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Kolumne : Fünf Dinge, die JETZT als Supermarktkassierer nerven

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Schutz vor Ansteckung: Eine Mitarbeiterin eines „Konsum“-Supermarktes desinfiziert in Leipzig die Henkel von Einkaufskörben. Bild: dpa

Im Januar hatte uns ein Supermarktkassierer zu Protokoll gegeben, was ihn in seinem Berufsalltag nervt. Jetzt berichtet er, was ihn in der Corona-Krise besonders stört: zum Beispiel die Heldenverehrung.

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          1. Die Bargeld-Zahlung

          Als Kassierer freuen wir uns grundsätzlich, wenn weniger mit Bargeld gezahlt wird, das ist einfach unhygienisch. Erfreulicherweise geht die Bargeldzahlung auch zurück, mittlerweile hält sich das bei 50/50 etwa die Waagschale. Im Moment denkt man sich aber bei jeder einzelnen Bargeldzahlung: Muss das wirklich sein? Es läuft regelmäßig eine Durchsage wegen Corona bei uns im Markt, da werden die Kunden gebeten, wenn möglich mit Karte zu bezahlen. Trotzdem folgt dieser Bitte nicht jeder. Wir haben jetzt Schalen an die Kassen gestellt und bitten die Kunden, das Geld da reinzulegen, so machen wir es auch mit dem Rückgeld. So können wir wenigstens den direkten Kontakt vermeiden.

          2. Finger lecken

          Eine Steigerung sind Kunden, die zuerst ihre Finger ablecken und dann die Scheine rausholen. Das fand ich schon immer eklig. Jetzt ist es mir aber unbegreiflich, wie man das immer noch machen kann – auch aus Sicht der Kunden. Die laufen einmal durch den Supermarkt, fassen alles an und stecken sich dann den Finger in den Mund. Und wir kriegen dann diesen abgeleckten Schein.

          3. Das Zunahekommen

          Wir haben im Laden, gerade in der Kassenzone, knallig gelbe Aufkleber auf dem Boden angebracht, auf denen wir die Kunden darauf hinweisen, Abstand zu halten. Das klappt ganz gut. Aber wenn die Kunden im Markt auf uns zukommen, weil sie eine Frage haben, kommen sie uns oft noch sehr nahe. Ich muss da häufiger mal ein, zwei Schritte zurückgehen, die Kunden merken das dann meistens und nehmen es mir auch nicht übel, wenn ich zurückweiche. Gestern hat sich einer bei mir sogar entschuldigt und gesagt: „Stimmt, Abstand halten!“ Es ist für uns alle eine ungewohnte Situation, wir müssen uns daran gewöhnen.

          4. Die Hamsterkäufe

          Es wurde schon viel darüber gesprochen, aber diese Hamsterkäufe nerven mich wirklich auf vielen Ebenen. Viele Märkte, und dazu gehört unserer auch, sehen in vielen Abteilungen absolut leer aus. Wir haben seit Tagen ein leeres Toilettenpapier-Regal, die Hefe ist komplett ausverkauft, und wir haben kein Mehl. Das gilt für alle Sorten, früher hat keiner das Dinkel-Mehl gekauft, selbst das ist jetzt weg. Wir kriegen zwar regelmäßig Ware nachgeliefert, aber die Kunden stürzen sich da wie die Tiere drauf. Wir haben jetzt angefangen zu rationieren, ein Kunde bekommt nur noch eine Packung Klopapier. Aber, dass es überhaupt soweit kommen muss!

          Besonders ärgerlich finde ich es, dass jüngere Leute oft einkaufen wie die Bekloppten – und die älteren, gebrechlicheren dann das Nachsehen haben. Wir versuchen, für die älteren Kunden etwas beiseite zu legen, aber gewährleisten können wir das nicht. Immerhin habe ich persönlich noch nicht einen Kunden erlebt, der wegen der leeren Regale aggressiv geworden ist. Da habe ich mit Schlimmerem gerechnet. Vor Corona waren Kunden oft genervt, wenn sie nach Produkten gefragt haben, die nicht da waren, dann habe ich auch genervt reagiert. Jetzt ist das Verständnis auf beiden Seiten viel größer.

          Es ist übrigens nicht so, dass wir wegen der Hamsterkäufe jetzt viel mehr Umsatz machen, im Gegenteil. Unser Markt liegt in einer Gegend mit vielen Geschäften, die jetzt alle geschlossen sind. Deswegen kommen auch zu uns weniger Leute. Hier ist abends tote Hose, ich hatte noch nie so einen langweiligen Job wie in den vergangenen Tagen.

          5. Die Heldenverehrung

          Es ist einerseits schön, dass Supermarktkassierer jetzt mehr Anerkennung bekommen. Aber das hat auch eine Kehrseite, finde ich. Es gibt viele andere wichtige Jobs. Warum sollen Supermarktkassierer jetzt Prämien bekommen, aber Pfleger nicht? Wenn überhaupt, sollte flächendeckend anerkannt werden, wer gerade alles einen wichtigen Job macht. Und diese Jobs sind eben nicht nur jetzt wichtig. Ich fände es schön, wenn wir nach Corona nicht wieder zum Status-quo zurückkehren. Wir erleben gerade viel mehr Solidarität von den Kunden, sie sind freundlicher und diese Art der Anerkennung könnte doch dauerhaft erhalten bleiben. Dazu brauche ich keine Systemrelevanz-Debatte und keine Heldenverehrung, sondern einfach nur den Respekt der Mitmenschen untereinander. Und ich bin erstaunt, dass das in der aktuellen Lage echt gut klappt. Vielleicht schaffen wir es als Gesellschaft, das langfristig zu etablieren.

          Protokolliert von Sebastian Eder.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort immer mittwochs die Kolumne „Der Moment“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ und die „Fünf Dinge“-Kolumne. In der „Fünf Dinge“-Kolumne geht es um eine Handvoll Punkte, die nerven: am Fitnessstudio, an der Büroküche, an einer aktuellen Debatte, an Weihnachten – oder an sonst irgendwas.

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