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Freizeitgestaltung mit HartzIV : Für Hartzer gibt es keinen Handke

  • -Aktualisiert am

Als Nächstes habe er sich als Lektor für einen Wissenschaftsverlag versucht. „Ich war Lektor.“ So sagt er das immer. Aber das stimmt nur halb. Seine damalige Verlobte war angestellte Lektorin, und Bartl unterstützte seine Partnerin zu Hause bei deren Arbeit. 2006 war die Beziehung zu Ende. Seit 2007 lebt Bartl von Hartz IV.

Eine Frau, offenbar Jugendbuchautorin, reckt ihr Smartphone in die Luft und ruft in die Menge: „Storyyyytime!“

Die Mädchen um sie herum jubeln und winken der Handykamera zu. Da entdeckt Bartl Jennifer Benkau. Wir bahnen uns den Weg durch die Menge, und als wir endlich bei der Autorin ankommen, bleibt Bartl einfach neben ihr stehen. Er hat kein Buch zum Signieren. Ein Mädchen nach dem anderen drängt sich an uns vorbei. Die Autorin mustert Bartl aus dem Augenwinkel. Ich frage ihn, ob er nicht einfach ein Stück Papier für die Unterschrift nehmen wolle, das könne er sich ja später ins Buch hineinlegen. Bartl fischt einen alten Zettel aus seiner braunen Umhängetasche.

Selfies werden geschossen, warme Worte gewechselt, Widmungen geschrieben – langsam, ganz langsam löst sich die Schlange vor der Autorin auf. Jetzt aber!

„Erinnerst du dich an mich?“, fragt Bartl die Frau.

„Äh . . .“

„Von der Lesung in Mainz.“

„Ach genau! Du hast uns den Weg zum Bahnhof erklärt.“

Bartl nickt.

„Und ich hab mich grad schon gefragt, wer der Typ neben mir ist“, sagt sie und lacht auf. „Ob ich den kennen sollte. Ob der vom Verlag ist oder so.“

Kulturelle Teilhabe auch ohne Job

Bartl fragt, ob sie ihm diesen Zettel signiere, er habe nämlich kein Buch. „Ich lebe von Hartz IV.“ Die Autorin überlegt kurz, sagt, sie habe „One True Queen“ jetzt selbst nicht, alles ausverkauft. Betretenes Schweigen. Dann die Eingebung. Aus ihrem Koffer, aus dem allerlei Autogrammkarten quillen, holt sie das Hörbuch hervor. Sie schenkt ihm die CD und er ihr ein verlegenes Lächeln.

Der Schriftsteller Paul Auster hat mal geschrieben, der wahre Sinn der Kunst liege nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. „Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz zu finden.“ Das klingt groß, das heißt: Es geht ums Ganze, um die Würde. Der Mensch ist ohne Leben im Kulturraum nichts. Darum ist es Aufgabe des Staates, den Bürgern zu ermöglichen, dass sie in ihrem Kulturraum lesen, staunen, tanzen können. Auch ohne Job. Behörden sagen dazu kulturelle Teilhabe. Von dieser kulturellen Teilhabe spüre er nicht viel, sagt Bartl auf unserem Weg zum zweiten Programmpunkt. Mit Hartz IV nehme man im reichen Deutschland überhaupt nur sehr begrenzt irgendwo teil.

Wir stehen auf der Rolltreppe, die von Halle 3.1 hochfährt, wir wollen zum Suhrkamp-Stand. Den Schuber bewundern. Ich frage Bartl, warum er die Bücher dieser Fantasy-Autorin so gut findet. „Ich bin ein Kind“, antwortet er. „Ich fühle mich heute so einsam wie mit 15, als ich mir eine Freundin wünschte und keine fand.“ Bevor ich etwas erwidern kann, ist die Rolltreppe zu Ende, wir gehen nebeneinanderher. Und ich denke, der Mensch will spielen, frei will er sich fühlen, sich selbstbestimmt durchs Leben bewegen. Sein eigener Held sein. Lieben. Kein Problem: Kann sich hier ja jeder ausleben – nur darf man nicht arm sein.

Luxus ist kein exklusives Gut

Am Suhrkamp-Stand steht der Schuber gleich zweimal. Einmal mit Preisliste. Kostenpunkt: 355 Euro. Für Texte, die zum Teil vor Jahrzehnten erschienen sind. Der Schuber steht längst in meiner Wohnung. Luxus ist wohl, wenn man sich der Unvernunft bewusst ist, doch das pure Besitzen einem ein Lebensgefühl schenkt. Darum ist Luxus kein exklusives Gut, sondern ein subjektives, und hat zu Unrecht einen so schlechten Ruf. Immer wieder kommen Leute an den Stand und fotografieren sich unter dem Porträt des Nobelpreisträgers, Tüten voller Bücher in den Händen.

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