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Folgen der vielen Nutzung : Wächst uns allen bald ein Smartphone-Stachel?

  • -Aktualisiert am

Kopf gebeugt, Augen auf den Bildschirm: So sitzen weltweit mittlerweile Millionen Menschen tagtäglich in der Öffentlichkeit. Bild: Picture-Alliance

Im Laufe des Lebens passen sich unsere Knochen an verschiedene Umweltbedingungen an. So findet sich bei Teenagern immer häufiger eine Schwellung am Hinterkopf. Wissenschaftler haben eine Vermutung, was die Ursache sein könnte.

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          Knochen sind eigentlich das perfekte Material: doppelt so hart wie Granit, leichter als Stahl und elastisch wie Eichenholz. Ein Gerüst aus über 200 dieser Wunderwerke stabilisiert unseren Körper und ermöglicht komplexe Bewegungen. Das Skelett galt lange als unveränderbar, sein Wuchs von unserer DNA vorgeprägt. Heute weiß man, dass sich die Knochen im Laufe des Lebens durchaus an verschiedene Umweltbedingungen anpassen können.

          Dass uns aber ausgerechnet ein „Smartphone-Stachel“ am Hinterkopf wachsen soll, überrascht dann doch. Zu diesem Ergebnis aber kommt eine Studie zweier australischer Wissenschaftler der University of the Sunshine Coast, die in der Fachzeitschrift „Nature“ erschien und für Aufregung sorgte.

          Gesteigerte Belastung

          David Shahar und Mark G. L. Sayers untersuchten die Röntgenbilder von 1200 Personen und stellten bei 40 Prozent der 18- bis 30-Jährigen eine signifikante Schwellung am Hinterhauptbein fest. Tatsächlich kann man auf den Bildern eine Art „Stachel“ erkennen. Fährt man mit den Fingerspitzen über die Mitte des Nackens nach oben, kann man das Ausmaß der eigenen „Protuberanz“ erspüren. Ein solcher „Stachel“ war als altersbedingte Fehlentwicklung bekannt. Die Häufigkeit der Anomalie bei den australischen Millennials sorgte für Aufsehen. Shahar führt sie auf die gestiegene Nutzung von Tablets und Smartphones zurück, wie er etwa gegenüber der BBC bekräftigte. Die gebeugte Haltung über die Bildschirme führe zu einer gesteigerten Belastung unserer Nackenmuskulatur. Um diese auszugleichen, reagiere der Körper, indem er neue Knochenschichten ausbilde.

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          Auch andere Tätigkeiten belasten den Nacken dauerhaft, man muss sich nur über ein Buch beugen. Doch in der Dauer der Belastung könnte ein relevanter Unterschied liegen: Auf Smartphones und Tablets schauen wir durchschnittlich rund vier Stunden am Tag. Beim Hinabbeugen muss die Nackenmuskulatur einen großen Teil des Gewichts des Kopfes tragen, der mit durchschnittlich sechs Kilogramm so viel wiegt wie eine handelsübliche Wassermelone.

          Eindeutige Belege für Shahars Smartphone-Theorie lassen sich aus der Studie selbst nicht ableiten, da keine Daten über die Smartphone-Nutzung der Testpersonen ausgewertet wurden. Diverse Wissenschaftler äußerten sich kritisch. David J. Langer, Chefarzt der Neurochirurgie des Lenox Hill Hospital in New York, sagte der „New York Times“, er habe in seinen eigenen Untersuchungen noch nicht besonders viele Hinterhauptbein-Protuberanzen entdeckt. Noch ablehnender äußerte sich der Paläoanthropologe John Hawks, der die Einheitlichkeit der Messung und damit die Validität der Studie selbst anzweifelte.

          Das letzte Mal änderte sich unser Skelett dauerhaft, als aus Jäger- und-Sammler-Gemeinschaften agrikulturell geprägte Gesellschaften wurden. Die britische Anthropologin Noreen von Cramon-Taubadel stellte in einer Studie über Schädel aus frühen Populationen Unterschiede der Kiefer fest, die nicht auf genetische Ursachen zurückgeführt werden konnten. Die dauerhafte Verkleinerung des Kiefers bei agrikulturellen Gesellschaften führte sie auf die geringere Belastung bei der Nahrungsaufnahme zurück. Die Bauern hätten weniger intensiv kauen müssen als die Jägerinnen und Sammler. Die Kieferverkleinerung führte zu einer höheren Anfälligkeit für Kiefer- und Zahnfehlstellungen (die wir bis heute ausbaden müssen), andererseits soll sie uns die Artikulation von F- und V-Lauten ermöglicht haben.

          Wer permanent gebeugt aufs Handy starrt, belastet den Nacken stark. Was das für Auswirkungen hat, ist umstritten.

          Ob die Digitalisierung einen ähnlich gravierenden Einschnitt darstellt, ist nicht ausgemacht. Moderne arbeitsteilige Gesellschaften differenzieren sich eher in verschiedene Subsysteme aus, die recht unterschiedliche Anforderungen an den Körper mit sich bringen. Falls Shahar und Sayers mit ihrer Hypothese aber trotz allem recht haben sollten, dann könnte einigen „digital natives“ unter uns in den nächsten Jahrzehnten wohl immer öfter ein kleiner „Stachel“ am Hinterkopf wachsen. Ob dieser wenigstens irgendwelche Vorteile bringt, ist leider ungewiss.

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