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Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die an Katzenvideos nerven

Bild: Youtube

Der Hype um Katzenvideos und -aufnahmen aller Art ist nicht totzukriegen. Dabei gibt es kaum Schlimmeres als diese trivialste aller Bürobeschäftigungen. Die Kolumne „Fünf Dinge“.

          3 Min.

          Jeder liebt, teilt und kommentiert Katzenvideos? Nein! Katzenvideos sind nichts Geringeres als die leibhaftig gewordene Hölle. 

          1. Weil sie interessante Momente ruinieren

          Vor nicht langer Zeit saß ich in einem Seminar. Die Dozenten zeigten eine Präsentation, die sie mit „Cat Content“ angereichert hatten. Zur allgemeinen Auflockerung und auch, um die halb eingeschlafene Aufmerksamkeit wieder auf den Unterrichtsstoff zu lenken. Eine jüngere Kollegin reagierte sofort mit einem langgezogenen „Ohhh, wie süß“ – was zur Folge hatte, dass sich ihr wohliges Gefühl bei mir ins glatte Gegenteil verkehrte: „Ohhh, wie schrecklich!“ Tiefe Abscheu gegen diese unglaubliche Trivialisierung des Moments, der eigentlich inhaltlich ein ganz interessanter hätte werden können, wie ich fand. Nun war er kaputt. Ich bin nicht so vermessen, zu glauben, ich sei der einzige Mensch auf der Erde, der so denkt und die Augen rollt, sobald wieder eines dieser Videos anläuft.

          2. Weil gar nicht jeder Katzen mag

          Es ist ein Fakt: Katzen sind die liebsten Haustiere der Deutschen. Und doch: nicht jeder mag sie oder will etwas mit ihnen zu tun haben. Ich empfinde sogar einen leichten Ekel, schleppen sie doch irgendwelche toten Tiere oder Ungeziefer an und treiben sich sonst wo herum. 14,8 Millionen Katzen leben nach Angaben von Statista in Deutschland (2018), dagegen nur 9,4 Millionen Hunde, 5,4 Millionen Kleintiere und 4,8 Millionen Ziervögel. Damit geht die Katzenliebe der Deutschen auch über die der westeuropäischen Nachbarstaaten hinaus. Auf 40 Millionen Haushalte gerechnet heißt das aber auch: Die Katzenlosen sind in der Überzahl. Bei mir jedenfalls kommt keine Katze durch die Tür – und eine Katzentür habe ich nicht.

          3. Weil Katzenvideos für schlechte Laune sorgen können

          Eine Studie der amerikanischen Indiana University Bloomington hat 2015 herausgefunden, dass Katzenvideos gute Laune erzeugen. Man fühle sich dynamischer und energiegeladener, die Laune steige mit zunehmendem Katzenvideokonsum, schlussfolgern die Experten anhand einer Befragung von 7000 Leuten.

          Ich habe den Selbsttest vollzogen und mehrere Machwerke mit grumpy cats, also Katzen, die angeblich mürrisch glotzen, angeschaut und auch einige Videos von niedlichen kleinen Katzen, die sich balgen und herumtollen. Kein Effekt, überhaupt nichts. Manche, wie eines, bei dem eine kleine Katze vom Tisch fällt und sich wieder aufrappelt, bewirken glattweg das Gegenteil: Ratlosigkeit und schlechte Laune ob dieser unglaublichen Belanglosigkeit. Interpretiert man das recht mimikfreie Katzengesicht als Leinwand für die Projektion unserer Gefühle, so schlägt das Argument natürlich direkt gegen den Schreiber dieser Zeilen aus. Andererseits, ist der Büroalltag so trist, dass man sich die Zeit mit solch banalen Videos totschlagen muss?

          4. Weil sie für dunkle Zwecke missbraucht werden

          Katzen gelten als unabhängig, als Einzelkämpfer, die sich nicht an die Leine nehmen lassen. Wären wir Tiere, würden wir gerne Katzen sein. Oder vielleicht noch Adler oder Tiger. Deshalb sind sie die perfekten Werbeträger für Produkte und Dienstleistungen, die sich Freiheit und ein sympathisches Image auf die Fahnen schreiben wollen. Nichts gegen Versuche der Werbeindustrie, daraus Kapital zu schlagen. Aber die Unschuld haben die angeblich niedlichen Katzenvideos alleine durch die hemmungslose virale Vermarktung längst verloren. Hunde, die sich seit Jahrhunderten vom Menschen domestizieren lassen und wenig von Freiheit verstehen, mögen im Vergleich die Deppen der Nation sein, aber sie verströmen wenigstens ein Nähebedürfnis, das viele Menschen vermissen. Das scheint sinnvoller zu sein – und tatsächlich: Videos mit Hundewelpen funktionieren bei mir besser. Das muss ich leider zugeben. Für die Kolumne „Fünf Dinge, die ich an Hundevideos toll finde“ reicht es aber vielleicht nicht.

          5. Weil sie Ausdruck einer Infantilisierung sind

          Eigentlich ist der Befund paradox: Obwohl kleine Kätzchen wie andere höhere Säugetiere durch das Kindchenschema ihrer Gesichter beim Menschen positive Gefühle des Erwachsenseins (und damit der Fürsorge für das kleine Wesen) erzeugen können, tragen sie vor allem zu einer Infantilisierung des Menschen bei. Oder wie sollte man es sonst interpretieren, wenn erwachsene Menschen plötzlich in kindliche Laute verfallen, obwohl man gerade noch mit ihnen über ein interessantes Thema gesprochen hat? Wenn man Katzenvideos allerdings zum massenkulturellen Phänomen mit Erklärungsbedarf adelt, wie es das New York Museum of The Moving Image 2015 mit der Ausstellung „How Cats Took Over the Internet“ getan hat, gibt es genügend gute Gründe, sie auch weiterhin anzuschauen. Rein wissenschaftlich natürlich – und der Kunst verpflichtet.

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

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