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Freizeitgestaltung mit HartzIV : Für Hartzer gibt es keinen Handke

  • -Aktualisiert am

„Ich glaube, jetzt sollten wir mal über meinen Tweet sprechen“, sage ich und mache mich auf was gefasst.

„Ich habe ja vorhin schon gesagt, dass ich das geistlos fand. Ich habe dieselbe Haltung wie Sie: Ich hätte diesen Schuber gerne. Aber ich kann nicht auf ihn zugreifen, und das geht nicht nur mir so.“

„Was heißt zugreifen? Bücher müssen doch was kosten.“

„Das ist Aufgabe von Verlagen, Geschäftsmodelle zu finden. Zum Beispiel eine Kulturflatrate. Verlage machen die Welt nicht besser, wenn sie Informationen vorenthalten und . . .“

Und dann geht es los. Wo ich mit Bartl nur ein bisschen diskutieren will über Handke und Hartz IV, haut der mir plötzlich eine sozialistische Kampfrede um die Ohren. „Bedürfniserfüllungsökonomie“, „gesellschaftlicher Konsens“, „Klassen“, „Vier-in-einem-Perspektive nach Frigga Haug“, „Gesellschaftspolitische Engagementebene“, „lupenreine Massenarbeitslosigkeit“.

„Hätte Handke seine Bücher umsonst hier hinstellen sollen!?“, rufe ich einigermaßen verzweifelt dazwischen.

„Nein, Handke, das ist ja eine eigene Welt. Über die brauchen wir uns jetzt nicht unterhalten“, erwidert er.

Um wieder Boden unter die Füße zu kriegen, schlage ich Bartl vor, die Dame an der Suhrkamp-Kasse zu fragen, ob sie uns ein paar Bücher schenkt. Bartl ist gleich dabei. Die Frau an der Kasse weniger. Wir ziehen weiter. Bartl will zu einer Science-Fiction-Lesung. Auf dem Weg lernen wir noch einen Verleger kennen, der uns versichert, dass man in der Kulturbranche auch mit Armut kämpfe. Glauben Bartl und ich sofort.

Armut macht einsam

Nach der Lesung haben wir Hunger. Zum Glück gibt es auf der Buchmesse diese hervorragenden Show-Cooking-Stände. Da ist Stimmung! Die Massen drängen sich. Ein Küchenhersteller präsentiert seine Backöfen, „Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und Bewegung“ zeigt schnelle Gerichte für die ganze Familie und ein Lebensmittelhersteller seine Fertigkost. Man muss sich nur oft genug anstellen, dann wird man auch von Probierportionen satt.

Während wir auf eine orientalische Gemüsepfanne warten, erzählt Bartl, er benutze seine Küche gar nicht mehr. Da stünden jetzt Bücher drin. Warme Mahlzeiten könne er sich eh nicht leisten, dafür gehe er zu günstigen Gemeindeessen. Das verschaffe ihm Sozialkontakte. Armut mache nämlich einsam. Und Einsamkeit, das ist die schlimmste Armut.

Ob er denn noch Arbeit sucht? Nein, nicht aktiv, das würde er psychisch gar nicht überstehen, die Absagen, die Ablehnungen, dieses Gefühl, man habe für ihn keine Verwendung. Er habe mal versucht, Postbote zu werden, aber die Post wollte ihn nicht, er sei überqualifiziert für die Post. Drohe ihm das Jobcenter inzwischen nicht mit Sanktionen? „Bei der nächsten Sanktion gibt’s Revolution“, sagt Bartl und guckt kampfbereit. Bartl bezeichnet sich selbst als Berg, an dem man nicht vorbeikommt. Und trotz seiner hängenden Schultern sehe ich den Berg jetzt vor mir. Voller Eigensinn, voller Stolz.

Über Würde wird zu selten geredet

Die letzte Station war meine Idee: Auf der ARD-Bühne präsentiert der Journalist Michael Steinbrecher sein Buch „Kampf um Würde“. Bartl gleich: „O Gott, ausgerechnet der Steinbrecher.“ Wir ziehen es trotzdem durch.

Armut, das sei ja ein Thema, das uns allen auf den Nägeln brennt, sagt Steinbrecher im Rampenlicht zur Moderatorin. Armut grenze aus, Armut gefährde die Würde. Bartl lauscht, legt die Stirn in Falten. Etwas stört ihn. Steinbrecher sagt: Über die Würde werde zu selten geredet. Bartl schüttelt den Kopf. „Und wenn man über sie redet, dann nicht mit denen, die es betrifft. Und diesen Menschen sollten wir zuhören.“ Bartl schnauft. „Und genau denen möchte ich in diesem Buch eine Stimme geben.“

Und da ruft Bartl: „Ich bin hier.“ Das ruft er. „Ich bin hier.“ Aber es hört ihn niemand. Denn sein Rufen geht in unserem Applaus unter.

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