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Das Leben als Lockvogel : „Jeder geht mindestens einmal fremd“

„Ich würde ins Navi schauen, wenn ich im Handy nichts finde“: Theresa Kersten im Jardin des Tuileries in Paris. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe der Stadt. Bild: Helmut Fricke

Therese Kersten hat Untreue erlebt und aus der schlechten Erfahrung das Beste gemacht. Sie gründete eine Agentur und testet Menschen auf ihre Treue. Ein Gespräch über Eifersucht, Hormone im Frühling und die Fotos älterer Männer.

          7 Min.

          Therese Kersten, 27, führt seit acht Jahren eine Agentur mit Namen Die Treuetester. Sie stammt aus Schönebeck in Sachsen-Anhalt, machte mit 16 eine Ausbildung zur Polizistin in Berlin, brach diese aber ab und ging zurück in die Heimat, um ihr Fachabitur zu machen. Mit 19, schon lange keine Jungfrau mehr, verkaufte sie ihren Körper das erste Mal für 1000 Euro auf einer Auktionsplattform im Internet, nach der fünften Auktion zog sie zu dem Gewinner, einem vermögenden Sugardaddy, nach Wien. Mit 22 wurde sie von ihm schwanger und brachte eine Tochter zur Welt. Schon von Beginn des ersten Beziehungsjahres an ahnte sie, dass dieser Mann nicht nur seine langjährige Partnerin, sondern auch sie selbst mit etlichen anderen Frauen betrog, und spionierte ihn – rasend eifersüchtig – aus. So kam ihr schon mit 19 der Gedanke, ihre Erfahrungen auch beruflich zu nutzen und die Agentur zu gründen. Bald schon hatte sie mehr als 100 Treuetesterinnen und Tester in ihrer Kartei und bekam etwa eine Kundenanfrage pro Tag.

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als sie 2016 im Auftrag eines möglichen künftigen Geschäftspartners nach Paris reiste und von ihm in einem Hotelzimmer massiv sexuell bedrängt wurde, floh sie. Später schickte ihr der Portier des Hotels, dem sie sich im Zuge ihrer Flucht offenbart hatte, auf Facebook eine Kontaktanfrage. Heute ist dieser algerischstämmige Mann ihr Verlobter und der Vater ihrer gerade geborenen zweiten Tochter.

          Nun hat Kersten ein Buch mit dem Namen “Lockvogel“ geschrieben. Darin schildert sie ihren Werdegang und breitet die ungewöhnlichsten Fälle aus, die sie als Treuetesterin aufgeklärt hat. Mittlerweile lebt sie in der Nähe von Paris.

          Zum Treffen in das Café in der Nähe des Louvre kommt Therese Kersten an diesem Tag wegen eines Staus auf der Pariser Stadtautobahn fast eine Stunde zu spät. Sie wirkt entspannt und muss, wenn sie über Fälle aus dem Buch erzählt, meist erst im Manuskript nachblättern, um zu prüfen, um welchen Fall es sich handelt. Die Klarnamen ihrer Kunden hat sie im Text verändert, mit den Pseudonymen kann sie oft nichts anfangen. Am Ende des Gesprächs wird sie von ihrem Partner abgeholt, der ihre schlafende Tochter im Kinderwagen dabeihat und die ganze Zeit vor dem Café auf und ab spaziert ist, um in der Nähe zu sein, falls das Baby hätte gestillt werden müssen. Sie wirkt glücklich und verliebt, ihr Partner, der etwa im gleichen Alter wie sie selbst ist, ebenso.

          Frau Kersten, Ihr Buch liest sich wie ein Roman. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die wirklich so ticken wie die Leute, die Sie da beschreiben.

          Das sind halt Extrembeispiele im Buch, die Highlights aus acht Jahren.

          Können Sie einen Fall schildern, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

          Das ist definitiv der sogenannte Karottenmann. Er schickte uns einen Slip seiner Frau, wir sollten ihn im Labor auf Sperma untersuchen lassen. Noch bevor wir das Ergebnis hatten, kam schon ein neues Paket mit einem neuen Slip. Und immer so weiter, etwa zwanzig Sendungen. In den Paketen waren nicht nur Slips drin, sondern alles Mögliche, am Ende sogar Mohrrüben, weil er gedacht hatte, dass jemand seine Frau damit – Sie wissen schon. Er hatte auch den Verdacht, dass sein eigener Bruder mit seiner Frau schläft, und wollte einen Vaterschaftstest von seinen schon älteren Kindern. Es kam heraus, dass eines seiner Kinder sein eigenes war, vom anderen war er indes tatsächlich nur der Onkel. Wir boten ihm dann an, dass wir seine Frau observieren könnten, um zu sehen, mit wem sie sich so treffe, aber da sagte er, das sei zu teuer – und das, nachdem er schon zirka zwanzig Slips zum Preis von je 239 Euro hatte analysieren lassen. Ich werde bis heute nicht schlau aus dem Mann.

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