetreuung besonders hart trifft. Wenn eine ganze Klasse oder Kita-Gruppe in Quarantäne muss, weil die Eltern eines anderen Kindes Party machen waren. Oder wenn Eltern keine Masken tragen, weil sie meinen, Covid-19 sei einfach nur „eine normale Grippe“. Oder wenn die chronisch unterbesetzte und unterfinanzierte Schule sich zwar ein gutes Hygienekonzept überlegt hat, es aufgrund fehlender Ressourcen aber nicht umsetzen kann.

          4. Die Ungewissheit bei der Übertragung in Innenräumen

          Wenn Covid-19 eine Krankheit ist, die vor allem in Innenräumen und zwar primär durch Schwebeteilchen, sogenannte Aerosole, übertragen wird, dann ist jede schlecht belüftete Psychotherapiepraxis in der morgens ein ansteckender Patient war, oder in der den ganzen Tag ein asymptomatischer aber infektiöser Therapeut sitzt, ein unverantwortbares Risiko. Arbeiten mit Maske ist für die meisten von uns undenkbar, weil die Mimik für unsere Arbeit so eine zentrale Bedeutung hat. Videotherapie bietet viele Chancen und kann sehr effektiv sein, kommt aber bei einigen Patienten an ihre Grenzen und ist auch bei der Gruppentherapie, die enorm wirksam ist, technisch problematisch. 

          Ein wichtiger Teil der psychotherapeutischen Arbeit besteht darin, die Unsicherheiten des Lebens auszuhalten zu lernen. Das gilt aber vor allem dann, wenn es schlicht keine Gewissheiten gibt. Deshalb, liebe Kollegen aus der Virologie, Infektiologie und Epidemiologie: Immer mehr Psychotherapeuten interessieren sich für die neuesten Ergebnisse der Forschung. Gerade für die wissenschaftsorientierten unter uns wird das Warten auf Studienergebnisse immer nerviger. Nicht wenige von uns, gerade diejenigen, die Psychologie studiert haben, sind ganz gut in Statistik. Sagt deshalb gern Bescheid, wenn wir euch beim Auswerten der Daten helfen können!

          5. Therapeuten, die auf Kassensitzen hocken

          Um gesetzlich versicherte Patienten versorgen zu können, braucht ein Psychotherapeut eine kassenärztliche Zulassung, auch Kassensitz genannt. In vielen Metropolen gibt es sehr viele Patienten, die auf einen Psychotherapieplatz warten und viele ausgebildete Therapeuten, die ihnen eine Psychotherapie anbieten könnten, wenn sie so einen Kassensitz hätten. Gerade in der Corona-Zeit, in der viele Menschen akut Unterstützung brauchen, nervt es, dass die kassenärztliche Vereinigung das nicht besser regelt.

          Es nervt aber auch, dass es einige altgediente Therapeuten gibt, die auf ihren Kassensitzen hocken und nur sehr wenige Patienten versorgen. Damit blockieren sie Behandlungsplätze. Was genauso nervt, sind Kollegen, die ihren Kassensitz meistbietend verscherbeln, obwohl sie selbst für die Berechtigung, mit einer gesetzlichen Krankenkasse abzurechnen, nichts bezahlen mussten. Sie nehmen dieses Geld einfach deswegen, weil sie es können – statt die Möglichkeit, gesetzlich versicherte Patienten versorgen zu können, solidarisch an jüngere Kollegen weiterzugeben, die mehr Patienten versorgen. Das nervt nicht nur, es ist angesichts unseres Berufs hochgradig peinlich.

          Und dass sich einige dieser Therapeuten jetzt etwas bewegen, weil die kassenärztliche Vereinigung ihnen droht, sonst den Sitz einzuziehen, macht es kaum besser. Besser wäre es, sich in schweren Zeiten wie diesen den Werten verpflichtet zu fühlen, für die Psychotherapeuten in der Öffentlichkeit stehen und sich sowohl gegenüber den Kollegen als auch den vielen Menschen, die momentan dringender denn je psychotherapeutische Unterstützung brauchen, verantwortlich zu verhalten.

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