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Entspannte Schweden : Wie Skandinavien zum großen Vorbild wird

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Dass das Wort in Zeiten schwindender Ressourcen und eines wachsenden Überdrusses am Überfluss gerade herumgereicht wird, wundert eigentlich nicht. Dass es von beinahe allen Lagom-Autoren zum wichtigsten Schlüssel für ein glückliches Dasein erhoben wird, wirkt hingegen etwas übertrieben. Allerdings landet Schweden im „World Happiness Report“, dem Ranking der glücklichsten Nationen, seit Jahren tatsächlich regelmäßig auf einem der ersten zehn Plätze. Und Åkerströms Diagnose, dass Lagom helfe, „einen Strom der Ausgeglichenheit durch unser Leben fließen zu lassen“ – die kann ich nur bestätigen.

Typisch Schweden - Zimtschnecken und Tee.
Typisch Schweden - Zimtschnecken und Tee. : Bild: INSTAGRAM

Am besten erlebt man dieses Lebensgefühl an Ort und Stelle – in Stockholm und seinem Schärengarten. In der Hauptstadt selbst muss man eigentlich nur einmal im trendigen Stadtteil Södermalm bei „Hermans“ zum Mittagessen einkehren. Jeder Gast zahlt hier 195 Kronen, also rund 20 Euro, und kann sich dann von einem köstlichen vegetarischen Buffet bedienen. Wasser und Kaffee gibt es gratis dazu - wie in vielen schwedischen Restaurants. Die „Fika“, die regelmäßige Kaffeepause, gilt als feste Institution, auch das natürlich ein Beispiel für Lagom. Die Schweden arbeiten zwar hart und konzentriert, doch zum Ausgleich muss immer Zeit für eine Pause sein.

Das „Hermans“ liegt auf einer Anhöhe in der Fjällgatan. Man sitzt im Garten auf einfachen Holzbänken und genießt den Blick über die Stadt. Der Anstieg über die Treppen ist mühsam, die Aussicht dann grandios. Als einziger Störfaktor kreisen schmutzig-schwarze Kolkraben über den Tischen, zum Sturzflug bereit. Ansonsten ist das Idyll perfekt. Die Gästeschar wirkt bunt gemischt. Und wegen der günstigen Preise und guten Qualität zieht das Lokal Rentner, Hipster, Büromenschen, Studenten und Familien gleichermaßen an. Nach dem Essen stellt jeder sein Geschirr zurück, und alle wirken zufrieden.

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„Eine offene und allen zugängliche Esskultur reduziert unser instinktives Bedürfnis, allzu viel zu konsumieren oder zu horten“, konstatiert Lagom-Autorin Lola Åkerström. „In Schweden weiß man: Was man braucht, das wird man zur rechten Zeit bekommen.“

Auch gutes Feng Shui lässt sich im Begriff Langom finden.
Auch gutes Feng Shui lässt sich im Begriff Langom finden. : Bild: INSTAGRAM

Sogar der Luxus übt sich hier in Lagom. Stockholms schönstes Nobel-Hotel, das „Ett Hem“ im großbürgerlichen Stadtteil Östermalm, ist wie eine freundliche Familienvilla gestaltet, in der jeder willkommen ist. Zum Frühstück gibt es kein überbordendes Buffet, sondern Granola mit frischem Obst und Joghurt, gutes Brot und Butter, Marmeladen, Honig und ein Stück Käse. Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Später zum Lunch schlendern auch Nicht-Hotelgäste in gemütlicher Kleidung herbei, so wie zu guten Freunden nach Hause. Hauptsache gelassen und niemals überdreht.

Pur, tragbar, bequem – und nicht langweilig

Schwedens angesagte Modemarke Acne ist insofern ein landestypischer Ausstatter. Der Flagship-Store des Labels liegt etwa 20 Gehminuten vom „Ett Hem“ entfernt, am Norrmalmstorg. Selbst wenn man nichts kaufen will, sollte man vorbeischauen. Das Geschäft ist in den Räumen einer ehemaligen Bank, der Sveriges Kreditbanken. 1973 trat während einer Geiselnahme hier erstmals das „Stockholm-Syndrom“ auf, das als krasses Gegenteil zu freiheitlichen Prinzipien wie Hygge und Lagom steht. Das gibt es hier also auch. Vielleicht sind die Verkäufer deshalb so sympathisch, denke ich mir. Jedenfalls durfte ich hier schon öfter meine gesamten Stockholm-Einkäufe stundenlang stehen lassen.

Die Entwürfe von Acne sind pur, tragbar, bequem - und trotzdem nicht langweilig. So wie die femininen Kleider der schwedischen Designerin Carin Rodebjer. Auch die Mitarbeiterinnen von „Ett Hem“ tragen übrigens überwiegend Rodebjer und sehen allesamt großartig darin aus. Es sind Stücke, in denen man am liebsten sofort losziehen würde, raus an die Luft, runter zum nahegelegenen Strandvägen, wo noch immer die weißen Dampfer in den Schärengarten ablegen, eine Wasserwelt mit rund 24.000 Inseln, die nur zum Teil bewohnt sind.

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