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Sieben Tage im Kloster : Alles bewusster spüren, auch die eigene Vergänglichkeit

  • -Aktualisiert am

Zur vollen Stunde ein Gebet: Drei Stunden wurde am Morgen gearbeitet, wie hier in der Gärtnerei von Bruder Thaddäus oder auf dem Friedhof mit Bruder Andreas. Bild: Julian Trauthig

Eine Woche ist unser Autor ins Kloster gegangen: Aufstehen um 4.40 Uhr, Beten, Essen, Arbeiten, Beten, Gespräche. Sinnsuche kann ganz schön anstrengend sein.

          9 Min.

          An einem Herbsttag mache ich mich also auf den Weg in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach, nicht weit von Würzburg entfernt. Für sieben Tage werde ich einer von 13 Männern sein, die den Kursus „Kloster auf Zeit“ gebucht haben. Wir werden das Klosterleben kennenlernen, mit den Mönchen beten und arbeiten – und womöglich zur Ruhe kommen. Viel mehr ließ sich aus der Beschreibung nicht herauslesen. Meine Erwartungen sind diffus. Ich hoffe, dass ich den stressigen Alltag hinter mir lassen kann und Zeit zum Nachdenken habe. Ein bisschen Besinnung würde vielleicht nicht schaden. Kaum jemand geht noch sonntags in die Kirche, aber viele Menschen sind auf der Suche nach Sinn und Ruhe, in Yogakursen, im Spa oder auf der Alm. Oder eben im Kloster, auf Zeit. Der Kurs ist schon Wochen vor Beginn ausgebucht.

          Montag, der erste Tag

          Die Anreise ist mühsam. Vielleicht ist das genau das Richtige für eine Woche Auszeit. Als Teil des Weges, der hier vor uns liegt. Von Frankfurt aus mit dem ICE nach Würzburg, dort mit der Regionalbahn nach Dettelbach und dann mit dem Bus 40 Minuten. Es geht vorbei an Äckern und Wäldern, durch Dörfer mit engen Gassen, durch die der Bus gerade so passt. Aus der Ferne erkenne ich schon die Klosterkirche mit den vier Türmen, die den Rest der Abtei und den Ort Schwarzach am Main überragt. Ich steige als Einziger am Busbahnhof Münsterschwarzach aus und suche das Gästehaus der Abtei. Neben dem Busbahnhof ist ein großer Parkplatz für die Besucher der Abtei. Die Straße entlang gibt es ein Gasthaus „Zum Benediktiner“, ein Café und die klostereigene Metzgerei und Bäckerei. Das Kloster sieht moderner aus als gedacht. Das Gästehaus scheint erst vor wenigen Jahren renoviert worden zu sein. Komfortabler als eine Jugendherberge, denke ich, als ich durch die gläserne Schiebetür in das Foyer gehe. Ich fühle mich gleich wohl hier.

          Zeit und Raum: Pater Jasaja (links) und Bruder Melchior unterhalten sich im Klausurbereich des Klosters.
          Zeit und Raum: Pater Jasaja (links) und Bruder Melchior unterhalten sich im Klausurbereich des Klosters. : Bild: Julian Trauthig

          Die freundliche Frau an der Rezeption sagt, der Kurs beginne mit dem Abendgebet um 18 Uhr, danach treffe sich die Gruppe im Speisesaal. Dort sei auch Pater Jesaja dabei, einer der beiden Mönche, die den Kurs begleiten. In der Kirche ist es kalt. Draußen ist der Herbst angebrochen, es ist neblig, man kann den Atem sehen. Ich kenne niemanden aus der Gruppe bisher. Ich hoffe nur, dass einige der Männer dabei sein werden, die ähnlich verunsichert wie ich am Ende der Kirchenbänke stehen und nicht wissen, was sie jetzt machen sollen. Ich setze mich allein in eine Bank und höre den Mönchen zu, ohne zu begreifen, was sie da genau singen, warum sie manchmal aufstehen und sich verbeugen. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie sie das über Jahrzehnte hinweg jeden Tag von morgens bis abends machen können.

          Die Gruppe findet sich zum ersten Mal zum Abendessen zusammen. Verunsichert schauen wir uns an. Wer bucht solche Tage? Bevor wir darüber sprechen können, kommt Pater Jesaja, ein freundlicher Mann mittleren Alters mit unauffälliger Brille und freundlichem Lächeln, an unsere Tische und begrüßt uns. „Ich lade euch dazu ein, mit mir zusammen ins Chorgestühl in der Kirche zu gehen. Dort werden wir das letzte Gebet des Tages mit den Mönchen singen.“

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