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Vor Corona : Der Vater des Bodybuildings

Eugen Sandow Bild: INTERFOTO

Die Männer kamen in Scharen in seine Fitnessstudios, sein Erfolg war immens. Eugen Sandow galt als der stärkste Mann der Welt – und war perfekt gebaut. Ein Porträt aus dem Jahr 2017.

          7 Min.

          Sir Arthur Conan Doyle zählte zu seinen größten Fans. Und das nicht erst nach jenem Wintertag im Jahr 1904, als der Sherlock-Holmes-Erfinder nach einem Unfall unter seinem Wagen eingeklemmt worden war. Es dauerte eine Weile, bis genügend Helfer beisammen waren, um das Vehikel anzuheben, das sich überschlagen hatte, und Doyle zu befreien. Wie er später in seiner Autobiographie schrieb, können wohl nur wenige Menschen von sich behaupten, "dass sie eine Tonne Gewicht ausgehalten haben, ohne danach gelähmt zu sein". Seine körperliche Unversehrtheit habe er dabei vor allem einem Mann zu verdanken: Eugen Sandow. Mit ihm trainierte der damals 45 Jahre alte Doyle regelmäßig. Dadurch sei die Muskulatur seines Körpers so gekräftigt gewesen, dass sie dem Gewicht des Automobils standhielt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In Sandows Institut für Körperkultur an der St.James's Street in London ertüchtigten sich damals Hunderte auch prominente Kunden. Sandow hatte das erste Fitnessstudio der Welt im Sommer 1897 gegründet. In Anzeigenkampagnen versprach er Männern, die seinem Training folgten, einen nicht unbeträchtlichen Muskelzuwachs: innerhalb von nur drei Monaten acht Zentimeter mehr Brustumfang, fünf Zentimeter dickere Oberarme, vier Zentimeter dickere Waden.

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          Die Männer kamen in Scharen oder folgten seinen Anweisungen in einem seiner anderen Studios, die er nach und nach im Königreich eröffnete. Wenn ihnen das Geld fehlte, trainierten sie nach Sandows Vorgaben einfach zu Hause. Dafür verschickte er per Post Newsletter an Tausende Abonnenten und gab eigene Zeitschriften heraus. Sein Erfolg war immens, galt er doch nicht nur als der stärkste Mann der Welt, sondern auch als der perfekt gebaute. Im Jahr 1897, gerade 30 Jahre alt, soll er bei einer Größe von knapp 1,80 Meter und einem Gewicht von 95 Kilogramm einen Brustumfang von 157,5 Zentimetern (angespannt!) gehabt haben, eine Taille von 73,5, einen Bizeps von 49,5 und Oberschenkel von 68,6 Zentimeter Umfang. Damit unterschied sich der Preuße von den grobschlächtigen und unförmigen Muskelprotzen, die über Jahrmärkte tingelten und in Zirkussen auftraten. Der wohlgestaltete Sandow galt als Gentleman – und als „Vater des Bodybuildings".

          Nur mit Schnurrbart und Feigenblatt bekleidet

          Sandow ging es nicht nur um Kraft, sondern um Muskelaufbau. Er revolutionierte das Training entscheidend, wie Arnold Schwarzenegger (1,88 Meter, 106 Kilogramm, Brust 145, Taille 86, Bizeps 56, Oberschenkel 72 Zentimeter, ebenfalls mit 30 Jahren) anerkennend feststellte: Vor Sandow habe niemand eine Übung mehr als zwei Mal wiederholt, beschrieb der mehrfache Mr. Olympia und Mr. Universum Sandows Verdienste um seinen Sport. Im 19. Jahrhundert habe man geglaubt, Kraft bekomme man durch größtmögliches Gewicht. Dieses stemmte man einmal in die Höhe, um dann auszuruhen, bis man bei Kräften war, um es wieder in die Höhe zu stemmen. Sandow hingegen sei der Erste gewesen, der 50 Mal eine Übung wiederholte – mit leichterem Gewicht. Diese Trainingsmethode macht ihn zu einem Idol unter Bodybuildern, die den Mann, der sonst fast vergessen ist, gut kennen: Jeder Mr. Olympia bekommt seit 1977 als Trophäe eine Figur überreicht, die Sandow darstellt. Die Statue zeigt ihn, nur mit Schnurrbart und Feigenblatt bekleidet, wie er eine Hantel hält.

          Als Kind ein Schwächling?

          Bis zum gefeierten Adonis war es ein weiter Weg. Auch Eugen Sandow, der am 2. April 1867 als Friedrich Wilhelm Müller in Königsberg in Preußen geboren wurde, begann seine Karriere in einem Wanderzirkus. Nach eigenen Angaben war sein Vater ein wohlhabender Kaufmann, der auch als Offizier in der preußischen Armee tapfer gedient hatte. Die Mutter sei russischer Abstammung gewesen, ihren Mädchennamen Sandov will er eingedeutscht und später für sich übernommen haben. Das klingt stimmig, stimmt aber nicht. Der kleine Friedrich entstammte der unehelichen Liaison einer gewissen Wilhelmina Elisabeth Kresand, die 1876 starb. Seiner Herkunft schämte er sich zeitlebens, so dass er sich eine neue Biographie und einen vielsagenden Namen zulegte: Eugen kommt aus dem Griechischen und bedeutet „der Wohlgeborene", Sandow scheint eine Anleihe aus dem Geburtsnamen Kresand der Mutter zu sein.

          Der erste Bodybuilder der Welt: Lockiges Haar, Schnauzer und gestärkte Muskeln
          Der erste Bodybuilder der Welt: Lockiges Haar, Schnauzer und gestärkte Muskeln : Bild: mauritius images

          Ob er als Kind ein Schwächling war, der sich nur seiner Haut erwehren wollte, bleibt ebenso umstritten wie die von ihm verbreitete Geschichte, er habe in Göttingen und Brüssel unter anderem Anatomie studiert. Damit wollte er wohl dem weit verbreiteten Vorurteil entgegenwirken, einer wie er habe es nur in den Armen, nicht aber im Kopf. Dass er sich schon als Kind für Sport begeisterte und als Jugendlicher viel in der örtlichen Turnhalle trainierte, darf als Tatsache angesehen werden. Ob er aber wirklich erst auf einer Italienreise beim Anblick der antiken Heldenstatuen im Alter von 15 Jahren seine Begeisterung für die Körperkulturistik entdeckte, lässt sich nicht belegen.

          680 Kilogramm auf den Brustkorb gelegt

          Mit 18 lief Friedrich von zu Hause weg und begann als Kraftprotz für einen Zirkus zu arbeiten. Auch als Ringer und Modell für Künstler in Belgien, Holland, Frankreich und Italien betätigte er sich – unter anderem ist er unschwer als Kämpfer in der überlebensgroßen Marmorgruppe „Le Combat du Centaure“ (Kampf der Kentauren) von Gustave Crauk vor dem Rathaus des sechsten Pariser Arrondissements zu erkennen. Am Lido in Venedig entdeckte Edmund Aubrey Hunt den Einundzwanzigjährigen zufällig im Jahr 1888 beim Baden. Der amerikanische Künstler war begeistert von dem jungen Mann und malte ihn als Gladiator; das Gemälde hing später in Sandows Esszimmer. Hunt riet ihm, sein Glück in London zu versuchen. Dort gab es bereits einen „stärksten Mann der Welt“: Charles A. Sampson aus dem Elsass, der mit Franz Bienkowski auftrat, bekannt als „Zyklop“, einem stiernackigen Neunzehnjährigen aus Hamburg.

          Sampson war stets auf der Suche nach neuen Rivalen, die ihn im Royal Aquarium in Westminster herausforderten. Sandow tat ihm den Gefallen und besiegte zuerst „Cyclops„, was ihm 100 Pfund einbrachte, danach Sampson, wofür er sogar 500 Pfund bekam. Schon 100 Pfund waren ein Vielfaches dessen, was ein einfacher Arbeiter damals im Jahr verdiente.

          Sandows erster Auftritt war legendär: Er erschien in Anzug und mit Monokel auf der Bühne. So einen bourgeoisen Muskelprotz hatte das Publikum noch nie gesehen. Erst als er sich entkleidet hatte und anfing, die Hanteln in die Höhe zu stemmen, sei das Gelächter verstummt. Noch am selben Abend bekam er einen Vertrag für eine eigene Show im Alhambra-Theater am Leicester Square. Fortan verbog er Eisenstangen, sprengte Ketten, trug mal ein Pferd, mal eine „Schwadron Soldaten“, einmal gar ein Klavier mit acht Musikern obendrauf. Oder er überlebte „Herkules' Tod“, bei dem ihm ein Gewicht von 680 Kilogramm auf den Brustkorb gelegt wurde. Bekanntermaßen waren einige der starken Männer Betrüger: Billiges Eisen wurde für Ketten verwendet, damit sie leichter gesprengt werden konnten; Hanteln wurden mit Sand gefüllt, der, nachdem sich ein Zuschauer überzeugt hatte, wie schwer das Ganze war, durch ein Loch herausrieselte; und so manches über Kopf getragene Pferd wurde an einem verborgenen Strick mit in die Höhe gezogen. Auch Sandow dürfte bei dem einen oder anderen seiner Tricks geschummelt haben.

          Weibliches Selbstbewusstsein im späten 19. Jahrhundert

          Seine Vorstellungen waren trotzdem Wochen im voraus ausverkauft: Die noblen Damen des so prüden viktorianischen Zeitalters ließen sich den fast nackten Herkules genauso wenig entgehen wie König Eduard VII. und sein Sohn, der Prince of Wales. Als Georg V. ernannte er Sandow im Jahr 1911 sogar zum Professor für wissenschaftlichen Körperkult.

          Überliefert ist ein Auftritt 1892 an der Royal Military Academy in Woolwich vor Kadetten und Offizieren, über den die medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ berichtete. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, habe Sandow seinen Bizeps im Takt der Musik angespannt und wieder gelockert. Auf Zuruf habe er namentlich zu benennende Muskeln einzeln oder in Gruppen hervortreten lassen können. Ein Soldat, der den Körper mit seinen Händen befühlen durfte, beschrieb seine Empfindungen mit den Worten, es sei, als würde man über gewelltes Eisen streicheln.

          Nur mit Schnurrbart und Feigenblatt: Eugen Sandow war berühmt für seinen wohlgestalteten Körper, den kein Six- sondern ein Eightpack besonders auszeichnete.
          Nur mit Schnurrbart und Feigenblatt: Eugen Sandow war berühmt für seinen wohlgestalteten Körper, den kein Six- sondern ein Eightpack besonders auszeichnete. : Bild: Archivio GBB / CONTRASTO/laif

          Über Sandows Erfolg wurde viel geschrieben. Manche Forscher meinen, er lasse sich mit dem Aufkommen weiblichen Selbstbewusstseins im späten 19. Jahrhundert erklären. Frauen wollten plötzlich eigene Entscheidungen treffen – auch bei der Wahl ihres Ehemanns. Da seien echte Männer gefragt gewesen.

          „Perfekte männliche Proportionen“

          Zudem war seit Charles Darwin und mit Beginn der industriellen Revolution viel von „sozialer Degeneration“ die Rede. Gemeint war der Stadtmensch, der fern der Natur und ohne harte Arbeit langsam zum Schwächling mutierte. Erstaunlicherweise galt der fast nackte Sandow, der oft wie ein in Stein gemeißelter antiker Held nur mit Feigenblatt auftrat, nicht als anstößig, während Schauspielerinnen auf der selben Bühne nicht einmal ihre Knöchel zeigen durften.

          Im Sommer 1893 segelte Sandow erstmals in die Vereinigten Staaten – mit einem Vertrag für das Casino Theatre in New York in der Tasche. Die „New York Times“ schrieb damals begeistert: „Sandow is a wonderful creature.“ Sein Bizeps sei vielleicht nicht größer als bei manch anderen starken Männern, aber so einen Rücken und eine Brust habe es seit dem biblischen Samson auf Erden nicht mehr gegeben. Vom Harvard-Professor Dudley Sargent ließ sich der Gast aus Europa sogar vermessen. Sargents Ergebnis: perfekte männliche Proportionen. In Amerika traf er nicht nur Theodore Roosevelt, der sich gleich seinem Muskeltraining verschrieben haben soll, sondern auch Florenz Ziegfeld, der später mit seiner Show „Ziegfeld Follies“ weltberühmt wurde.

          Mit dem europäischen Herkules feierte der amerikanische Produzent seine ersten Erfolge auf der Weltausstellung in Chicago – die Shows brachten Sandow unfassbare 2800 Dollar Honorar pro Woche ein, nicht eingerechnet das Extrageld, das er sich bei privaten Vorstellungen mit wohlhabenden Damen hinzuverdiente. Dabei soll er sich nach Recherchen seiner Biographen (etwa David Waller: „The Perfect Man: The Muscular Life and Times of Eugen Sandow, Victorian Strongman“) aber nie auf sexuelle Abenteuer eingelassen haben, zumindest ist kein Fall überliefert.

          1500 Pfund für die Olympischen Spiele

          Sein Erfolg in Amerika wurde nur noch größer, als er als einer der ersten überhaupt vor eine Filmkamera trat. Am 10. März 1894 ließ er seine Muskeln für Thomas Alva Edison spielen, ein gutes Jahr bevor das neue Medium überhaupt mit den Brüdern Skladanowsky Europa erreichte. Der Film, gedreht im Edison Corporation's Studio in West Orange (New Jersey), ist 50 Sekunden lang und im Besitz der Library of Congress in Washington DC, aber auch leicht auf Youtube zu finden. In Theatern in ganz Amerika war schon damals zu sehen, wie Sandow stolz sein Eightpack präsentiert.

          Dem antiken Ideal sehr nahe: Eugen Sandow
          Dem antiken Ideal sehr nahe: Eugen Sandow : Bild: Picture-Alliance

          Sandow bereiste fast die ganze Welt, wurde zur Marke auch in Indien, Australien und Neuseeland. Unter seinem Namen verkaufte er „gesundes und stärkendes Kakaopulver“ genauso wie Backpulver, das Kuchen die perfekte Form geben sollte. Zudem richtete er am 14. September 1901 in der Londoner Albert Hall vor 15.000 Zuschauern den ersten großen Bodybuilding-Wettbewerb der Welt aus. Richter waren neben Sandow der noch nicht geadelte Arthur Conan Doyle und der Bildhauer Charles Lawes. 80 Männer standen auf der Bühne, Gewinner war ein William Joseph Murray aus Lancashire, der dafür ein hohes Preisgeld und eine goldene Statue von Eugen Sandow bekam.

          Sandow, der 1904 britischer Staatsbürger wurde, zog sich mit 38 Jahren von den Bühnen zurück. Er war bis zu seinem vorzeitigen Tod mit 58 Jahren – wohl an einer Hirnblutung, die er in Folge eines Autounfalls erlitten hatte – ein wohlhabender Mann und glücklicher Familienvater. Mit seiner Frau Blanche Brookes und ihren beiden Töchtern Helen und Lorraine lebte er in einem vierstöckigen Haus an der Holland Park Avenue in Kensington, das seit 2009 Teil des „English Heritage“ und mit einer blauen Plakette als historisches Denkmal gekennzeichnet ist.

          Großzügig unterstützte der Brite, der seine preußische Vergangenheit vergessen machen wollte, seine neue Heimat, spendete unter anderem 1500 Pfund für die Olympischen Spiele 1908 in London und 1000 Pfund für die Expeditionen von Ernest Shackleton und Douglas Mawson in die Antarktis. Ihm zu Ehren findet man noch heute im Osten des eisigen Kontinents einen „Mount Sandow“.

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