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Entspannte Schweden : Wie Skandinavien zum großen Vorbild wird

  • -Aktualisiert am

Sommer in Schweden - pures, unverfälschtes, seligmachendes Glück. Bild: Stefanie Schütte

Während die ganze Welt immer gehetzter wird, nehmen zum Beispiel die Schweden das Leben leichter. Ihr Geheimnis: alles in Maßen. Eine Reise ins Land des Lagom.

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          „Geh an einem Sommermorgen in Stockholm zum Kai am Strandväg hinunter und schau nach, ob dort ein kleiner weißer Schärendampfer mit dem Namen „Saltkråkan I“ liegt. Wenn es so ist, dann ist es der richtige Dampfer, und man braucht nur an Bord zu gehen.“

          Die ersten Sätze von Astrid Lindgrens Buch zur Fernsehserie „Ferien auf Saltkrokan“ gehören bis heute zu meinen liebsten Romananfängen. Im Frühjahr treiben sie mir fast die Tränen in die Augen, so stark wecken sie meine Sehnsucht nach dem Sommer, nach Stockholm und den Schären. Denn der bringt – kein Klischee – tatsächlich pures, unverfälschtes, seligmachendes Glück.

          Wir haben ein kleines Sommerhaus auf einer Schäreninsel. Schwedensommer, das ist für mich die große Freiheit. Mindestens zweimal am Tag ins kalte Wasser springen, schwimmen, tauchen, auf warmen Granitfelsen sitzen, Zimtschnecken essen oder das Nationalgericht S.O.S.: „Smör, Ost och Sill“ – Butter, Käse und Hering. Oder Blaubeeren pflücken und damit Pfannkuchen backen. Kochen, ratschen, lesen, lachen – und auch im Restaurant niemals hohe Schuhe und viel Schmuck tragen oder sich aufwändig schminken. Ich bin in meinem Leben schon an alle möglichen Orte gereist, aber so entspannt wie in den Schären im Juni, Juli und August geht es nirgendwo anders zu. Jeder scheint dort ungestört seinen Bedürfnissen nachgehen zu dürfen – und achtet dennoch darauf, damit niemanden zu stören oder zu behindern. Als ob das ganze Leben sich auf eine angenehme Balance einpendeln würde.

          Lagom ist überall: Der Begriff aus Schweden macht jetzt auch in den sozialen Medien die Runde.
          Lagom ist überall: Der Begriff aus Schweden macht jetzt auch in den sozialen Medien die Runde. : Bild: INSTAGRAM

          Einer der Hauptgründe dafür liegt in der schwedischen Philosophie des Lagom, der Suche nach der richtigen Mitte.

          Das Wort, das für ein Lebensprinzip steht, ist eines der neuen Beispiele dafür, wie Skandinavien für Mitteleuropäer zum großen Vorbild wird. Kindererziehung, Inneneinrichtung, Mode, Essen – das alles verstehen Schweden, Dänen, Norweger und vielleicht sogar Finnen aus Sicht von Nicht-Skandinaviern angeblich besser. Denn sie haben ja einfache Prinzipien, zum Beispiel Hygge, was so viel heißt wie heimelig oder gemütlich, oder eben jetzt Lagom.

          Allein im vergangenen Jahr sind vier nennenswerte Bücher in Deutschland zum Thema erschienen. Die in Schweden lebende Bloggerin Niki Brantmark dekliniert in ihrem Buch „Lagom. Der schwedische Weg zum Glück“ (Christian-Verlag) das Gefühl für alle Lebenslagen durch, von der Einrichtung über das Kochen bis hin zur Kindererziehung. Ähnlich halten es die Autorinnen Linnea Dunne („Glücklich leben in Balance“, Callwey) und Anna Brones („Das Geheimnis des schwedischen Lebensglücks“, Busse Seewald). Auch Lola Åkerström („In der Mitte liegt das Glück“, Knesebeck) gibt viele Tipps für ein Leben in Lagom-Manier. Gleichzeitig versucht sie, dem Wort selbst und seiner Geschichte auf die Spur zu kommen und die schwedische Gesellschaft zu analysieren.

          Was verstehen Instagram-User unter Langom?
          Was verstehen Instagram-User unter Langom? : Bild: INSTAGRAM

          Genau übersetzen kann man das Wort nämlich gar nicht. Es heißt so viel wie „ausreichend“, „nicht zu viel und nicht zu wenig“ oder „genau die richtige Menge“. Lagom transportiert die Idee, dass sich jeder nur so viel nimmt, dass es für alle reicht. In Skandinavien gilt fast überall das Motto: „Zusammen ist man weniger allein.“ Das Wohl der Gemeinschaft zählt mehr als hemmungslose Selbstverwirklichung. Und Schweden ist das „Lagom landet“, das Land des Lagom.

          Was man braucht, wird man zur rechten Zeit bekommen

          Wahrscheinlich kommt der Begriff von „laghum“, der altertümlichen Dativ-form des Wortes „lag“, was wiederum „Gesetz“ oder „Regel“ bedeutet. Man könnte „lagom“ somit als Regel definieren, die für alle gleichermaßen gilt. „Lag“ bedeutet aber auch „Gruppe“ oder „Team“. In diesem Fall stünde Lagom für „laget om“. Und das bedeutet: „um das Team herum“. Schon die Wikinger sollen den Grundsatz beherzigt haben. Sie ließen ihren Met in einem Trinkhorn herumgehen. Jeder in der Runde nahm einen Schluck - immer nur so viel, dass für die anderen genug übrigblieb.

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