https://www.faz.net/-hrx-9smri

Foto-Agentur Getty denkt um : „596 Prozent mehr lustige Senioren“

Kein Einheitsstil bei Kleidung, keine Einheitsfrisuren, kein einheitliches Körpergefühl: Wie Getty ältere Menschen zeigen möchte. Bild: Getty

Die Fotoagentur Getty will an der Darstellung des Alters arbeiten. Können Bilder von älteren Frauen beim Yoga statt im Altersheim und nackte Brüste anstelle von Kleidern in Beige die Wahrnehmung auf Dauer verändern?

          3 Min.

          Rebecca Swift, Sie leiten bei der Foto-Agentur Getty Images das Kreative. Wenn ich jetzt einen Text über ältere Menschen schreiben würde und auf der Suche nach einem Bild wäre: Welches würde ich Ihrer Erfahrung nach wohl am ehesten auswählen?

          Wenn Sie so vorgehen wie die Mehrheit unserer Kunden, dann würden Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr für das Bild des älteren Ehepaars am Strand entscheiden, das gedankenversunken Richtung Wasser schaut, als würde es dabei über das eigene Lebensende nachdenken.

          Sondern?

          Irgendetwas, das aktiver ist. Unser Bestseller in der Kategorie ältere Menschen war im vergangenen Jahr ein Bild von fünf Frauen im Seniorenalter beim Yoga. Wenn man an ältere Menschen beim Yoga denkt, dann hat man meistens den Guru vor Augen, der unglaublich beweglich ist und sein ganzes Leben dem Körper gewidmet hat. Eher nicht die Gruppe Frauen, wie wir sie hier sehen. Das Bild wurde in Deutschland aufgenommen, aber hat sich weltweit außergewöhnlich gut verkauft. Die Fotografin war ebenfalls im gleichen Alter, und ich denke, das ist ein entscheidender Punkt dafür, dass es erfolgreich ist.

          Aktiv, nicht passiv: Frauen beim Yoga.

          Das Bild, das wir hier zeigen, ist vollkommen ironiefrei.

          Ja, und das ist wichtig. Wir alle kennen die Bilder von Großmüttern beim Bungeejumping, von älteren Herrschaften beim Surfen, aber diese Art von Komik ist offenbar immer weniger gefragt. Hier handelt es sich um eine Gruppe Freundinnen, die zusammen Spaß haben.

          Was sagt uns der Erfolg Ihres Bildes somit über die gesellschaftliche Wahrnehmung des Alters?

          Es spiegelt wider, wie diese Altersgruppe lebt. Dass sie gut drauf ist und Freundschaften pflegt. All das steht im großen Gegensatz zu einer Recherche über die Darstellung älterer Menschen, die wir vor einer Weile durchgeführt hatten, bevor wir uns entschlossen haben, mit mehr Bildern gegen die Altersstereotype vorzugehen. Wir hatten uns damals ganz verschiedene Bilder im Netz angeschaut, über viele Branchenzweige hinweg, aber das Ergebnis war trotzdem einleuchtend: Ältere Menschen wurden so dargestellt, als wären sie eher nicht glücklich, eher nicht als Teil von größeren Gruppen und eher nicht aktiv. Das war für mich Grund genug, eine Sammlung aufzubauen, die all dem entgegenwirkt, indem sie die Attribute, die wir für gewöhnlich mit jungen Menschen verbinden, auf ältere transportiert. Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Dynamik. Das ändert sich ja nicht mit dem Alter, aber aus irgendeinem Grund ändert sich die Darstellung.

          Nun sind ältere Menschen aber schon häufiger betroffen von Einsamkeit und nachlassender Lebenskraft.

          Aber nicht alle sitzen, statt etwas zu tun. Nicht alle tragen hautfarbene Kleider und graue Haare. Das sind schon Altersstereotype, und man muss aufpassen, dass man sie nicht immer wieder bedient. Und ein Unternehmen wie unseres trägt meiner Meinung nach Verantwortung daran, andere Perspektiven des Alterns aufzuzeigen. Man vergisst schnell, wie vielfältig die Gruppe ist, über die wir hier sprechen. Es ist nicht die eine demographische 60-plus-Gruppe. Es gibt Menschen im Ruhestand, die Urenkel haben, und Menschen im Ruhestand, die eigene Kinder in der Grundschule haben. Das ist etwa das Spektrum, über das wir sprechen. Immer mehr Menschen werden an die hundert. Es geht also letztlich um eine Zeit von vierzig Jahren, und keine andere Gruppe fassen wir so leichtfertig in einer Kategorie zusammen.

          Ein Zeitraum von 40 Jahren: Keine andere Gruppe wird so leichtfertig zusammengefasst wie Menschen im Alter von 60 aufwärts.

          Man pauschalisiert also schnell, und nur die wenigsten Frauen werden sich dann mit einer anderen Frau mit weißen Haaren identifizieren können, die graue Kleider trägt, ein paar Stirnfalten hat, im Arm den Mann und im Hintergrund ein blauer Himmel?

          Ja, wir denken, dass es für die Wahrnehmung wichtig ist, dass es beispielsweise auch Bilder von schwulen älteren Paaren gibt. Oder von Transsexuellen. Dass wir die verschiedenen Lebenswege, die wir bei jüngeren Menschen längst für selbstverständlich halten und abbilden, so auch auf ältere transportieren.

          Wie schaut es mit dem Äußeren der Porträtierten aus? Haben Sie bei der Bildauswahl auch auf besondere Kriterien geachtet?

          Hier war uns Vielfalt ebenfalls wichtig. Ältere Menschen hören nicht einfach auf, Kleider in knalligen Farben zu tragen, also sollten die Bilder das repräsentieren. Es gibt nicht auf einmal den Einheitsstil bei Kleidung und keine Einheitsfrisuren. Auch Körpergefühl ist ein wichtiger Punkt.

          Soll das Betrachtern in dieser Altersgruppe helfen, sich weniger unsichtbar zu fühlen?

          In den Vereinigten Staaten kam der Seniorenverband American Association of Retired Persons (AARP) in einer Studie zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent der über 50-Jährigen der Meinung seien, Vermarkter würden ihren Lebensstil in Stereotype betrachten, und wiederum knapp zwei Drittel dieser Altersgruppe seien bereit, bei bestimmten Produkten die Marke zu wechseln, wenn sie sich von einer anderen besser verstanden fühlten.

          Klingt nach einer bislang verpassten Chance für die Industrie. Aber ein bisschen was scheint sich ja schon getan zu haben, wenn das Bild des Paares am Strand, das symbolisch mit dem Blick aufs Meer Richtung Lebensabend schaut, immer seltener verwendet wird.

          Die Stichwörter, mit denen unsere Kunden nach Bildern suchen, sind da aufschlussreich. „Senioren lustig“ stieg zum Beispiel in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten um 596 Prozent. „Glückliche Senioren“ sogar um 4700 Prozent.

          Ist das ein deutsches Phänomen?

          Nein, global gesehen ist noch ein anderes Stichwort interessant. Für „Senioren, die in einer Gruppe Spaß haben“ verzeichneten wir im selben Zeitraum einen Anstieg der Suchanfragen von 5816 Prozent. Das zeigt meiner Meinung nach das zunehmende Feingefühl für das Thema. Man sieht daran, dass es nicht mehr nur um die fitten Senioren geht, die man abbilden möchte. Es geht auch um emotionale Stabilität. Um Gesellschaft, die man um sich hat, um Spaß und Freundschaften.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.
          Für Normalverdiener entfällt der Posten Solidaritätszuschlag künftig auf dem Steuerbescheid.

          Für 90 Prozent der Zahler : Der Soli wird zum Teil abgeschafft

          Ab 2021 entfällt der Solidaritätszuschlag – zumindest für diejenigen, die nicht mehr als 73.874 Euro brutto im Jahr verdienen. Doch auch wer mehr verdient, kann von der so genannten Milderungszone profitieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.