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Freizeitgestaltung mit HartzIV : Für Hartzer gibt es keinen Handke

  • -Aktualisiert am

Manfred Bartl kann sich die Fantasy-Bücher von Jennifer Benkau nicht leisten. Darum schenkte ihm die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse spontan das Hörbuch. Bild: Alexander Rupflin

Manfred Bartl ist arbeitslos, für seine monatliche Freizeitgestaltung bleiben ihm 40 Euro. Für eine „Peter Handke Bibliothek“ reicht das nicht. Von unserem Autor fühlte er sich deshalb provoziert. Also trafen sie sich auf der Buchmesse.

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          Das mit Manfred Bartl und mir ging los mit Handke und dem Nobelpreis, und erst mal war mir Bartl recht unsympathisch. Nach der Nachricht, Peter Handke und Olga Tokarczuk hätten den Literaturnobelpreis gewonnen, hatte ich auf Twitter gutgelaunt verkündet: „Wer nicht spätestens seit heute diesen formschönen Handke-Schuber in seinem Wohnzimmer stehen hat, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Darunter ein Foto der „Peter Handke Bibliothek“ – eine vom Suhrkamp Verlag veröffentlichte Gesamtausgabe. Ich fand’s witzig. Bartl nicht so. Er kommentierte: „Offenbar ein Offenbarungseid zur aus allem – auch aus der Literatur – ausschließenden Natur von Hartz IV.“ Er forderte, ich solle ihm den Schuber kaufen. Wir kannten uns nicht einmal.

          Bartl ließ nicht locker. Er schrieb mir eine Mail, wiederholte seine Forderung. Seltsamer Typ, dachte ich, aber ich war neugierig geworden. Weil in Frankfurt gerade Buchmesse-Zeit war, fragte ich ihn, ob er mich nicht begleiten wolle. Auf Kosten dieser Zeitung. Bartl willigte ein.

          Wer noch nie auf der Frankfurter Buchmesse war, kann sie sich so vorstellen: Man schießt mit einer alten Analogkamera ein Foto in einer der monströsen Massenbuchhandlungen und guckt sich das verschwommene Bild im Schein einer flackernden Neonröhre an. Dazu ein bisschen Bahnhofshallenkrach, fehlt nur eine Ansage wie: „Der EC 117 von Frankfurt nach Klagenfurt fällt heute leider aufgrund einer technischen Störung aus.“

          40,68 Euro für die monatliche Freizeitgestaltung

          Aber Bartl, das lese ich von seinem ernsten bärtigen Gesicht ab, ist absolut motiviert. Als wir uns am Messeeingang begrüßen, hängt an seiner Brust ein Schild: „Schwarzfahren aus Gerechtigkeit. Auf dem Weg zum FAS-Interview auf der FBM2019 aus Gründen ohne Fahrschein“. Er grinst, als ich es mustere.

          An der Kasse erfahren wir, dass Hartz-IV-Empfänger weniger zahlen müssen. 15 statt 22 Euro. Ich finde das fair. Bartl lächerlich. Es ist nämlich so: Für seine gesamte Freizeitgestaltung hat er 40,68 Euro im Monat. Dafür könnte er Mitglied in einem Verein werden oder sich zwei Bücher kaufen. Dann war es das mit dem „Regelbedarf für Freizeit, Unterhaltung, Kultur“ aber auch für den Monat. Bartl sagt mir, für so ein Buchmesse-Ticket müsse er normalerweise Monate sparen.

          Wir betreten die Messe. Bartls Schultern hängen tief, wie sie das bei Bartl immer tun, obwohl er erst 49 ist, und dann gehen wir im Strom der Tausenden Besucher unter.

          Bartl holt einen Zettel aus der Gesäßtasche, er ist vorbereitet. Punkt eins: Meet and Greet mit Jennifer Benkau, Autorin von „One True Queen“. Die Frau habe er mal auf einer kostenlosen Lesung kennengelernt.

          Um uns herum wuselt eine Schar Mädchen zwischen 14 und 16. Manche in Cosplay-Aufzügen aus phantastischen Latex- und Neoprenmischungen. Eins der Mädchen sieht aus wie Biene Maja mit nur einem Fühler. Eine andere wie ein trauriger Engel. Bartl überragt sie alle um einen halben Meter. Er hält Ausschau nach der Schriftstellerin. Ich nutze den Moment: „Wie sind Sie eigentlich Hartz-IV-Empfänger geworden?“

          Nach Promotionsversuch wurde der Lebensweg uneben

          Bartl erzählt, er habe Chemie studiert und abgeschlossen. Aber seit seinem Promotionsversuch wurde sein Lebensweg zunehmend uneben. Ewig habe er an seinem Thema gearbeitet, bis er nach vier Jahren aufgab. Über einen Bekannten fand er einen Job als Chat-Manager bei Lycos. Es war das Jahr 2000 und dieser Chat so etwas wie Whatsapp, bevor es Whatsapp gab. Leute tauschten sich online über alles Mögliche aus.

          Mitarbeiter wie Bartl moderierten das Ganze. Dann kündigte Lycos dreihundert Angestellten, darunter Bartl. Bald fand er einen neuen Job. Wenn auch nur befristet. Für die Caritas-Stiftung sollte er eine barrierefreie Datenbank für Menschen mit Beeinträchtigung programmieren. Aber seine IT-Kenntnisse reichten nicht aus. Als er nach drei Jahren die Datenbank präsentieren sollte, funktionierte nichts.

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