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Ruhe, Weisheit, Gelassenheit: Was lässt sich nicht alles im Gesicht einer älteren Frau ablesen. Bild: plainpicture/Millennium/Kelvin H

Im Leben das Leben sehen : Ein Plädoyer für Falten

  • -Aktualisiert am

Faltige Haut wird noch immer nicht gern gesehen. Was für ein Quatsch! Wer zeigt uns, was das Leben alles zu bieten hat? Am ehesten jene Menschen, die schon eine Weile auf der Welt sind.

          4 Min.

          Im Pilateskurs ertappte ich mich dabei, wie ich einen Blick auf die älteren Frauen warf. Sie waren fit und fröhlich. Eine hatte ihre Lippen rot geschminkt. Dazu trug sie einen schwarzen Haarreif aus Samt und dicke goldene Kreolen. Eine andere Frau hatte kurze graue Haare und leicht gebräunte Haut. Jüngere Teilnehmerinnen sind bei diesem Kurs eher in der Minderheit, vermutlich, weil er oft vormittags unter der Woche stattfindet.

          Ich bewundere diese älteren Frauen, ihre Ausstrahlung, ihre Falten, die Ausdruck ihrer Lebenserfahrungen sind. Ich dachte an meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, die in den siebziger Jahren mit meinem Großvater als Gastarbeiterin nach Deutschland eingewandert war und die nach dem Tod meines Großvaters mehr als 30 Jahre lang alleine lebte. Wenn ich bei ihr übernachtete, schaute ich ihr als Jugendliche gerne beim Anziehen zu. Ich sah ihre faltige, aber schöne und weiche Haut, ihre Fettpölsterchen, die sich um sie schmiegten und ihr Schutz vor den Herausforderungen des Lebens gaben.

          Manchmal spielte meine Kusine mit der Haut auf Omas Hand und zeigte mir, was passiert, wenn man sie mit den Fingern nach oben zieht. Wie langsam sie wieder zurückging! Die Elastizität hatte nachgelassen. Meine Oma ließ es mit sich machen. Wir wussten, irgendwann würden wir auch so alt sein. Und wir schätzten es umso mehr, jung zu sein. Damals entdeckte ich im Wandschrank neben den Handtüchern die Anti-Aging-Creme meiner Oma, die sie mit Ende 70 noch benutzte.

          Wie viele kleine Erinnerungen

          Ich erinnerte mich auch an die weiche, weiße Haut meiner Großmutter mütterlicherseits, deren Rücken ich schrubben durfte, wenn sie uns in Deutschland besuchte oder wir sie in ihrem ostanatolischen Dorf. Ihre Arme und Beine waren makellos. In ihrem Gesicht waren viele kleine tiefe Falten. Eine Erinnerung an den Verlust ihres ersten Ehemanns, zu dem sie geflüchtet war, als man sie mit 13 Jahren an einen älteren Mann hatte zwangsverheiraten wollen. Er fiel im Krieg in Russland. Auf ihrer alternden Haut ließen sich vielleicht auch Spuren der Zwangsumsiedlung in Richtung Westen ablesen, während der Aufstände in Dersim 1938. Meine Großeltern sollten sich dort assimilieren, ihre alevitisch-zazaische Herkunft vergessen, zu staatstreuen Bürgern werden. Lange blieben sie nicht in der Westtürkei. Sie verkauften das kostbare Land und gingen zurück nach Ostanatolien - aus Sehnsucht nach ihren Wurzeln.

          Wie gerne würde ich wissen, welche Erfahrungen die Frauen in meinem Pilateskurs gemacht haben. Woher ihre Falten kommen, was sie in ihrem Leben geprägt hat. Welche Schicksalsschläge sie erlitten haben, welche Freuden sie feiern durften. Natürlich kann ich sie das nicht fragen. Es sind fremde Frauen in einem Fitnesskurs.

          Aber wieso gibt es so wenige Darstellungen von Frauen mit dieser alten und schönen Haut? Wieso sehen wir allenfalls ihre Gesichter, nicht aber ihre Körper? Wieso erfahren wir so wenig davon, was sie erlebt haben? Ich sehe alte Frauen, wenn sie als Zeitzeuginnen vom Zweiten Weltkrieg berichten. Das ist wichtig. Aber ich würde gerne mehr über ihre Falten, ihre Lebenserfahrungen wissen.

          Aktiv im Alter

          Geprägt durch meine türkische Kultur, ist der Respekt vor älteren Menschen für mich sehr wichtig. Ich sehe auch junge Deutschtürken, wie sie im Bus oder in der U-Bahn älteren Frauen ihren Platz anbieten. Diese Frauen sind nicht nur froh über den Sitzplatz im vollem Bus, sondern auch dankbar für die Wertschätzung.

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